© Stephan Boroviczeny

Interview
03/24/2011

"49 Euro für Datenroaming? Utopisch!"

1000 Meter können darüber entscheiden, ob man in den Genuss von schnellem Internet kommt und ob aonTV hochauflösend ins Haus geliefert wird. Derzeit muss man in Ballungszentren wohnen, um Glasfaser oder Fiber to the home nutzen zu können. Nun sollen Kupferleitungen beschleunigt werden, kündigt A1Telekom-Chef Hannes Ametsreiter an. Ein Problem aber bleibt: Datenroaming.

FUTUREZONE: Sie haben sich heuer über 1400 Festnetz-Neukunden gefreut. Wie viele werden es 2011 sein?

Hannes Ametsreiter: Sehr viel mehr.

Heißt?
Ich bin früher angefeindet worden, als ich gesagt habe, dass das Festnetz ein Revival erleben wird, weil die Leute daheim Bandbreite brauchen. Schauen Sie sich die TV-Entwicklung an. Auf der CES sind Geräte von Samsung, LG etc. vorgestellt worden, die einen Internet-Anschluss brauchen. Oder denken Sie an die Tablets - es gibt keines ohne WLAN-Anschluss.

Das Festnetz-Revival hat einen Haken: Städter kommen in den Genuss von Glasfaser und VDSL, auf die Bewohner am Land wird vergessen.
In den Städten ist es ein Fibre to the Home, im ländlichen Bereich ein Fibre to the Node (FTTN), also Vermittlungsstelle. Und da hängt die Geschwindigkeit von der Distanz zu den Hauptverteilern, die alle am Glasfaser-Netz hängen, ab. Wohnt jemand sehr weit weg, dann stimmt es, dann ist es weniger Geschwindigkeit.

Was heißt sehr weit weg?
Wenn er 1000 Meter vom Hauptverteiler lebt, hat er die Möglichkeit, 30 Mbit zu empfangen.

Ab 1000 Meter hat man also Pech. Gibt es in Zukunft etwas, was auch den "weiter weg Wohnenden" schnelles Internet bringen wird?
Ja, die Technologie nennt sich Vectoring oder Phantom Mode. Da werden herkömmlichen Kupferleitungen beschleunigt, da sind 100 Mbit plus drinnen.

Wann?
2011/2012. Genaueres kann ich noch nicht sagen.

Wann gibt es eine vollständige Breitbandversorgung Österreichs?
Was bedeutet vollständig und was ist Breitband? Wir arbeiten derzeit an einem "National Broadband Plan", der bis etwa 2015 reichen wird. Wir definieren, wo wir die Schwerpunkte setzen, mit welchen Technologien wir ausbauen, welche Bandbreiten wir anbieten und wie der Roll-Out aussehen wird.

Wie viel Bandbreite braucht eigentlich ein Mensch?
Laut einer gemeinsamen Analyse mit Arthur D. Little werden es 2015 30 bis 50 Megabit/Sekunde sein. Heuer werden wir übrigens noch einen Gigabit-Anschluss demonstrieren, das sind 1000 Mbit/Sekunde.

Das ist etwas für Firmenanwender.
Eher ja, aber die Frage ist, wie schnell geht etwas in die Breite, und das geht ziemlich schnell. Vor 7, 8 Jahren noch hat man diskutiert, warum man ADSL (2 Mbit/sec, Anm.) braucht, wenn man noch Dial-Up (56 kbit/sec) hat. Die Diskussion wurde damals ernsthaft geführt.

Datentempo ist ja auch die Voraussetzung bei aonTV. HD-TV ist mittlerweile Standard. Wenn ich aber nur einen 4-Mbit-Anschluss habe, kann ich keine HD-Kanäle empfangen. Zudem gibt es Beschwerden über Netzausfälle und Störungen.
Jeder Haushalt ist anders, daher muss bei jedem Haushalt gemessen werden, was an Bandbreite zur Verfügung steht. Meine Vision ist die, dass man im Web seine Adresse eintippt und nachsehen kann, welche Geschwindigkeit man zur Verfügung hat. Und dann kann man auf das, was verfügbar ist, ein entsprechendes Angebot machen.

Viele beschweren sich, dass sie nicht das bekommen, was sie gerne hätten.
Ich finde es großartig, dass derzeit eine hitzige Bandbreiten-Diskussion geführt wird. Das ist genau das, was wir wollen. Wir haben immer gesagt, man muss mehr Bandbreite in die Märkte bringen, weil die Nachfrage so groß ist. Wir wollen ja diese Internet- und TV-Möglichkeiten realisieren. Und da wird man Breitband brauchen. Denn dieser Verkehr ist unmöglich über ein Mobilfunknetz rüber zu bringen, daher ist die Kombination aus Mobilfunknetz und Festnetz die richtige.

