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Hacktivism Chatten mit LulzSec - Ein Protokoll.

Foto: http://lulzsecurity.comlzsecurity.com
Was treibt Hacker-Aktivisten wie jene von LulzSec und Anonymous an? Die österreichische Journalistin Sarah Kriesche begab sich für die futurezone auf Spurensuche in das Kommunikationsnetzwerk von LulzSec. In mehrtägigen IRC-Chats mit einem aktiven LulzSec-Mitglied versuchte Kriesche, mehr über die Motivation der LulzSec-Bewegung zu erfahren. Die Auszüge aus den Chatgesprächen sind im Folgenden unverändert in englischer Sprache wiedergegeben.

Zum Erreichen ihrer Ziele gibt es für Aktivisten, die sich mit der Gruppe identifizieren, offenbar kaum Grenzen, außer vielleicht Kinder. "There are no lines we won`t cross, unless it is obvious shit like children", so das LulzSec-Mitglied. Und auch für die Aufregung der Gamer, die seit den Sony-Hacks um ihre persönlichen Daten fürchten, zeigt man wenig Verständnis. So seien die Regierungen auch deshalb ungestraft so korrupt, weil die Leute zu beschäftigt mit dem Spielen ihrer Computer-Games seien anstatt sich aufzulehnen.

LulzSec für drei Tage und vier Nächte

Wenn man als Journalist(in) einen IRC-Chatraum betritt um sich mit Hackern über deren Motive und die Organisation zu unterhalten, sollte man bereit sein, einzustecken und Befindlichkeiten und Animositäten in der realen Welt zurücklassen. Denn der Grat zwischen der erwünschten Frage "What do you want to know?" und Aussagen wie "We are not giving interviews to attention starved whores." ist ein schmaler. Die Wahl des Ansprechpartners sollte also gut überlegt sein und die Parameter, wer ein guter Ansprechpartner ist, fallen anders als in der "realen" Welt aus. Zumindest, wenn man sich die unerwünschte Aussage ersparen will.

Was mich im Vorfeld dazu bewog, mich mit mir unbekannten Menschen, die in der realen Welt strafrechtlich verfolgt werden, zu treffen und mir vier Nächte im Chat um die Ohren zu schlagen? Nun, "I definitly didn`t do it for the lulz". Die Wahrheit ist, irgendjemand musste es doch tun, denn der virtuelle Raum übt längst schon erheblichen Einfluss auf die reale Welt aus und die angelernten Grenzen der Realität verschwimmen immer mehr. Institutionen wie das FBI haben inzwischen eigene Fahndungslisten für Cyberkriminelle, und Firmen, die Sicherheits-Software verkaufen, machen das große Geschäft mit der Angst der kleinen Leute – ganz nach dem Motto: Wer nichts weiß, muss alles glauben (und kaufen). Sicher ist sicher.

David gegen Goliath
Wie schlagkräftig sie die "reale" Welt treffen können, haben die Gruppierungen von Anonymous und LulzSec bei ihren Angriffen gegen Giganten wie Sony, Paypal, VISA oder den französischen Atomriesen EDF sowie die CIA, FBI und die NATO bewiesen. Neben veröffentlichten Spielerdaten, fanden auch Regierungsmitglieder ihre Mitgliedschaft auf Porno-Seiten veröffentlicht und Chat-Logs sollen nicht nur die wahre Natur von so manch gehacktem Firmeninhaber aufdecken, sondern auch untermauern, dass die Gruppe weder bestechlich ist, noch, dass es ihnen nur um Spaß, Geld oder den Beweis ihrer Fähigkeiten geht.

Es wird also Zeit, sich vom Clichée, es handle sich um eine Hand voll "verirrter" Kinder, die sich zufällig in der virtuellen Welt treffen um ein wenig Schaden anzurichten, zu verabschieden. Hier werden keine Mülltonnen angezündet und dann an der anderen Straßenseite zugeschaut, wie sie abbrennt, und alle finden‘s lustig. Wir sprechen von altersunabhängigen gut funktionierenden Netzwerken Gleichgesinnter, die am Ende des Tages für ihre Ziele ihre persönliche Freiheit riskieren – in der realen Welt.

