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Women Under Siege Syria
07/18/2012

Syrien: Live-Landkarte von Vergewaltigungen

Der Bürgerkrieg in Syrien verlagert sich nach Damaskus. Mord, Folter und Vergewaltigung nehmen kein Ende. Erstmals dokumentieren AktivistInnen nun Fälle und Umstände von Vergewaltigung auf einer live-Krisenlandkarte.

Er heißt Mohammed, sagt er. Der ehemalige syrische Soldat, schaut starr in die Kamera und beschreibt die Vergewaltigung von Studentinnen in Aleppo. Jetzt ist Mohammed Gefangener der Freien Syrischen Armee, die gegen das Regime von Baschar el Assad kämpft. Ein anderer Ex-Soldat und nun Mitgefangener, Muhammad Khaled Ashamim, berichtet von Vergewaltigungen in den Kleinstädten Taftanaz und Idlib. Beide Fälle sind als rote Punkte auf der Krisenlandkarte der Initiative „Women Under Siege Syria" festgehalten.

Vergewaltigung war – und ist - eine tragisch erprobte Waffe in Konflikten. – Sei es nun in Bosnien, in der demokratische Republik Kongo, in Libyen. Syrien ist keine Ausnahme. Doch noch nie zuvor haben Aktivisten versucht, Gewaltverbrechen so aktuell wie möglich zu dokumentieren.

Eine Idee der Aktivisten-Veteranin Gloria Steinem
2005 gründeten Jane Fonda und die prominente US-Feministin Gloria Steinem das „Women`s Media Center" in New York. Im Rahmen dessen regte Steinem das „Women Under Siege"-Projekt an. Die ursprüngliche, aufklärende Absicht dahinter: Grundsätzlich mehr Bewusstsein für sexuelle Gewalt als Waffe in Konflikten zu schaffen. Dass nun speziell für Syrien im Frühjahr 2012 eine Crowdsourcing-Initiative entstand, ergab sich zufällig: Aus einem Twitter-Kontakt zwischen einer Ärztin an der Harvard University und der Leiterin von „Women Under Siege", Lauren Wolfe.

Die kürzlich im Magazin, The Atlantic, veröffentlichte, erste systematische Datenauswertung von sexueller Gewalt in Syrien ergab 81 Berichte. „Doch diese 81 Berichte repräsentieren hunderte, wenn nicht tausende Opfer", erklärt Lauren Wolfe. „Denn wir haben viele Fälle von Massenvergewaltigungen." Manchmal lassen sich konkrete Zahlen festmachen. Doch nicht immer. „Wir bekommen auch diffuse Berichte, etwa nach dem Angriff auf eine Stadt, wo es heißt: Unsere Frauen sind vergewaltigt worden." In einem Fall ist die Rede davon, dass ein Arzt an die 2000 vergewaltigte Frauen, die nach Damaskus gekommen sind, behandelte. Auf Al Jazeera war nur von 1500 die Rede. „Wie hoch die Dunkelziffer ist, lässt sich kaum abschätzen."

Die Opfer: zu 80 Prozent Mädchen und Frauen, zu 20 Prozent Buben und Männer. Jede fünfte vergewaltigte Frau wird umgebracht. In 11 Prozent der Fälle dürften die Opfer verschleppt und versklavt worden sein. Die Täter sollen zu Dreiviertel syrische Sicherheitskräfte sein.

Vorbereitung für spätere Tribunale
„Women Under Siege Syria" arbeitet mit einem Team von Epidemiologen der Mailman School of Public Health an der Columbia University zusammen. Eine der Aufgaben des Teams: Einen Fragenkatalog für die ersten Interviews mit Opfern zu erstellen. „Das muss so gemacht sein, dass es später vor Gericht standhält", erklärt Karestan Koenen. „All die Information, die wir jetzt mit Hilfe der Krisenlandkarte sammeln, könnte künftig in Tribunalen als Beweismaterial eingebracht werden." Traditionell werden Gräueltaten immer erst im Nachhinein erhoben. „Aber dann muss man sich darauf verlassen, dass sich die Opfer erinnern können und wollen."

Live-Krisenlandkarten liefern also eine Art Schnapschuss in Echtzeit. Sie stellen die neueste Waffe im Arsenal von Menschenrechtsorganisationen dar. Ob die UNO oder Amnesty International, - alle nützen dazu die Ushahidi-Plattform. Patrick Meier von Crisis Mappers, beschreibt Ushahidi als Multimedia-Inbox. „Doch in dieser Inbox gibt es nicht nur die üblichen Emails, sondern SMS, Videos, Satellitenbilder, Tweets, Fotos oder Facebook-Informationen. Und diese Inbox ist mit einer Landkarte gekoppelt." Der Betreiber einer Krisenlandkarte entscheidet, welche Information hochgeladen wird.

Der erste erfolgreiche Einsatz einer solchen Crisis Map fand nach dem Erdebeben in Haiti 2010 statt. Davon waren die Vereinten Nationen so beeindruckt, dass sie die Crisis Mappers mit der Erstellung einer Krisenlandkarte in der Libyen-Krise beauftragten. Patrick Meier bediente zwei Versionen der Libyen-Karte: „Eine passwortsgeschützte für die UNO und eine für die Öffentlichkeit. Letztere wurde 24 Stunden zeitverzögert aktualisiert und auch dann, ohne Namen oder nähere Umstände zu vermerken. Denn Detailinformation wäre ja auch für Gaddhafi potentiell nützlich gewesen."

Was ist wahr und was ist falsch?
Ähnlich restriktiv geht „Women Under Siege Syria" vor. Namen oder identifizierende Umstände werden ausgelassen. – Wenn sie überhaupt vorliegen. Die Erfassung, Dokumentation und Verifizierung von Verbrechen, wenn ein Bürgerkrieg tobt, ist alles andere als einfach. Die Berichte auf der Krisenlandkarte sind daher sicherheitshalber alle mit dem Etikett „nicht verifiziert" vermerkt. Sie stammen überwiegend von Menschenrechtsvertretern in der Region oder von Medien.

Crowdsourcing hat eine Schwäche: Ohne genaue Recherche weiß man nicht, von wem die Information tatsächlich stammt. Und beide Seiten in Syrien kämpfen auch mit den Waffen der Desinformation. „Ein Folter-Video ist beispielsweise aufgetaucht, erzählt Lauren Wolfe. „Doch das war nicht aus Syrien, sondern aus Mexiko." Ob der anfangs erwähnte Mohammed beispielsweise tatsächlich ein syrischer Ex-Soldat ist, der vergewaltigt hat, lässt sich derzeit nicht nachprüfen. Und was die Fälle von Vergewaltigung betrifft: „Aktivistinnen in Syrien haben gerade erst begonnen, Opfer aufzusuchen und zu interviewen. – Das ist gefährlich. Sie setzen damit ihr Leben aufs Spiel."

„Women Under Siege Syria" arbeitet mit den Betreibern einer anderen, auf Syrien bezogenen Crowdmap-Initiative zusammen: mit Syria Tracker. Die Gruppe sammelt u.a. Informationen über Morde, Flüchtlinge und Vermisste. Die beiden Organisationen wollen nun ihre jeweiligen Daten vergleichen und ihre Krisenlandkarten quasi übereinander legen. So lässt sich ablesen, in welche Regionen, Orten, Bezirken Gräuel- und Gewalttaten besonders konzentriert sind. „Und wenn wir das wissen, kann man, sobald es möglich ist, genau dort psychologisch geschulte Interventionsteams hinschicken", meint Lauren Wolfe.