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Interview
12/10/2010

Cisco für Ende der Netzneutralität

"Das Ende der Netzneutralität wäre gut für den Bürger". Zu diesem Schluss kommt Christian Korff, verantwortlicher Europa-Direktor für die technologische Strategieentwicklung Basis-Netzwerke bei Cisco, im Gespräch mit der FUTUREZONE.

von Gregor Gruber

Die Berliner O2 World Arena, Heimat des Basketball-Teams ALBA Berlin und der Hockey-Cracks der Eisbären Berlin, wurde für zwei Tage von Cisco in Beschlag genommen. Der Netzwerkausstatter, vor dem Zerplatzen der Dot-com-Blase das wertvollste Unternehmen der Welt, präsentierte Lösungen für seine Geschäftskunden und -partner und lud zum Gespräch ein. Neben der Neutralitätsfrage diskutierte die FUTUREZONE mit dem Cisco-Direktor über die Zukunft des Webs und die gesellschaftliche Notwendigkeit von Glasfaser-Anschlüssen.

FUTUREZONE: Cisco ist den wenigsten Endkunden bekannt, stellt aber einen Großteil der Hardware für den Kern des Internets zur Verfügung. Was wäre, wenn Cisco den Stecker zieht?

Christian Korff: Dass wir bei Endkunden kaum bekannt sind, liegt daran, dass es umso mehr Hersteller gibt, je näher es zum Nutzer geht. Bei Internet-Kernpunkten gibt es nur zwei Hersteller und Cisco ist der führende. Bezüglich des "Steckerziehens": Das kann man so nicht beantworten, weil wir nach dem Verkauf keine Hoheiten mehr über unsere Geräte haben. Wir stellen nur die Hardware her, mit der man den Traffic kontrollieren kann. Konfiguriert und eingesetzt wird sie vom Provider.

FUTUREZONE: Helfen Sie mit solchen Geräten nicht damit, die Netzneutralität zu verletzen?

Korff: Im Unternehmen ist Netzneutralität nicht gewünscht. Großkunden verwenden solche Produkte, um YouTube und andere Portale für die Mitarbeiter runterzudrehen. Wir bieten diese Technologie seit Jahren an und verbessern sie stetig. Die Geräte müssen in der Lage sein die Datenpakete zu untersuchen und sicherzustellen, ob diese zur Geschäftskommunikation gehören oder nicht.

FUTUREZONE: Internet-Provider könnten diese Technologie einsetzen, ohne dass Endkunden Einfluss darauf haben.

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Christian Korff, Europa-Direktor für die technologische Strategieentwicklung Basis-Netzwerke Ciscoendmargin

Korff: Das ist keine technologische, sondern eine politische Diskussion. Sie zeigt auf, dass das Internet kein Allgemeingut ist.

FUTUREZONE: Aber welches Recht haben die Provider den Kunden vorzugeben, welche Dienste schneller als andere funktionieren?

Korff: Das Internet ist eine Produktionsplattform, die Provider generieren die Umsatzströme für die Dienstleistenden. Damit das Web auch anspruchsvollen Diensten standhält, müssen Leitungen und Hardware auf dem neuesten Stand sein. Durch die zusätzlichen Gelder, die von den Unternehmen für eine bevorzugte Behandlung der Daten ihrer Web-Dienste gezahlt werden, können diese Investitionen getätigt werden.

FUTUREZONE: Und deshalb wäre das Ende der Netzneutralität für Cisco gut - weil Sie dann neue Hardware verkaufen können.

Korff: Es wäre nicht nur für Cisco gut, sondern auch für die Bürger, weil eine leistungsgerechte Abrechnung erfolgen würde. Damit kann man sicherstellen, dass die Leistung dem zugute kommt, der sie erbringt. Also dass Dienste, die viel Leistung an viele Endnutzer erbringen, bevorzugter behandelt werden als ein Web-Service, der dieselben Datenmengen beansprucht, aber weniger Leistung für weniger Nutzer bietet.

FUTUREZONE: Und für die Internet-Provider ist es auch gut - die verdienen sich ein schönes "Körberlgeld", wenn große Unternehmen wie Google und Facebook zukünftig zur Kasse gebeten werden.

Korff: Die Preise der Internet-Provider für Endkunden sind sehr knapp kalkuliert, meiner Meinung nach sogar zu knapp, um zukünftige Investitionen in die Netz-Infrastruktur zu tätigen. Deshalb unterstützen die Provider den Verfall der Netzneutralität. Das Internet trennt Content-Erbringung und Transportnetz. Früher ging es nur darum im Internet zu sein, jetzt geht es immer mehr Richtung Inhalt. Deshalb will der, der den Transportdienst zur Verfügung stellt, unterschiedlich hohe Gebühren für unterschiedliche Inhalte haben.

FUTUREZONE: Der Ausbau des Netzes ist auch für die EU ein Thema. Bis 2020 soll jeder zweite Bürger einen Glasfaser-Anschluss mit mindestens 100 Mbit/s haben. Ist das ein realistisches Ziel?

Korff: Das ist nicht nur realistisch, sondern auch gesellschaftlich notwenig. Die EU hat das nicht von irgendwoher: Die Latenzzeit von klassischen Kabel- und DSL-Netzen ist nur noch bedingt optimierbar - das Leistungsspektrum ist ausgereizt. Der Wechsel auf Glasfaser ist also nötig, um ein schnelleres Netz zu ermöglichen. Andere Staaten sind uns bei der bidirektionalen Kommunikation bereits voraus, Europa muss sicherstellen, nicht den Anschluss zu verlieren.

FUTUREZONE: Und wieso ist das gesellschaftlich notwendig?

Korff: Früher hieß es im Internet immer: ich bekomme mehr, als ich gebe. Beim Social Networking wird die Gesellschaft bidirektional vernetzt. Doch für die Masse an Uploads, von Fotos bis HD-Videos, sind die heutigen Netze nicht ausgelegt. Wenn ich ein soziales Netzwerk aufbauen will, das den Namen auch wirklich verdient, geht das nur mit Glasfaser.

FUTUREZONE: Ein "Facebook HD" rechtfertig aber nicht für alle die Investition in ein Glasfasernetz.

Korff: Mit dem Ausbau werden auch andere Modelle möglich, wie etwa Cloud Computing für den Privatmann. Die Auslagerung der eigenen Musiksammlung ins Web macht nur Sinn, wenn die Verbindung schnell genug ist und ich die Songs, die auf dem Server gelagert sind, ohne Verzögerung abspielen kann.

Eine weitere Anwendungsmöglichkeit wäre die Sicherheitslösungen Firewall, Antivirenschutz und Spam-Filter in die Cloud auszulagern. Alle Daten, die zwischen Server und Nutzer ausgetauscht werden, durchlaufen vorher online diese "Datenwaschmaschinen". Der Nutzer muss so keine Programme installieren und sich auch nicht um Updates kümmern.

(Gregor Gruber)