Die nächste Mobilfunkgeneration nennt sich LTE (Long Term Evolution, Anm.). Braucht man wirklich LTE, wenn es in Städten ohnehin Glasfasernetze und FTTH gibt?
Ja, absolut. Weil die Spektraleffizienz dieser neuen Technologie einfach höher ist als die der anderen Technologien. Die Daten wachsen weiter, sie werden ja nicht nur zu Hause genutzt, sondern auch unterwegs, man muss sich ja nur die Facebook-Nutzung näher betrachten. Und LTE ist dafür die perfekte Technologie und für uns daher ein absoluter Schwerpunkt.

Ob mans braucht? Auch bei 3G gab es zu Beginn eine Riesendiskussion. Es wird hier nicht anders sein. Auch bei 4G wird man diskutieren und nach einigen Jahren werden alle sagen, natürlich war das notwendig. Als 3G fertig war, haben die Techniker gesagt, "die Kapazitäten sind da, macht was". Jetzt sagen sie: "macht weniger". Es werden die Daten explodieren. Es ist eine nicht lineare Entwicklung, sondern eine exponentiale Entwicklung. Und das heißt schnell und sehr viel.

Was würde auf einen Betreiber zukommen, um Österreich halbwegs flächendeckend zu versorgen?
Massive Investitionen, weil es eine Kombination ist aus einer Lizenz, die man erwerben muss und dem Aufbau eines komplett neuen Netzes. Und alle Stationen müssen ans Glasfasernetz angebunden sein. Ganz grob wird man sich in punkto Preise an jene der anderen Generationen orientieren können. Aber das sind dreistellige Millionenbeträge.

Welcher Betreiber wird sich das leisten können?
Es ist eine Frage, wer es sich nicht leisten kann. Denn wer es sich nicht leistet, wird das schlechtere Produkt anbieten.

Ist nicht spätestens der LTE-Zeitpunkt jener, bei dem Hutchison 3G geschnupft wird?
Ich kann das nicht beantworten, das wird jeder Shareholder zu entscheiden haben.

Befürchten Sie nicht wieder eine ähnliche Kostenexplosion bei der Lizenz-Auktion wie bei den UMTS-Versteigerungen?
Vor uns sind ja die Deutschen und die Briten mit 3G gestartet. Die haben so hohe Preise bezahlen müssen, dass ganz Europa geschockt war. Das war für Österreich heilsam, da die Auktionsgebote ein wenig realistischer geworden sind. Der Kunde hat davon profitiert, weil sehr günstige Preise am Markt waren.

Er profitiert nicht davon, wenn es ums Roaming geht. Denn in dieser Diskussion wird immer wieder angeführt, dass die Betreiber die Investitionskosten für die Lizenzen reinspielen müssen. Das heißt wiederum: LTE-Lizenzen müssten kostenlos sein, damit die Roaming-Diskussion ein Ende hat?
Die Finnen haben ja die 3G-Lizenz kostenlos verteilt, was zur Folge hatte, dass die Verbreitung eine schnelle war, und die Qualität angehoben wurde. Finnland ist heute ein Vorzeigeland im europäischen Mobilfunkmarkt. Klar ist das eine Überlegung, die man anstreben kann.

Das heißt, Sie plädieren für eine finnische Lösung auch in Österreich?
Ich plädiere immer für Dinge, die dem Unternehmen eine gute Ausgangsposition bringen, um ein Netz auszurollen.

Österreich könnte sich ein Beispiel an Finnland nehmen?
Österreich kann sich in einigen Bereichen ein Beispiel an Finnland nehmen.

Auch bei der Lizenzvergabe?
Das sind andere, die das entscheiden. Es soll ein klarer und transparenter Prozess angewendet werden. Wir haben ein klares Interesse, LTE anzubieten. Je günstiger die Lizenz, desto mehr Investitionen kann man ins Netz machen.

Sie prognostizieren eine 300-prozentige SIM-Karten-Penetration. Derzeit liegen wir bei 140 Prozent. Woher kommen die 160 zusätzlichen Prozent?
Das ist ja nur eine Verdoppelung.

Nur?
Die Penetration steigt weiter an. Wir verwenden Zusatzgeräte, die man in der Vergangenheit nicht hatte, zum Beispiel iPads und Tablets oder im Auto. In Zukunft wird man mit Sicherheit in jedem Auto eine SIM-Karte haben. Das sind einige Millionen mehr. Dann wird man sicher auch Logistiklösungen verwenden, in dem man SIM-Karten bei Waggons, Speditionstrucks etc. hat.

Es geht also Richtung Service?
Wenn Sie heute bei einem Dienstleister wie DHL ein Produkt transportieren lassen und Sie bestellen sich ein Mountainbike, werden sie sich im Web einloggen und nachsehen können, wo sich das Rad gerade befindet. Damit wird ein Produkt zum Service. Das wird ein total anderer Zugang zu den Dingen. Dazu kommt dann noch NFC. Wenn man das alles miteinander verbindet, ergibt das spannende Varianten. Z.B könnten sie eine Inventur auf Knopfdruck machen, wenn sie alle Produkte mit einem NFC-Sticker versehen. Wenn man überlegt, wie viele Zeit Firmen für Inventuren verwenden, so verändert das die Business-Welt. Out of Stocks wird es kaum mehr geben. Da wird die SIM-Karte eine Rolle spielen.

