Sollte LG die Akkuprobleme in den Griff bekommen, ist das Smartphone eine hervorragendes Einsteigergerät.
© futurezone/Thomas Prenner

Test

LG Optimus L9 im Test: Günstiger Edel-Riese

Auch wenn sich Smartphones seit dem ersten iPhone nur wenig verändert haben, so war in den letzten Jahren dennoch ein eindeutiger Trend erkennbar: die Bildschirme werden immer größer. Einer

zufolge liegt der sogenannte "Sweet Spot" für Smartphone-Bildschirme zwischen vier und 4,5 Zoll und ist im Steigen begriffen. Doch gerade größere Modelle zählten in den vergangenen Jahren ausschließlich zu den Spitzenmodellen, Mittelklassegeräte mit mehr als 4,5 Zoll waren rar gesät. LG möchte dies nun mit dem günstigen Optimus L9 ändern. Das Smartphone bietet einen 4,7 Zoll großen IPS-Bildschirm mit qHD-Auflösung und setzt das gelungene Design der L-Reihe fort. Im futurezone-Test schlug sich das neue Smartphone recht wacker und sorgte nicht nur in der Redaktion für interessierte Blicke.

Design und Handling
"Hübsch", "schick", "Wie ein Barren", "Zu kantig" - bei kaum einem anderen Hersteller wie LG geht die Meinung über das Design der Geräte so dermaßen auseinander. LG hat es gewagt, das klassische Muster von Unternehmen wie Apple und Samsung zu ignorieren und hat dabei (zumindest nach Meinung dieses Redakteurs) ein ungemein hübsches Design fabriziert. Die Front ist klassisch schlicht gehalten, lediglich das LG-Logo und der zentrale Home-Button sind im ausgeschalteten Zustand sichtbar. Links und Rechts vom länglichen Home-Button, der glücklicherweise als Hardware-Knopf ausgeführt wurde, befinden sich Soft-Keys, die nur beim Aktivieren des Bildschirms sichtbar werden. Ansonsten finden sich als Bedienelement lediglich noch eine Lautstärkewippe auf der linken Seite sowie der Power-Knopf auf der gegenüberliegenden Seite, der trotz seiner Positionierung rechts oben nicht als Kameraauslöser verwendet werden kann.

Die Ränder haben einen ungemein kleinen Radius, weswegen sich das L9 etwas schwieriger am Handballen ablegen lässt. Um diesen Effekt zu verringern, wurde der Rückseite jeweils links und rechts eine knapp einen Zentimeter breite Schräge verpasst. Diese verbessert das Handling allerdings nicht wirklich. Für ein angenehmes Haltegefühl sorgt hingegen die leicht gerippte Rückseite, die das L9 am Rutschen hindert. Gerade die Rückseite sorgte aber bei einigen Testpersonen für Kritik, da diese die Oberfläche als unangenehm empfanden. Die gerippte Gummierung zieht sich beim L9 auch über die Seitenränder hindurch, ist dort aber eher ein Stilelement und trägt nichts zum Handling bei.

Mit 125 Gramm ist ist es für seine Größe ein ziemliches Leichtgewicht. Das Gewicht ist gut verteilt, der Schwerpunkt sitzt ziemlich exakt in der Mitte. Durch seine blockförmigen Abmessungen wirkt das L9 relativ wuchtig, tatsächlich ist es aber nur 9,1 Millimeter dick. Unter der Abdeckung verbirgt sich neben einem NFC-Chip und der 5 Megapixel-Kamera auch der SIM- und microSD-Karteneinschub sowie der 2.150 mAh starke Akku.