Hacktivisten mit PR-Begabung
Die Hacker sind Erwachsen geworden. Bei Lulzsec und Anonymous, deren Mitglieder bei diversen Aktionen wie "Operation Anti Security" nun auch zusammen arbeiten, ist längst nicht mehr der "heimliche Hack" und das Kräftemessen gefragt. Es geht um politische Botschaften, die durch ihre Fähigkeit, Firmenimperien bloßzustellen, unterstrichen, und sogar PR-technisch begleitet werden (und ein wenig „for the lulz“, denn der Showeffekt darf hier, wie in der realen Welt nicht fehlen).

Doch was genau sind die Botschaften? Wie organisieren sie sich und von wie vielen Personen sprechen wir? Rechtfertigt der Zweck die Mittel? Was wollen sie und dringen sie wirklich andauernd in unsere Arbeitszimmer ein, um zu beobachten, auf welchen Internetseiten wir uns gerade herumtreiben? Sollte uns das nicht mehr interessieren? Sollte die Tatsache, dass im Internet eine Revolution ausbricht, nicht mehr interessieren als die Frage nach der wahren Identität diverser Hacker? Sollten wir bei einer Gruppierung von Menschen, welche behaupten, unsere Rechte im Internet zu verteidigen, nicht mal nachfragen, welche unserer Interessen sie genau vertreten und wieso? Ich jedenfalls wollte es wissen. Und ich wusste, wo ich mit der Suche beginnen musste: Im Internet.

Nächtliche Chatter-Party
Meine Suche, bis ich in die relevanten Chatrooms fand, kann in einem Satz zusammengefasst werden: Wer finden will, der findet. Inzwischen, da die "Operation Anti-Security" (http://pastebin.com/9KyA0E5v) gestartet wurde, findet der Suchende übrigens einfacher denn je.

Da war ich also und tat, was ich in solchen Fällen immer mache (danke, SaD|Psy, seinerzeit auf dich zu hören erwies sich jetzt als sehr sinnvoll). Ich beobachtete und sondierte aus. Es ist vergleichbar mit einer Party. Die Leute, die einen sofort begrüßen, kennen meistens selbst niemanden und freuen sich, dass sie ein wenig früher gekommen sind, um einen als "Mentor" willkommen zu heißen. Weg damit. An der Bar findet man immer die betrunkenen und dort, wo das Schweigen nur von anderen unterbrochen wird, findet man dann die ersten relevanten Personen und Anhaltspunkte. Der Rest ist eine Frage der Kommunikation und natürlich des Glücks. Ich hatte Glück. Von einem Ansprechpartner wurde ich zum nächsten gereicht, alle fanden mich offensichtlich zumindest "interessant" und letztendlich landete ich bei einem aktiven und offensichtlich innerhalb der Gruppe sehr geschätzten Mitglied von LulzSec, mit dem ich die nächsten drei Tage und vier Nächte verbrachte. Genug Zeit also, um abseits der anderen Partygäste mehr über die eigentlichen Beweggründe herauszufinden.

Ich werde den Nicknamen meines Interviewpartners in weiterer Folge nicht erwähnen. Zum einen weil ich denke, es soll um die Motive und nicht um die Personen gehen. Zum anderen ist das auch ein simples Versprechen, das ich meinem Interviewpartner gab. Denn eine klassische Hierarchie in der Gruppe gibt es nicht, so kann jedes Mitglied letztendlich nur für sich sprechen – die anderen Mitglieder können seinen Argumenten zustimmen, oder auch nicht. Um also den Inhalt weder auf die Person noch den Namen zu fokussieren, sondern auf die Kernbotschaft, verzichte ich sowohl auf seinen, als auch auf meinen "Nick".

