Netzpolitik
06.04.2011

Obama: Auf Stimmenfang bei Facebook-Freunden

Die Strategie des US-Präsidenten fokussiert zum Wahlkampf-Start auf das Online-Netzwerk - in der Hoffnung, über virale Effekte Online-Nutzer in Offline-Unterstützer zu verwandeln.

Wofür Bill Clinton und George Bush pompöse Konferenzen im Weißen Haus brauchten, erledigte Barack Obama in einer 107 Zeichen kurzen Botschaft via Internet: “Today, we’re filing papers to launch our 2012 campaign. Say that you`re in: http://OFA.BO/bWjHd7 #Obama2012”. Die knappe Ankündigung des US-Präsidenten, 2012 wieder für das mächtigste Amt des Planeten antreten zu wollen, wurde lediglich via SMS, E-Mail und dem Kurznachrichten-Dienst Twitter ausgespielt. Ziel der Aktion: Möglichst viele Internetnutzer auf die Webseite http://my.barackobama.com zu locken, die wie beim ersten Wahlkampf Obamas als Herzstück und Schaltzentrale der Kandidatur fungiert.

Fokus auf Facebook
Die wichtigste Rolle im gestarteten Internet-Wahlkampf wird Facebook zugemessen. Besucher von MyBarackObama.com können sich mit ihren Facebook-Logins anmelden und mit wenigen Klicks ihre Facebook-Freunde zum Mitmachen animieren. In weiterer Folge sollen die Nutzer Gruppen bilden, Events mitorganisieren - und natürlich spenden. Experten zufolge wird Obama für seine Kampagne etwa eine Milliarde US-Dollar benötigen, ihm ist jeder noch so kleine Geldbetrag willkommen. Bis dato kündigten 19 Millionen Facebook-Nutzer ihre Unterstützung an, was allerdings nur ein Bruchteil der insgesamt 152 Millionen US-Mitglieder des Online-Netzwerks ist.

An das Facebook-Publikum wird Obama auch in einer Live-Übertragung herantreten, die direkt aus der Zentrale der Web-Firma in Palo Alto, Kalifornien, gesendet wird. Der US-Präsident will am 20. April im Gespräch mit Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg das ganze Land adressieren und Frage der Nutzer zu den Themen Wirtschaft und Innovation beantworten.

Auf Datenfang
Zum Standard-Repertoire des neuen Wahlkampfs gehören auch YouTube-Videos und Obamas offizieller Twitter-Account. Interessant ist die Integration des Kommentar-Systems Disqus, das man bis dato eher von Tech-Blogs wie Techcrunch kennt. Es erlaubt dem Nutzer, sich mit bestehenden Accounts bei Google, Facebook, Yahoo, Twitter oder OpenID einzuloggen. Es könnte dafür sorgen, dass die Nutzer vermehrt unter eigenem Namen und nicht unter Pseudonymen posten.

Obamas Wahlkampf-Team kommt über Facebook aber nicht nur an Unterstützer, sondern auch an Daten. Wer seinen Facebook-Account mit Obamas Webseite verknüpft, gewährt ihr Zugriff auf Daten wie Name, Profilbild, Geschlecht, Nutzerkennnummer, Freundesliste, Wohnort und Alter - allesamt wichtige Informationen über die potenzielle Wählerschaft.

Notwendiger Neuaufguss
“Der neue Wahlkampf ist die logische Fortsetzung dessen, was Obama 2008 gestartet hat”, sagt der Wiener Social-Media-Experte Josef Barth, der Bundespräsident Heinz Fischer 2010 in dessen Internet-Wahlkampf maßgeblich unterstützte, im Gespräch mit der futurezone. Bei der Fokussierung auf Facebook wird es seiner Meinung nach aber nicht bleiben. “Es macht Sinn, mit der reichweitenstärksten Plattform zu beginnen, aber später werden viele andere Kanäle sicher intensiv bespielt werden.” Dass sich Obama nicht allein auf die Freundes-Plattform verlassen sollte, zeigt auch eine Studie von Psychologen der Universität Michigan: Sie stellte einen negativen Zusammenhang zwischen intensiver Facebook-Nutzung und politischer Partizipation bei College-Studenten fest.

Anteil am 2008er-Erfolg des derzeitigen US-Präsidenten hatten die Internet-Aktivitäten dennoch. “Barack Obamas erfolgreiche Präsidentschaftskampagne kann teilweise darauf zurückgeführt werden, dass er sich Web 2.0 und Social Networks zunutze gemacht hat, um Communitys zu mobilisieren und die notwendigen Gelder für eine nationale Kampagne zu sammeln”, analysiert der IT-Wissenschaftler Dennis Anderson von der Pace University in New York. Dass Obama seine neue Kampagne ausgerechnet im Internet startet, ist auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar.

Eine Untersuchung des US-Forschers Aaron Smith vom “Pew Internet & American Life Project” über den US-Wahlkampf 2008 zeigte, dass sich 55 Prozent der Wahlberechtigten über das politische Geschehen im Internet informierten. Wichtigstes politisches Medium in den USA ist und bleibt aber das Fernsehen, über das etwa 80 Prozent der Wähler erreicht werden können. Allerdings kann Obama via Internet vor allem die politisch Aktiven erreichen, die er braucht, um die restliche Bevölkerung zu mobilisieren. Von ihnen erwartet man, dass sie einerseits spenden und andererseits als Freiwillige von Tür zu Tür ziehen, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn: “Social Media ist kein Überzeugungs-, sondern ein Mobilisierungswerkzeug”, so Experte Barth.

Aktivisten hofieren
Aus der Kür von 2008 - der damalige Wahlkampf gilt als Startschuss für Polit-Kampagnen im Web 2.0 - ist drei Jahre später Pflicht geworden. Der Unterschied zu 2008: “Die gesamte Strategie geht weg von Obama hin zu den Aktivisten am Boden”, sagt der Österreicher Yussi Pick, der in den USA für das Wahlkampfberater-Unternehmen Blue Print Interactive arbeitet und etwa die Kampagne der Demokratin Ariana Kelly betreute. “Deswegen kommt Obama im neuen YouTube-Video nicht vor und tritt nur als Absender des ersten eMails in Erscheinung.”

Die Republikaner hätten indes stark aufgeholt und gelten im Social Web den Demokraten als ebenbürtig. Tim Pawlenty, der für die Präsidentenwahl 2012 kandidiert, hat in seinen Web-Auftritt Funktionen integriert, die an Foursquare erinnern: Nutzer bekommen für Tätigkeiten - Login, Freunde einladen, etc. - Punkte. Paradebeispiel ist auch die Ultrakonservative Sarah Palin, die über ihren Twitter-Account fast täglich eine Online-Gefolgschaft von mehr als 470.000 Nutzern erreicht.

Trivia
Dem Irrglauben, dass Obama selbst die Online-Botschaften an die Facebook-Nutzer und die 7,3 Millionen Twitter-Follower verschickt, sollte man nicht erliegen. Im November 2009 gab er bei einem Besuch in Schanghai vor Studenten zu, die Tweets nicht persönlich zu schreiben - im Gegensatz zu seinem russischen Amtskollegen Dmitri Medwedew, der seinen Account tatsächlich selbst betreut. Facebook-Unterstützung aus seiner eigenen Familie kann sich Obama übrigens abschminken: Seine Töchter Malia und Sasha haben von Mutter Michelle “Facebook-Verbot” auferlegt bekommen. Ebenfalls nicht mehr an Bord: der ehemalige Facebook-Mitarbeiter Chris Hughes, der 2008 an der ersten Online-Kampagne mitarbeitete.