Großer Akku, magere Leistung
Der 2.150 mAh-Akku lässt ob seiner bloßen Kapazität bereits Großes vom L9 in puncto Laufzeit erwarten. Zum Vergleich: selbst das Galaxy Nexus (4,65 Zoll) und das One X (4,7 Zoll) hatten trotz eines 1.800 mAh-Akkus noch respektable Laufzeiten vorzuweisen. Doch gerade in diesem Punkt zeigte das L9 im futurezone-Test Schwächen. Dafür ist vor allem die Software, die die Bildschirmhelligkeit steuert, verantwortlich, die im Gegensatz zu anderen Smartphones auf keinen Helligkeitssensor zurückgreifen kann. So bleibt die Bildschirmhelligkeit konstant auf dem eingestellten Niveau und passt sich dem Umgebungslicht nicht an. Bei voller Bildschirmhelligkeit entlädt sich der Akku rapide, der Nutzer kann anhand der Prozentangabe den Entladevorgang sogar recht gut beobachten, da pro Minute knapp ein Prozent Akkuladung wegfällt. So begann während des Alltagstests des öfteren die verzweifelte Suche nach der Steckdose oder das Deaktivieren von Automatischer Synchronisation und aller anderen Hintergrunddienste.

Doch LG hat vorgebeugt und mit der Energieverwaltung eine durchaus sinnvolle Softwarelösung integriert, die dieses Manko teilweise ausbessert. In der Energieverwaltung kann ein Energiespar-Profil angelegt werden, das nach dem Unterschreiten eines gewissen Prozentsatzes einige Funktionen wie Synchronisierung, WLAN, Bluetooth oder Bildschirmbeleuchtung deaktiviert oder reduziert. In der Energieverwaltung erhalten unerfahrene Nutzer Tips zur Effizienzsteigerung der Akkulaufzeit. Doch LG dürfte wohl bald mit einem Softwareupdate nachbessern, denn die im Test erreichten Werte waren sehr enttäuschend, oftmals war bereits nach zwölf Stunden durchschnittlicher Nutzung Schluss.

Display
Der Stromfresser Display ist aber auch das wichtigste Feature des L9. Mit 4,7 Zoll Bildschirmdiagonale befindet es sich in einem relativ elitären Kreis, der bislang lediglich von Smartphones über 400 Euro bevölkert wurde. Die Helligkeit des IPS-Displays ist hervorragend, ebenso auch das Kontrastverhältnis, das lediglich durch die schwachen Schwarzwerte etwas getrübt wird. Der horizontale Betrachtungswinkel ist gut, in der Vertikalen nimmt die Sichtbarkeit des Bildschirm aber recht rasch ab. Besonders das stark spiegelnde Schutzglas macht hier dem ansonsten gut gelungenen Display einen kleinen Strich durch die Rechnung. Dafür dürften Kratzer am Display dank des verwendeten "Corning Gorila Glass 2" rar sein, im Alltagstest wurde der Bildschirm beim Tragen in der Hosentasche ohne Schutzhülle nicht beschädigt.

Software
LG setzt beim L9 auf die Android-Version 4.0.4, es soll aber noch dieses Jahr ein Update auf Version 4.1 alias Jelly Bean geben. Bei der Oberfläche ist kein Stein auf dem anderen geblieben, das sporadische Android-User Interface wurde durch das LG-eigene Pendant ersetzt. An dieser bunten Oberfläche scheiden sich aber die Geister, denn einerseits bietet LG mit der L-Reihe ein wirklich edles Design, andererseits sticht die quietschbunte Comic-Oberfläche mit recht großen Icons hier etwas unangenehm heraus.

Dieser erste Eindruck tut der LG-UI allerdings Unrecht. Viele der Funktionen sind durchaus sinnvoll, so ist beispielsweise der oberste Bereich der Benachrichtigungsleiste mit Einstellungen und LG-eigenen Apps (zum Beispiel QuckMemo) personalisierbar. So können unter anderem Bildschirmhelligkeit, Bluetooth-Aktivität oder das Soundprofil mit einem Knopfdruck verändert werden. Auch das Entsperren durch "Ziehen" ist ein netter Effekt. LG hat auch nicht an Zusatz-Apps gespart: Neben App- und Dateimanager findet sich auch eine Augmented Reality-App im Lieferumfang, mit der Texte über die Kamera übersetzt werden können. Auch das Office-Paket Polaris Office ist bereits vorinstalliert.