CHATTEN MIT LULZSEC

Bis zu 1300 User in den "schwachen" Zeiten, bis hin zu Überlastungen wegen zu vielen Usern in den "stärksten" Zeiten (am Abend) zählen die Chaträume von LulzSec und Anonymous. Durch ihren Zusammenschluss überstieg die Zahl der aktiven Mitglieder inzwischen die 500er-Grenze. Weitere Neuzugänge werden erwartet.

<>do you know how many you will be together with anonymous? or is that not to ask?
<>combined our channels here, on anonymous and other networks have already broken past 500 users. thats a beautiful thing :) hopefully we can motivate more like us.

Abgesehen von Zusatzberechtigungen für bestimmte "bekannte" Benutzer der Chaträume, gibt es keine Hierarchien. Die Organisationsstruktur wird von persönlichen Motiven mitbestimmt. Für jedes Projekt findet man einen entsprechenden Chatraum um Strategien, zeitliche Abläufe und Vorgehensweisen zu diskutieren. An dieser Stelle klärt sich auch die Frage, weshalb niemand für das Kollektiv sprechen kann. Letztendlich verfolgt jedes Individuum ein anderes Ziel. Vereint hinter der Vision, die (Internet-) Rechte der Menschen zu schützen und in der Bekämpfung von Korruption mit Hilfe des Internets auch die reale Welt zu erreichen. Mit allen Mitteln? Wenn es sein muss mit allen Mitteln, bekomme ich als Antwort. Einzige Ausnahmen: Offensichtlicher "Shit" wie zum Beispiel, wenn es sich um Kinder handelt. Denn es brauche (diese Form der) Provokation, um sicherzustellen, dass Benutzerdaten gesichert werden. Es brauche diese Provokation um höhere Sicherheitsstandards ins Leben zu rufen und es geht ihm darum, dass die Firmen sich um die Kundenrechte kümmern, anstatt um ihre Vermögenswerte.

<>so you point your finger at things that don`t seem to be right and you help the weak ones. so it`s not just for the fun but also for a higher goal?
<>yes we provoke the need to secure customer data
<>yes we provoke the need for higher security standards
<>we also provoke the exposure of corruption in these companies/agencies
<>but its not just bout buying security software. its about respecting your customers privacy. at the very least protect passwords with strong hashes
<>and focusing on your customers` rights
<>not just protecting your assets

<>how are you organised?
<>are we organized? no. we are a leaderless collective. we go by daily basis

<>any lines you wouldn’t cross to achieve your goals?
<>there are no lines we won`t cross unless its obvious shit like children etc

Dass die Gamer-Szene durch den Hack an Sony verärgert sein könnte, amüsiert das LulzSec-Mitglied eher, als dass der Verlust möglicher Fans betrauert wird. Seiner Meinung nach war es notwendig, sie aufzurütteln, konnten diverse Regierungen doch erst korrupt werden, weil sich niemand gegen die "Vergewaltigung der Rechte" aufgelehnt hat – zu groß war die Begeisterung für diverse Spiele.

<>Gamers might be mad at you…does it bother you?
<>the attacks on gamers should not be something to shun but rather, a jolt to awaken the millions of gamers out there who are lost/obsessed with their escapisms...
<>the truth is such obsession is the reason why the governments of the world are so corrupt and we allow them to violate our rights because our people are too busy obsessing over a fucking game

Der Kampf fordert seinen Tribut und auch im Internet werden sie oftmals von Jägern zu Gejagten. Denn auch in der virtuellen Welt wird die Luft dünn, je weiter man aufsteigt. Missgunst, Neid, Kräftemessen und vermeintliche „Outings“ stehen für die Mitglieder an der Tagesordnung. Doch für ihr übergeordnetes Ziel nehmen sie nicht nur das, sondern auch lange Gefängnisstrafen in Kauf. Denn: Korruption aufzudecken und Dinge, die ihnen ungerecht erscheinen anzusprechen, ist ihr gemeinsames oberstes Ziel.

