Netzpolitik
11.12.2013

IT-Visionäre zwischen Big-Data-Träumen und NSA-Ballast

Während immer neue Enthüllung über das Ausmaß der NSA-Spionage kommen, werben die Technologie-Firmen auf der Internet-Konferenz LeWeb für die datengetriebene Zukunftswelt.

Ausgerechnet inmitten des NSA-Skandals erträumt sich die Internet-Branche eine von Daten-Erfassung getriebene Zukunft mit nahezu gläsernen Online-Nutzern. Künftig werde entscheidend sein, dem Kunden eine Dienstleistung zu bieten noch bevor er weiß, dass er sie überhaupt braucht, prophezeite Marktforscher George Colony auf der Internet-Konferenz LeWeb in Paris.

Das Smartphone werde im Zusammenspiel mit allgegenwärtigen Sensoren der Schlüssel zu einer personifizierten Welt sein, erklärt der Gründer der Firma Forrester Research. Beispiel Reisen: „Flugbegleiter wissen, was ich gerne trinke. Im Hotel bringt mich der Fahrstuhl automatisch in die richtige Etage, die Zimmertür geht von alleine auf.“ Die Voraussetzung für diese neue Welt ist klar: Wissen über den Kunden muss irgendwo bei den Anbietern gespeichert sein.

Bausteine für diese Zukunft gibt es an jeder Ecke: Der Bezahldienst PayPal zeigt in Paris ein Betriebssystem für diese Vision: Kleine Bluetooth-Funksender, die zum Beispiel Smartphones automatisch erkennen und mit ihnen interagieren können, bis hin zur Abrechnung eines Kaufs. Auch Apple testet in seinen US-Läden bereits ein ähnliches System.

Smart Home

Der einstige Apple-Manager Tony Fadell, der inzwischen mit seiner eigenen Firma Nest elektronische Thermostate und Hightech-Rauchmelder verkauft, schwärmt vom dem Segen vernetzter Haustechnik. Gadget-Fan Robert Scoble verspricht eine Zukunft, in der man automatisch nur relevante Werbung bekommt, weil die Anzeigensysteme wissen, wo, was und wann man einkaufen will. Und Microsoft-Manager Satya Nadella erzählt von einem System, dass die Bewegungen aller Gäste in einem Stadion im Auge behält.

Es ist auf den ersten Blick genau der falsche Zukunftsentwurf mitten in der scheinbar endlosen Flut von NSA-Enthüllungen. Schließlich sammeln sich mit Big-Data-Systemen auch immer mehr Informationen, die ein Geheimdienst abgreifen könnte. Doch viele in der Branche zeigen sich zuversichtlich, das Problem in Griff zu bekommen.

So sagt der Gründer des Online-Speicherdienstes Evernote, Phil Libin, in Paris, es sei eigentlich eine ganz einfache Sache: „Wir müssen unserer Regierung sagen, was wir wollen - und sie muss das tun.“ Eine Aufgabe für vielleicht sechs Monate, man lebe schließlich in einer Demokratie. Und der Technik-Chef des Online-Händlers und Cloud-Dienstleisters Amazon, Werner Vogels will das Problem vom anderen Ende lösen: Geheimdienste würden immer spionieren, also müsse man den Kunden starke Verschlüsselungs-Technik in die Hand geben.

NSA-Ballast

Nicht alle sehen es so locker. „Es fängt an mit niedlichen Gadgets - der PC war einmal auch ein nettes Gadget. Und endet damit, dass die ganzen Daten bei der NSA landen“, grummelt auf der Bühne Henry Seydoux, Gründer von Parrot, eines Spezialisten für Tech-Accessoires von der Freisprechanlage bis zur Mini-Drohne. Der Franzose will seine Tüftler-Leidenschaft jetzt bei Spielzeug ausleben. Zum Beispiel einer Flaschenpost, die man ins Meer wirft und danach ihren Weg auf dem Smartphone verfolgen kann. „Alles wird künftig vernetzt sein“, sagt Seydoux. Aber er wolle kein gigantisches Datensilo dahinter haben, das alle Informationen beherbergt. Unkontrolliert im Netz herumschwirrende Datensätze seien so etwas wie die Umweltverschmutzung der digitalen Ära, formuliert es der Risiko-Investor Fred Wilson. Das müsse gestoppt werden.

Zur Freude der LeWeb-Macher gibt es aber auch noch Technik-Träumer wie Bruno Maisonnier, den Gründer von Aldebaran Robotics. „Es wird humanoide Roboter in jedem Haus, jedem Laden geben“, verkündet er nach der Unterhaltung mit einem von seiner Firma entwickelten Roboter-Jungen. „Roboter, die ihre Emotionen erkennen und entsprechend handeln.“ Fast direkt auf den Franzosen, der vom Bankier zum Roboter-Enthusiasten wurde, folgt aber Microsoft-Manager Nadella mit mahnenden Worten: „Man neigt dazu, die echte Zukunft zu verkennen, während man bemüht ist, seine eigenen Vorstellungen davon durchzusetzen“, sagt der Chef der Cloud-Sparte, der auch als ein Top-Kandidat für die Konzernspitze gilt.