Kamera und mehr
Mit einer Auflösung von fünf Megapixeln reiht sich die Kamera des L9 in die Reihe der durchschnittlich Smartphone-Kameras ein. Die Bilder sind ordentlich, aber lassen ein starkes Rauschen erkennen. Vor allem bei schwachen Lichtverhältnissen sind die Ergebnisse meist unbrauchbar, hier hat die Konkurrenz von HTC, Nokia und Apple deutlich bessere Alternativen im Angebot. Videos können in Full HD-Qualität aufgezeichnet werden und überzeugen durch ein flüssiges und ruhiges Bild. Des weiteren hat LG der Kamera eine nette Fernauslösefunktion spendiert, die auf Zuruf (wahlweise "Cheese", "LG", "Whisky" oder "Kimchi") den Auslöser betätigt.

Ebenfalls ungewöhnlich für ein Modell dieser Preisklasse, aber bereits fixer Bestandteil der L-Serie ab dem L5, ist der im Akkudeckel verbaute NFC-Chip. Über die mitgelieferte LG Tag+ Funktion können NFC-Sticker programmiert werden, sodass das Smartphone bei Berührung gewisse Funktionen ausführt oder in einen gewissen Modus wechselt. Derartige Sticker sind bereits ab zwei Euro im Handel erhältlich, die NFC-Technologie wird dennoch hauptsächlich für Bezahlfunktionen genutzt.

Mager ist jedoch die Speicherausstattung: Lediglich vier Gigabyte an internem Speicher stehen zur Verfügung, der Speicher kann allerdings über eine microSD-Karte (nicht im Lieferumfang) um bis zu 32 Gigabyte erweitert werden. Immerhin kann der Nutzer neben der Dualcore-CPU auch auf einen Gigabyte RAM zurückgreifen. Das schlägt sich auch in den Benchmarks nieder, die sich auf dem Niveau des Galaxy Nexus bewegen.

Fazit
LG baut mit der L-Serie sein Engagement auf dem Smartphone-Markt weiter aus und dürfte Schätzungen zufolge bereits im nächsten Jahr den dritten Platz hinter dem südkoreanischen Konkurrenten Samsung und Apple einnehmen. Ob allerdings gerade das L9 die Verkaufszahlen von LG beflügeln wird, hängt von der Updatepolitik des Konzerns ab. Denn auch wenn das L9 sehr viele Pro-Argumente liefert - zum Beispiel ein sehr guter, großer Bildschirm und edles Design - so finden sich auch auf der Contra-Seite einige Punkte, vor allem die mangelhafte Akkulaufzeit. Da hier das Problem allerdings offenbar auf der Software-Seite zu liegen scheint, hätte LG mit dem Jelly Bean-Update die ideale Gelegenheit, um nachzubessern. Freunde von Custom-ROMs finden im L9 eine recht günstige Alternative zum Galaxy Nexus, dessen Bildschirm zwar auch 4,65 Zoll misst, dabei aber durch die virtuellen Tasten Platz wegnimmt.

Günstigere Alternativen in dieser Bildschirmklasse gibt es derzeit nicht. Wer auf der Suche nach einem Bildschirm mit höherer Auflösung ist, hat neben dem Galaxy Nexus (knapp 320 Euro Straßenpreis) noch das LG Optimus 4X HD zur Auswahl, das dem L9 recht stark ähnelt, dafür aber mit einer Quadcore-CPU sowie einem HD-Display aufwarten kann (Straßenpreis ca. 380 Euro).

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Modell:
LG Optimus L9
Display:
4,7 Zoll IPS LCD-Display - 540 x 960 Pixel (qHD, 234 ppi)
Prozessor:
1 GHz Dualcore
RAM:
1 GB
Speicher:
4GB intern, microSD-Kartenslot (bis zu 32 GB)
Betriebssystem:
Android 4.0.4
Anschlüsse/Extras:
Micro-USB, 3,5mm Klinke, WLAN (b/g/n), Bluetooth 3.0, NFC
Kamera:
5MP Rückseite
Videos:
Aufnahme in Full HD (Rückseite)
Maße:
131.8 x 68.3 x 9.1 mm, 125 Gramm
Preis:
349 Euro UVP

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