© Maxwells Photography

Entwicklung
01/04/2011

Handy-App für die autistische Tochter

Wenn heute Software für Mobiltelefone gemacht wird, haben die Entwickler meist ein Millionenpublikum und kommerzielle Ziele im Hinterkopf. Die Irin Lisa Domican hat genau das Gegenteil gemacht: Sie entwickelte eine App einzig dazu, ihrer autistischen Tochter Grace die Kommunikation zu erleichtern.

von Jakob Steinschaden

Wenn die elfjährige Grace zu ihrem iPhone greift, dann will sie weder eine SMS tippen noch jemanden anrufen. Sie ist ein schwerer Fall von Autismus, kann kaum sprechen und sich auch nicht über Mimik und Gestik verständlich machen. Ihre beste Ausdrucksmöglichkeit ist der Touchscreen: Dort kann sie aus einem Repertoire von 300 Bildern Sätze formulieren. Sie reiht etwa ein Symbol einer Hand, einen Farbklecks und ein Leiberl aneinander, und jeder versteht: "Ich will das blaue T-Shirt anziehen."

Dass Grace heute mit der neuartigen, nach ihr benannten Software mit der Umwelt kommunizieren kann, hat sie ihrer Mutter Lisa Domican (42) aus Irland zu verdanken. Eigentlich technisch überhaupt nicht versiert, erkannte sie das Potenzial von Smartphones und rief ein Handy-Programm ins Leben, das hunderten autistischen Kindern im Alltag hilft.

Bildersprache

Grace gehört von Geburt an zu jenen ein Prozent der Weltbevölkerung, die die angeborene Verhaltensstörung Autismus haben und unter schweren Verständigungsproblemen leiden. Ihr erstes Wort sagte sie im Alter von sechs, Fremde können sie nur schwer verstehen. Eine Lösung fand Domican in der Bildersprache: Sie bastelte Grace in mühsamer Kleinarbeit ein Buch voller kleiner Bilder. Grace lernte, die Symbole auf einem Klebestreifen zu Aussagen zu reihen.

Dann entdeckte Domican im Bus eine iPhone-Werbung. "Die bunten Symbole haben mich an das Bilderbuch meiner Tochter erinnert", sagt sie zum KURIER. Jetzt muss Grace nicht mehr mit dem Buch herumlaufen, sondern hängt sich einfach das Smartphone an einem Band um den Hals.

Vom Foto zur interaktiven Software

"Zuerst habe ich ihre Bilder einfach auf das Gerät gespeichert", so Domican. "Aber es erlaubte immer nur ein Bild auf einmal anzuzeigen, obwohl Grace bereits ganze Sätze mit Zahlen und Farben bildete." Schließlich wurde sie auf den Dubliner Studenten Steven Smith aufmerksam, der mit iPhone-Apps bis zu 1000 Dollar pro Tag verdiente. Domican kontaktierte Smith über den Kurznachrichten-Dienst Twitter - er willigte sofort ein, eine Software nach ihren Vorgaben zu machen.

Wenige Tage später konnte Grace das Programm auf ihrem iPhone ausprobieren. "In der App hat sie immer dreihundert Bilder mit sich, mit denen sie sinnvolle Sätze bilden kann", sagt Domican. Die Bilder sind zum Großteil von der Mutter selbst gezeichnet, die Grafik ist ganz nah an das Bilderbuch gehalten. Mit der iPhone-Kamera kann Grace zudem Dinge fotografieren und so ihren Wortschatz erweitern. Alle technischen Möglichkeiten wurden absichtlich nicht ausgereizt und etwa auf eine Stimmausgabe verzichtet. "Sie ist daran gewöhnt, über Bilder zu kommunizieren", so die Mutter. "Ich will sichergehen, dass sie ihre eigene Stimme entwickelt."

Heute kann Grace selbstständig Drei-Wort-Sätze formulieren - ein Lernerfolg, den sie vor allem der bereits zweimal ausgezeichneten Software zu verdanken hat. Deswegen bietet Domican sie seit kurzem um 30 Euro in Apples "App Store" zum Verkauf an. Mehr als 600 Mal wurde sie heruntergeladen und komme vor allem in Schulklassen für Autisten im Einsatz, vermutet Domican. 2011 will sie "Grace" über eine gegründete Firma international bewerben und in andere Sprachen übersetzen. "Mein großes Ziel ist, allen Menschen mit Autismus die Möglichkeit zum unabhängigen Kommunizieren zu geben - auch Erwachsene."

Kaum Handy-Software für Behinderte
Handy-Apps, die Menschen mit Behinderungen im Alltag unterstützen, sind noch rar. Grundproblem ist, dass viele Angebote nicht oder nur eingeschränkt in Österreich nutzbar sind. So gibt es etwa die kostenlose iPhone-Software "myHandicap", die behindertengerechte Parkplätze und Gebäude anzeigt. Allerdings sind für Österreich nur etwa 400 Adressen vermerkt, während für Deutschland bereits eine halbe Million Einträge existieren.In der Schweiz gibt es mit "Gehörlosenzentrale.ch" einen Handy-Dienst, der Telefongespräche für Gehörlose in Text übersetzt. So genannte "Speech-to-Text"-Programme, mit denen Blinde gesprochene Sprache in SMS oder eMails übersetzen könnten, funktionieren im Deutschen kaum. Immerhin können Stumme seit kurzem mit Skype am iPhone videotelefonieren, um über Gebärdensprache zu kommunizieren.

Mehr zum Thema:

Ubahnaufzug.at: Defekte online melden
Technik mit gutem Gewissen
Blinder kann durch Netzhautchip lesen

(Jakob Steinschaden)