Wann wird es eine Flat-Rate für Roaming geben?
Gibt's heute schon, Blackberry-Roaming-Tarif. Sie zahlen ein monatliches Entgelt.

Aber die meisten nutzen iPhone oder Android-Smartphones.
Da wird es schwieriger, weil Datenvolumen generiert wird. Aber wir sind am Überlegen, ob es da nicht etwas Vernünftigeres geben sollte. Schwierig ist natürlich immer der Einkaufspreis, den wir zahlen. Was würden Sie zahlen wollen pro Gigabyte?

Weltweit, pro Gigabyte, mobil, wäre ich in Anlehnung an die Anfangszeit des Festnetz-Download-Tarifs bereit 49 Euro zu zahlen.
Das ist utopisch. Der Großhandelspreis ist wesentlich mehr. Wenn wir das machen würden, würden wir ein sattes Minus schreiben. Es gibt einen Spagat zwischen dem, was Sie sich vorstellen und dem was wir an Großhandelspreis zahlen.

A1 ist Teil der Vodafone-Gruppe, da könnte doch die Vodafone-Gruppe entscheiden, dass es innerhalb der Gruppe kein Roaming gibt. Wie es etwa Drei mit 3likeHome anbietet.
Wir werden unsere Vorstellungen zum Thema Roamingtarif in Kürze präsentieren.

Als Mitglied der GSMA könnten Sie diesbezüglich ja aktiv werden.
Man kann in eine Richtung denken, etwa sich eine europäische Lösung überlegen, aber weltweit? Man kann kein anderes Land zwingen. Roaming wird nach wie vor ein Problem bleiben.

Roaming-Tarife sind ein Widerspruch zur mobilen Informationsgesellschaft.
Stimmt. Man soll eine Situation schaffen, wo man nicht lange überlegen muss, auch wenn man im Ausland unterwegs ist, dass man mobile Dienste nutzt, ob über ein Tablet oder ein Smartphone.

Alles dreht sich derzeit nur ums iPhone. Ist es gut für den Hardware-Markt, dass sich alles um eine Marke dreht?
Wir verkaufen so viele Android-Geräte wie wir iPhones verkaufen. Hervorragend verkauft sich auch der Blackberry - aber es bleibt ein Business-Gerät. Microsoft hat einen guten Start vorgelegt. Was mir gut gefallen hat war, dass sie ein eigenständiges System präsentiert haben. Und wir hatten sehr viele Kunden aus dem Business-Bereich, die gesagt haben, dass es eine gute Ergänzung zum Office-Bereich ist.

Was würden Sie in ein iPhone 5 reinpacken?
Ich würde NFC reinpacken, es scheint derzeit generell ein Trend zu sein, der bei mehr und mehr Mobilfunkgeräte-Herstellern einen Durchbruch zu erleben scheint. Man muss aber gleichzeitig an einem Öko-System arbeiten, damit NFC sinnvoll eingesetzt werden kann. Aber das wäre eine Erweiterung, weil dann das Handy auch für Transaktionen eingesetzt werden kann. Das wäre eine deutliche und gute Weiterentwicklung. Darüber hinaus: Prozessoren können nie genug schnell sein. Und eine bessere Kamera wäre wünschenswert.

(Gerald Reischl)

Warum Ametsreiter nicht auf Facebook ist
Weil ich andere Formen der Kommunikation bevorzuge. Ich habe nicht Lust und Laune, diverseste Anfragen beantworten zu müssen. Für diese Dinge muss man wirklich Zeit aufwenden und die habe ich nicht. Für manche ist Facebook ideal, für Journalisten, Musiker, jene, die in einer Content-produzierenden Position sind. Aber es gibt schon auch Positionen, wo es eine Bürde wird. Was mir allerdings gefällt, sind die Werbemöglichkeiten auf Facebook. Dass man runter kaskadieren kann auf Alter, Geschlechte auf Ort, Interessen, das finden wir sehr spannend. Die Werbeausgaben im Bereich der Neuen Medien haben wir deutlich erhöht, nämlich plus 20 Prozent.

LTE ist die Abkürzung für Long Term Evolution und meint die Mobilfunktechnologie der vierten Generation (4G). LTE folgt UMTS. Bei LTE steigt das Datentempo auf bis zu 170 Mbit/Sekunde. Ericsson hat bereits ein Gbit/Sekunde geschafft.

GSMA** steht für GSM-Association. Die GSMA ist die weltweite Mobilfunkorganisation, in der die führenden Mobilfunker und Betreiber vertreten sind und in der richtungsweisende Entscheidungen für das mobile Business gefällt werden.

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