© Andy Rain, apa

Rezension
10/31/2011

Julian Assange: Lückenhafte Erinnerungen

Über Wikileaks und seinen Gründer Julian Assange ist in den letzten Monaten so viel geschrieben worden, dass es kaum noch etwas geben zu scheint, was nicht schon längst beleuchtet worden wäre. Die jetzt im englischsprachigen Raum erschienene „unautorisierte Autobiografie“ von Assange verspricht nun den Blick hinter die Kulissen.

von Christiane Schulzki-Haddouti

Nachvollziehbar erzählt Assange von seiner Kindheit und Jugend. Deutlich wird, was Assange motiviert, was ihn vorwärts treibt. So schreibt er: „Ich glaube, wir haben eine angeborene Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Wir haben eine angeborene Abneigung gegen Zensur. Und das Web kann das erfüllen.“ Überraschend dürfte sein, dass Assange sich deutlich von einer „absoluten Transparenz“ distanziert, die ihm als Ziel immer unterstellt wurde. Darum sei es ihm nicht an erster Stelle gegangen: „Ich bin nicht für eine allseitige Transparenz oder gar eine allseitige Demokratie, aber ich bin für Gerechtigkeit.“

Schutz der individuellen Privatsphäre,  Enthüllung des institutionell Privaten
Auch hält sich Assange durchaus an die Hackerethik nach dem Motto des Chaos Computer Clubs: „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.“ Es sei ihm von Anfang an, noch in seinen Hackerzeiten, darum gegangen, die Privatsphäre der Leute zu schützen – etwa mit Hilfe von kryptografischer Software, mit der E-Mails verschlüsselt werden können. Immer habe er aber die Geheimhaltung von Institutionen bekämpft, die „sich so vor der Aufdeckung ihrer Schandtaten schützen“ wollen.

Assange eignet sich damit nicht als Vorzeigefigur derjenigen, die ein Ende der Privatsphäre ausrufen. Es geht ihm um die Aufdeckung der Informationen, die für die Gesellschaft relevant sind. Und das ist ihm, wie er mehrfach darlegt, offenbar gelungen: Die Veröffentlichung des Führungshandbuchs für das exterritoriale Gefangenenlager Guantanamo gehörte wie auch das Video „Collateral Murder“ zu den ersten Enthüllungen, die die Meinung der Weltöffentlichkeit prägten. Zuletzt lösten die Depeschen des US-Außenministeriums weltweit, vor allem in den arabischen und südamerikanischen Staaten, schwere politische Skandale aus.

Medienpartner enttäuschten
Die Veröffentlichung der US-Depeschen sollte einer bestimmten Strategie folgen. Assange: „Ich bestand darauf, dass wir die Stories nach und nach veröffentlichten. Die Top-Stories zuerst, keine über Israel und nichts über Kuba.“ Das sollte dafür sorgen, dass die USA auf die Veröffentlichungen nicht überreagieren würden. Todesdrohungen gegen ihn wurden dennoch von hochrangigen US-Politikern ausgestoßen, ein Verfahren gegen ihn ist noch immer anhängig.

Von Anfang an sah Assange in den klassischen Medien einen Partner, die es nicht zu ersetzen galt. Schon früh habe er daran gedacht, dass Whistleblower selbst entscheiden sollen, an welche Publikation ihre Dokumente weitergereicht werden sollen. Von seinen Medienpartnerschaften zeigt er sich jedoch schwer enttäuscht: „Sie wollen große Geschichten, aber sie können damit nicht umgehen, wenn es heiß wird.“ Medien wie der Guardian und die New York Times hätten Wikileaks als politisches Schutzschild verwendet, statt sich als Presseorgane vor Wikileaks zu stellen, das lediglich als Informant fungiert habe.

Auslassungen, Lücken, Vagheiten
Vergleichsweise mager wird jedoch der Rückblick, wenn es um kritische Ereignisse während der Wikileaks-Zeit geht. Wer die Autobiografie von Daniel Domscheit-Berg sowie die Bücher der Guardian- und Spiegel-Journalisten gelesen hat, dem fallen zahlreiche Auslassungen auf: Ungeklärt bleibt, wie es zu dem Bruch mit Daniel Domscheit-Berg tatsächlich kam. Entscheidend war wohl die gemeinsam verbrachte Zeit in Island. Doch hier schreibt Assange lediglich, Domscheit-Berg habe sich „unausstehlich“ verhalten.

