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KONTROLLE Internet Eyes: Bürger bespitzeln Bürger.

Foto: Bild: Demovideo auf YouTube/Screenshot Futurezone
Nutzer des britischen Online-Dienstes Internet Eyes können seit Anfang Oktober Bilder von Überwachungskameras aus britischen Läden einsehen und im Falle von Ladendiebstählen Alarm schlagen. Dafür erhalten sie Prämien. Datenschützer kritisieren das Angebot scharf und sprechen von einem "Spionagespiel in Stasi-Manier". In Österreich würde Internet Eyes voraussichtlich keine Registrierung erhalten, heißt es aus der Datenschutzkommission (DSK).

"Das Prinzip ist einfach", sagt Max Patey, Commerical Director von Internet Eyes. Viele Ladenbesitzer würden nicht über die Zeit und die Personalressourcen verfügen, die Bilderströme ihrer Überwachungskameras zu sichten. Das sei aber notwendig, um Ladendiebstähle zu verhindern. Internet Eyes biete ihnen ein kostengünstige Möglichkeit, indem diese Aufgabe an Internet-Nutzer ausgelagert werde.

Für Installation und Instandhaltung der Überwachungssysteme und das Monitoring der Livebilder verlangt das Unternehmen gerade einmal 75 Pfund im Monat. Während des Betatests, der seit 4. Oktober läuft, ist das vorerst auf Großbritannien beschränkte Service noch kostenlos.

2000 Nutzer angemeldet

30 Läden nutzen das Angebot während der für drei Monate anberaumten Testphase. Mehr als 2000 Internet-Nutzer aus der gesamten EU haben sich bei dem Dienst bereits angemeldet, um das Monitoring der Livebilder von den Überwachungskameras zu übernehmen. Nach Angaben Patleys verbringen sie durchschnittlich zwei Stunden und 45 Minuten täglich mit dem Sichten der Überwachungsbilder.

Nach dem Einloggen bekommen Nutzer per Zufallsprinzip Bilder von Kameras aus Geschäften in Großbritannien zugespielt. Bei verdächtigen Aktivitäten können sie einen Alarmknopf betätigen. Der Ladenbesitzer wird dann umgehend per SMS verständigt und bekommt via E-Mail einen Screenshot des Kamerabildes zugesandt.

Prämie für Hinweise

Um Missbrauch zu vermeiden, wird von Nutzern eine Gebühr von rund zwei Pfund monatlich oder 12,99 Pfund jährlich eingehoben. Dafür erhalten Nutzer Vergütungen für die vor dem Bildschirm verbrachte Zeit. Für mehr als 30 Stunden pro Monat werden etwa 50 Pence gutgeschrieben. Daneben wird monatlich eine Prämie von 1000 Pfund an die Nutzer mit den meisten sachdienlichen Hinweisen ausgeschüttet.

Für das Ausspähen von Ladendiebe über den Online-Dienst können sich Bürger aus allen EU-Staaten anmelden. Nach Angaben des Unternehmens wird darauf geachtet, dass sie keine Bilder aus Geschäften aus ihrem Wohnort oder Gebieten mit der selben Postleitzahl zugespielt bekommen.

Nach einem Monat seien mehr als 470 positive oder zumindest ernstzunehmende Hinweise auf Ladendiebstähle eingegangen, zieht Patey gegenüber der Futurezone Zwischenbilanz. Vier Nutzer seien von dem Dienst verbannt worden, weil sie die Alarmfunktion missbraucht hätten.

"Spionagespiel in Stasi-Manier"

Datenschützer können dem Dienst wenig abgewinnen. Die Überwachungsgegner von No CCTV sprechen von einem "Spionagespiel in Stasi-Manier" und von der Privatisierung der Überwachungsgesellschaft. Es sei widerlich und besorgniserregend wenn Bürger dazu animiert werden, andere Bürger zu bespitzeln, so die Aktivisten.

Durch das "Outsourcen" des Monitoring von Überwachungseinrichtungen an die Öffentlichkeit werde diese selbst Teil des Überwachungsstaates, heißt es in einem Blog-Eintrag von No CCTV: "Dienste wie Internet Eyes tragen dazu bei, Überwachungsmaßnahmen zu normalisieren und zielen darauf ab, Leute gegenüber Überwachungsmaßnahmen abzustumpfen."

