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Kultur im Wandel
01/07/2011

TV-Zukunft: Die Revolution im Wohnzimmer

Das Internet als Distributionsweg für Film und Fernsehen bringt die bewährten Verwertungsketten der vergangenen Jahrzehnte gehörig durcheinander. Und auch TV-Stationen leiden, da künftig nicht mehr sie, sondern Algorithmen das Programm bestimmen.

In den Geschichtsbüchern wird dereinst stehen: Im Fernsehen waren früher Filme Monate, wenn nicht Jahre nach dem Kinostart zu sehen. Und das wird heftige Verwunderung auslösen - denn das Fernsehen von morgen bietet dem Seher, was er will. Und vor allem auch: wann er will. Das Film-Geschäft folgt derzeit einer strikten Verwertungskette: Neue Filme werden exklusiv im Kino gezeigt, sind dann in Videotheken und als Kauf-DVD erhältlich und zuletzt im Fernsehen zu sehen. Aber die Einnahmen aus DVD-Verkäufen und die Videotheken leiden darunter, dass viele Filme mit dem Kinostart als illegale Kopien im Netz auftauchen. Den legalen Online-Angeboten mangelt es an Umfang und Attraktivität.

Film zum Kinostart für 500 Dollar

Die US-Filmstudios versuchen daher, das System auf neue Beine zu stellen: Die neue Verwertungsgesellschaft Epix soll künftig Online-Videotheken wie Netflix oder iTunes bevorzugt behandeln. So wird besonders leidenschaftlichen Cineasten 2011 in den USA die Möglichkeit geboten, Filme gleichzeitig mit dem Kinostart zu Hause sehen zu können - für 500 US-Dollar pro Steifen. "Manche Studios wollen das probieren. Das wird ein Kräftemessen, wo wir in Österreich nicht mitspielen werden - das wird in den USA ausgefochten", sagt Cineplexx-Geschäftsführer Christof Papousek.

Die Verkürzung der Verwertungsfenster bedeutet zugleich, dass Kino und Fernsehen noch näher zusammenrücken. Schon heute sind TV-Schirme so groß und Sound-Anlagen so gut, dass man sich dem Kino-Erlebnis annähert. Mit 3D-Produktionen wurde zuletzt versucht, den Kino-Besuch wieder einzigartiger zu machen. Doch die 3D-Fernseher folgten auf dem Fuße. Und in den kommenden Monaten wird die Revolution im Wohnzimmer noch radikaler.

Technik macht Programm
Schimpfen auf das Fernsehprogramm ist ein beliebter Volkssport in Österreich - noch. Demnächst dürfte das weit weniger Spaß machen, denn der Zuseher wird sein eigener Programmmacher werden. Konzerne wie Google, Samsung oder Philips stecken derzeit viele Energien in eine gar nicht einmal so neue Idee: Das Internet soll seinen Weg in den Fernseher finden. Dabei geht es nicht um das Surfen im Web, sondern um das Loslösen von klassischen TV-Sendern.

Anstelle der vorgegebenen Programme werden auf dem Fernsehschirm selbst gewählte Online-Videos zu sehen sein. Das Spektrum reicht dabei von Hollywood-Filmen bis hin zu Katzenvideos auf YouTube. Damit der Seher sich nicht durch Milliarden von Video-Clips und tausende TV-Stationen wühlen muss und weiter passiv auf der Couch lümmeln darf, greift künftig die Technik helfend ein. In Fernsehapparaten integrierte Software, wie etwa das in Österreich entwickelte Aprico, stellt anhand der Sehgewohnheiten einen maßgeschneiderten TV-Kanal aus allen verfügbaren Online-Quellen zusammen. Die US-Firma Clicker.com bezieht für den ultimativen Privatkanals sogar soziale Netzwerke wie Facebook ein und schlägt jene Filme vor, die Freunde gut finden. An die Stelle des TV-Intendanten rückt Software. "Wir machen das Fernseh-Gerät intelligent", so Google-Chef Eric Schmidt.

Bessere Werbung
Dahinter steckt - wenig überraschend - ökonomisches Kalkül. Anhand der gesammelten Daten kann TV-Werbung genauer platziert werden. Wer Opernübertragungen ansieht, bekommt dann Spots für die Neujahrskonzert-DVD, wer "Saturday Night Fever" mag, vielleicht Selbstbräuner-Angebote. Dass die Einnahmen dabei von den TV-Sendern zu Software-Anbietern wie Google wandern, gilt in der Branche als große Gefahr. Viele Sender untersagen Produkten wie GoogleTV noch den Zugriff auf eigene Beiträge. Aber auch das dürfte dereinst nur noch in Geschichtsbüchern stehen.

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(Georg Leyrer/Benjamin Sterbenz)