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Smartphone Color: 41 Mio. Dollar für voyeuristische App.

Foto: Gregor Gruber
Keine Privatsphäre, ein "elastisches Netzwerk" und riesiges Startkapital: Die neu Foto-App "Color" für iPhone und Android weckt Befürchtungen und Erwartungen gleichermaßen.

Im Silicon Valley herrscht wieder einmal helle Aufregung. Weniger, weil in der Nacht auf Donnerstag mit “Color” eine neue, kostenlose Foto-App für Android und iPhone gestartet ist, sondern vielmehr wegen dem, was hinter dem Mini-Programm steckt. Denn allein für den Launch wurde die Web-Firma mit 41 Millionen US-Dollar von den Investoren Sequoia Capital, Bain Capital und Silicon Valley Bank ausgestattet. “Das ist mehr, als Google von Sequoia bekommen hat”, protzte das Color-Labs-Team gegenüber Techcrunch.

Warum also das Gerangel von Medien und Investoren rund um Color? Im Prinzip reiht sich die Handy-App in bereits bekannte Foto-Sharing-Anwendungen wie Instagram, PicPlz oder Path ein, die rund um Schnappschüsse soziale Interaktion (Netzwerke) zu bilden versuchen. Während sich Instagram und Co. aber auf witzige Filtereffekte verlegten und die Bilder über bestehende Social-Media-Dienste (Facebook, Twitter, Foursquare, uvm.) zu verbreiten versuchten, verlässt sich Color auf einzig sich selbst. Kein Facebook- oder Twitter-Login weit und breit - wer Color nutzt, braucht keine Accounts von bestehenden Online-Netzwerken. Nach dem Aufdrehen gibt man seinen Namen ein, und schon ist der Color-Account fertig. Der Rest (der berühmte “social graph”) kommt von selbst, denn die hochgeladenen Handy-Schnappschüsse werden von einem schlauen Algorithmus einander zugeordnet.

Elastisches Netzwerk
Generell werden dem Nutzer alle anderen Fotos angezeigt, die in einem Umkreis von etwa 50 Metern von anderen Color-Usern hochgeladen wurden (dazu muss man Color den Zugriff auf das GPS des Smartphones erlauben). Freunde oder Follower gibt es keine, denn Color will soziale Nähe dynamisch berechnen. In stark frequentierten Gebieten wie einem Konzert können die Nutzer Gruppen anlegen, die dann nur die Fotos jener Personen anzeigen, die an der Gruppe teilnehmen. Daraus soll ein “elastisches Netzwerk” entstehen: Menschen, mit denen man oft verkehrt, werden bevorzugt behandelt, Fotos von Personen, die man lange nicht getroffen hat, werden nach hinten gereiht.

Fotos gehören Color Labs
Bedenklich wird Color im Detail: Denn so greift die App, wenn das GPS-Signal zu schwach ist, auf die Kamera (Lichtstärke) und das Mikrofon (Umgebungsgeräsche) zu und errechnet so, ob sich zwei Nutzer im gleichen Raum befinden. Privatsphäre kennt Color keine, alle Fotos sind öffentlich und können gar nicht auf “privat” gestellt werden. Selbst die Gruppen, die man mit anderen Nutzern gründet, sind immer für Außenstehenden einsehbar. Zudem braucht es keine ausdrückliche Zustimmung, ob jemand Mitglied einer Gruppe ist oder nicht. Wenig vertrauenserrweckend ist zudem, dass die Fotos ab dem Zeitpunkt, an dem sie auf die Color-Server hochgeladen werden, auch der Firma gehören, wie Color-Mitgründer Peter Pham gegenüber CNN sagte. Die Nutzer werden bei der ersten Verwendung der App darüber allerdings nicht informiert.

“Von Geburt an voyeuristisch”
Das Selbstbewusstsein der Macherfirma Color Labs, Inc. kommt nicht von ungefähr. Als Gründer treten Bill Nguyen, der den Musik-Dienst Lala aufgebaut und 2009 an Apple verkaufte, Peter Pham Ex-CEO von BillShrink sowie D.J. Patil,  ehemaliger LinkedIn-Mitarbeiter auf. “Wir sind alle von Geburt an voyeuristisch”, so Pham, der deswegen an den durchschlagenden Erfolg von Color glaubt. Sein Partner Nguyen rechnet bereits mit “Schubkarren voller Geld”, die sich mit der Idee machen lassen würden. Zwar steht noch kein Business-Modell fest, die Macher liebäugeln aber bereits mit zwei Einnahmequellen: Einerseits könne man Color als White Label an andere Firmen lizensieren, andererseits könnten Werber ihre Angebote in den Strom der Fotos fließen lassen. Zudem wird Color die Aufmerksamkeit von Google und Facebook erregen und zum potenziellen Übernahmekandidaten avancieren.

Social-Media-Revolution?
“Ich weiß nicht, ob Color ein großer Erfolg wird. Es ist mir egal, dass sie 41 Millionen US-Dollar bekommen haben. Offenbar kann heutzutage jeder soviel Geld bekommen”, schreibt der renommierte Risikokapitalgeber Fred Wilson von Union Square Ventures in seinem Blog. Er sehe vielmehr das große Potenzial darin, wie Color das Netzwerk eines Menschen einfacher nachzeichne als Facebook und Twitter und dabei auch Veränderungen über die Zeit berücksichtige.

(futurezone) Erstellt am 24.03.2011, 12:00

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