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Diskussion
07/27/2012

"User-Daten sind das neue Öl"

Brauchen wir neue Gesetze und Verordnungen, um zu verhindern, dass Daten im Internet zur Ware und Währung werden? Darüber diskutierten am Donnerstagabend Experten im Rahmen der APA-E-Business-Community in Wien. Laut Max Schrems von der Initiative Europe-v-Facebook würden die bestehenden Gesetze durchaus ausreichen, wenn sie durchsetzbar seien.

Astrid Mager vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beschrieb die derzeitige Situation folgendermaßen: "Aus der Vielzahl der im Internet gesammelten Daten lässt sich ein Katalog der Wünsche der User ableiten, den die Werbebranche in bare Münze verwandeln will." Da Bereiche wie Privatsphäre, Datenschutz und Identität historisch gewachsen und kulturell bedingt seien, würde sich zwischen globaler Wirtschaft und lokaler Gesellschaftspolitik ein neues Spannungsverhältnis ergeben. Transparenz würde dabei den Geschäftsmodellen, nämlich User-Daten in Profit zu verwandeln, zuwider laufen. "Es wird daher absichtlich erschwert, diese Dinge zu verstehen. Das liegt in der kommerziellen Natur der Sache", so die Expertin.

Um zu verhindern, dass Konzerne wie Google oder Facebook die gesammelten User-Daten für ihre Zwecke nutzen, müsse man auch neue Gesetzgebungen diskutierten, meinte Mager. Max Schrems von der Initiative "Europe-v-Facebook" glaubt nicht daran, dass das funktionieren wird, denn er sieht bereits jetzt ein "Durchsetzungsproblem", wenn es um den US-Konzern Facebook geht. Es sei nicht einzusehen, dass sich europäische Netzwerke wie StudiVZ an strenge Datenschutzregeln halten müssten, Facebook aber tun könne, was es wolle. "Unsere Gesetze sind gut und modern. Aber wir haben ein Durchsetzungsproblem gegen diese Wildwest-Strategien", so der Jus-Student, der mit seiner Initiative gegen Facebook kämpft.

"Recht auf Vergessen" undurchführbar
"Daten sind das neue Öl. Man weiß nur noch nicht genau, welcher Motor damit angetrieben werden kann. Aber man sammelt halt mal", fügte Schrems hinzu. Beim Datenschutz gehe es nicht vorrangig um Verbote, sondern um die Balance zwischen Geld verdienen und der Macht über die eigenen Daten. Schrems hält beispielsweise das "Recht auf Vergessen", das von EU-Kommissarin Viviane Reding im Entwurf der EU-Datenschutzverordnung verankert hat, für "praktisch undurchführbar". Stattdessen plädiert er für einfachere Gesetze und eine effektivere Rechtsdurchsetzung: "Derzeit ist es oft billiger, die Strafen zu zahlen, als sich an die Gesetze zu halten."

Für den Geschäftsführer des Fachverbands Werbung und Marktkommunikation in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO), Markus Deutsch, ist die geplante

von Reding "ein Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird". "Das Datenschutzniveau in Österreich und Deutschland ist sehr hoch und sollte beibehalten werden können. Der Verordnungsentwurf entmachtet aber die Mitgliedsstaaten", so Deutsch.

"Gigantische Geschäftemacherei mit Daten"
Der Rechtsanwalt Johannes Juranek forderte Transparenz und eine klare Kommunikation darüber, was mit den gesammelten Daten geschieht. Für die Nutzer seien Social Media-Plattformen vorrangig ein Tool, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben. In Wirklichkeit gehe es aber um eine gigantische Geschäftemacherei mit Daten, von deren Dimension der User in den meisten Fällen gar nichts mitbekommt. Den Konsumenten sei aufgrund der komplexen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) in vielen Fällen aber nicht bewusst, was wirklich mit seinen Daten passiert.

Helmut Waitzer vom Softwarespezialisten Navax befürchtete, dass der "Zug schon abgefahren" ist. Die Nutzer würden auch in Zukunft ihre privaten Daten bekannt geben, weil sich Online-Dienste zur Selbstverständlichkeit entwickelt haben. "Die Facebook-App am Smartphone hat ja bereits Zugriff auf alle SMS. Was die damit tun, ist aber unklar", so Waitzer. Derzeit könne man sich mit bewusstem Handeln im Netz noch ein wenig Privatsphäre bewahren. Aber wie das in Zukunft sein werde, traut sich Waitzer nicht prognostizieren.

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