Mysteriös bleiben auch die Ausführungen zur technischen Sicherheit des Wikileaks-Systems – laut Domscheit-Berg war der mangelnde Quellenschutz für ihn ein Hauptgrund für den Bruch mit Assange. Assange schreibt lediglich über ein „komplexes System der Abstreitbarkeit“ – womit er meint, dass sein System es den Informanten ermöglicht, jede Verbindung zu Wikileaks abzustreiten. An keiner Stelle beschreibt er, welche technischen Mittel eingesetzt wurden, und wie diese für die Sicherheit des Systems sorgen sollten. Er erwähnt eher nebenbei, Wikileaks habe schon früh Server in aller Welt unterhalten und widerspricht damit Daniel Domscheit-Berg, der lediglich von einem einzigen, alten Server wusste.

Der Mythos vom „chinesischen Paket“ bleibt ungeklärt
Zu Beginn des Projekts musste Assange auch Whistleblower davon überzeugen, dass es sich lohnen würde, ihre Dokumente auf seiner Plattform zu veröffentlichen. Ungeklärt bleibt aber auch hier, woher die vielen Dokumente kamen, über die Wikileaks bei seinem Start verfügte – angeblich waren es über eine Million. Über die Whistleblower-Plattform  New Yorker Architekten John Young wurde bekannt, dass diese angeblich aus einem chinesischen Hackerangriff stammten, der über einen Server des Anonymisierungsnetzwerks TOR mitgeschnitten wurde. Assange selbst schreibt nun über dieses „chinesische Paket“ in seinem Buch lediglich, dass er zum Startzeitpunkt über einen „großen Vorrat“ verfügte und dass die erste Veröffentlichung über Somalia aus einem „abgehörten E-Mail-Verkehr“ stammte.

Auch bleibt unklar, wie es letztlich zu der Veröffentlichung aller unbearbeiteten Depeschen des US-Außenministeriums in diesem Spätsommer kam. So erklärt Assange nicht im Detail, welche technischen Vorkehrungen er zum Schutz der Daten vorgenommen hat - und warum er die Datei, die er dem Guardian-Journalisten David Leigh überlassen hatte, mit einem Passwort verschlüsselt hatte, das er offenbar auch für andere Kopien der Datei verwendete.

Whistleblower als Randfiguren
Angeblich wollte Assange das Buch noch erheblich überarbeiten und mit politischen Überlegungen erweitern. Tatsächlich fehlen Ausführungen zum effektiven technischen wie regulatorischen Schutz von Whistleblowern. So schlagen sich etwa die Recherchen, die Assange hierzu mit einigen Mitstreitern in Island im Vorfeld der IMMI-Initiative durchgeführt hatte, im Buchinhalt nicht wirklich nieder. Auch fehlen Reflexionen zur Situation der Whistleblower selbst. Über seine eigene Situation als Plattform-Betreiber, der von den Medien praktisch verraten wird, ist viel zu lesen. Über die Lage der Informanten, denen Wikileaks seinen unbestreitbaren Erfolg verlangt, jedoch wenig. Allein Bradley Manning und Rudolf Elmer werden einige Zeilen gewidmet - gemessen an den tausenden von Enthüllungen ist das zu wenig.

Vielleicht sind all diese Auslassungen dem Umstand geschuldet, dass die Veröffentlichung lediglich eine erste Arbeitsversion aus dem Frühjahr dieses Jahres ist, die der schottische Verlag Canongate gegen den erklärten Willen von Assange veröffentliche. Ob Assange nun angesichts des anstehenden Prozesses in Schweden jemals noch Zeit für eine Überarbeitung oder gar einen komplett neuen Anlauf finden wird, ist ungewiss. Der Aufklärung des „Falls Wikileaks“ hat das hemdsärmlige Vorgehen des Verlags damit jedenfalls geschadet.

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Die "unautorisierte Autobiografie" von Julian Assange erschien Ende September ohne Zustimmung des Wikileakds-Gründer im Canongate Verlag.