Die Kritik von Bürgerrechtlern und Datenschützern war auch der Grund für Verzögerungen beim Start des Dienstes. No CCTV und die Datenschutzorganisationen Privacy International brachten 2009 Beschwerde bei der nationalen britischen Datenschutzbehörde ein. Der Information Commissioner (IC) untersuchte das Angebot, erteilte einige Auflagen und gab schließlich grünes Licht für den im Oktober dieses Jahres gestarteten Betatest.

Expansion in weitere EU-Länder geplant

Internet-Eyes-Manager Patey zeigt sich von der Kritik der Überwachungsgegner wenig beeindruckt: "Wir helfen nur dabei, die vorhandene Infrastruktur effektiver zu nutzen."

Über den Betatest sollten Fallstudien erstellt und die Nachfrage nach dem Angebot demonstriert werden, meint Patey. Den Dienst will das Unternehmen danach auch in anderen EU-Ländern anbieten. Derzeit würden Gespräche geführt und Partner gesucht: "Unsere technologische Infrastruktur ist darauf ausgerichtet."

Kaum Chancen auf Registrierung in Österreich

Dass Internet Eyes auch in Österreich an den Start gehen könnte, ist aber unwahrscheinlich. "Nach einer ersten groben Einschätzung scheint es eher zweifelhaft, dass eine Registrierung in Österreich stattfinden könnte", sagt Eva Souhrada-Kirchmayer, geschäftsführendes Mitglied der Österreichischen Datenschutzkommission (DSK) auf Anfrage der Futurezone.

Prinzipiell sei die Echtzeitüberwachung in Österreich nicht meldepflichtig. Durch die digitale Speicherung der Screenshots sei aber eine Meldepflicht gegeben. Darüber hinaus wäre die Übertragung der Überwachungsbilder ins Netz als Übermittlung der Videoüberwachung an nicht befugte Personen zu qualifizieren, meint Souhrada-Kirchmayer. Dadurch werde der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz verletzt. "Ich sehe kein überwiegendes berechtigtes Interesse der gesamten Öffentlichkeit, Personen beim Einkauf zu beobachten", so Souhrada-Kirchmayer.


"Idee vorhersehbar"

"Es war vorsehbar, das jemand auf eine solche Idee kommt", meint Dietmar Kammerer, Überwachungsexperte und Autor des in der Edition Suhrkamp erschienenen Bandes "Bilder der Überwachung" zur Futurezone. Der Science-Fiction-Autor Neal Stephenson habe bereits 1995 eine Geschichte mit dem Titel "Global Neighborhood Watch" geschrieben, bei der ein ähnliches Szenario durchgespielt werde. Dass die Science-Fiction tatsächlichen Entwicklungen voraus sei, könne man bei Überwachungstechnologien öfter beobachten, so Kammerer.

Bemerkenswert sei, dass die Überwachung im Fall von Internet Eyes mit einem spielerischen Charakter versehen werde. "Eine Videospiellogik auf eine Sicherheitstechnologie zu übertragen, ist eine bedenkliche Entwicklung."

"Crowdsourcing-Projekte gescheitert"

Dass sich Crowdsourcing, die Auslagerung von Tätigkeiten an Internetnutzer, im Bereich der Videoüberwachung durchsetze, glaubt Kammerer nicht. Ein ähnliches Projekt des US-Heimatschutzes, bei dem Internetnutzer die Grenze zwischen Mexiko und den USA via Webcam beobachten sollten, sei kläglich gescheitert.

"Wir wissen aus der Forschung über Kontrollräume auch, dass gut ausgebildete Leute zur Sichtung der Aufnahmen notwendig sind", sagt Kammerer: "Die Leute müssen den Raum und die Umgebung gut kennen. Das ist bei Internet Eyes nicht der Fall."

"Connection to the server has failed"

Dass allzugroße Sorgen über den Dienst vorerst nicht angebracht sind, zeigt auch ein kurzer Test der Futurezone. Trotz erfolgreicher Registrierung und wiederholter Versuche mit verschiedenen PCs war ein Sichten der Aufnahmen nicht möglich. "Connection to the server has failed", hieß es immer wieder.

Ein E-Mail an den Support von Internet Eyes wurde zwar innerhalb weniger Stunden beantwortet. Trotz gegenteiliger Versicherung der Techniker des Unternehmens lieferte der "Internet Eyes Viewer" aber auch Tage nach der Registrierung nur eine Fehlermeldung.

(Patrick Dax)

(futurezone) Erstellt am 25.11.2010, 13:21

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