Natürlich könne er nicht für alle Mitglieder sprechen, das betont er immer wieder, aber ihm gehe es unter anderem darum, den in seinen Augen eklatanten Missbrauch unserer Daten aufzuzeigen und öffentlich zu machen. Die Angst, dass die Botschaft hinter den Aktionen nicht ankommt und diese einzig verschärfte Sicherheitsmaßnahmen nach sich ziehen könnten, scheint berechtigt.

<>some people who had been hackers now go for the money and work for them companies. one has to be very good so he/she doesn`t get caught or arrested. aren`t you afraid? or is it a risk you go for the higher goal?
<>I am afraid in two senses; one what will happen if they catch me and two what will happen if my message is not accepted
<>because in one sense I am doing what I believe
<>in another sense if my message is lost then we will have a prolonging of security issues affecting the world

Wie sie Regierungen zum Einlenken bewegen wollen? Durch ihre Operation "Anti-Sec". Anonymous und LulzSec bündelten ihre Energien und ihre Attacken richten sich derzeit weltweit gegen Regierungen die sie der Korruption bezichtigen. Ahndung inklusive. Der Auftakt habe gerade begonnen. Und: am Ende des Tages sei es inzwischen bereits einerlei, ob man auf die Straße geht um zu demonstrieren, oder ob man im Internet z.b. für die Datensicherheit eintritt. Es gehe ihm darum, vereint gegen Korruption und Machtmissbrauch einzutreten. Die Menschen sollten sich informieren, einlesen, einbringen und sich vereint gegen den, wie er sagt, "unverschämten" Missbrauch unserer Daten erheben.

<>how you wanna achieve your goals?
<>my dear today is the start of a global revolution
<>we have released our press release
<>read it
<>share it
<>http://pastebin.com/9KyA0E5v
<>in the case of unifying with anonymous. this is big. but also we want all groups of hackers, protestors, researchers, media, even governments that are against corruption
<>to partake in this massive operation
<>our advice to them is: educate yourselves. read. participate in discussions with others. GET INVOLVED. even fi you do not hack or anything like that
<>its a matter of uprising for our rights
<>and don`t think this operation is about targeting the common person
<>it is about targeting corruption in all of our societies

<>so is it then about the internet security or also human rights?
<>at the end of the day fighting for the peoples` rights is the same shit as fighting for their right to have their data secure
<>and we do both
<>so that answers your questions
<>at the end of the day
<>the people need to stand up and unite
<>against corruption
<>and the blatant abuse of our beings

Doch steht die Gefängnisstrafe wirklich dafür? Wird ihm wer danken? Die Antwort fällt knapp aus: Er riskiere seine Freiheit, um seinen Glauben an diese Bewegung zu unterstreichen. Im Rahmen des Internets hat er offensichtlich auch die Möglichkeit dazu.

<>look what im doing now
<>I`m risking my freedom severely
<>to merely express my belief in this movement

Da hatte ich sie also, meine Antworten. Ich schlenderte noch ein wenig durch diverse Chaträume, um herauszufinden, ob sie dem allgemeinen Konsens entsprachen, oder ich der berühmten Ausnahme begegnet war. Ich fand darauf keine Antwort. Alle waren zu beschäftigt. War doch das neue Topic, welches über die Channels verteilt wurde: `OPERATION !SECURITY: | Spread operation across all social media networks. | HACKERS UNITE AGAINST CORRUPTION ALL OVER THE WORLD! |

Ich verließ den Chat.

Es ist nicht an mir, darüber zu urteilen, ob es sich bei Lulzsec und Anonymous um Neuzeit-Robin Hoods des Internets handelt oder um Cyberkriminelle. Aber ich blicke auf die mir vertraute Welt und lese über Syrien, Japan und Ägypten bis hin zu Ai Weiwei, dem Kritiker, der von seinem eigenen Land entführt und nun freigelassen wurde. Und dann denke ich mir, dass wir Menschen mit Visionen und dem Willen etwas zu ändern durchaus brauchen könnten.

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(Sarah Kriesche) Erstellt am 24.06.2011, 12:50

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