© Marco Tempest

Porträt
12/10/2010

Marco Tempest: Der Open-Source-Magier

Der gebürtige Schweizer verzaubert sein Millionenpublikum mit Handys, Videoprojektionen und YouTube-Videos. Dabei geht er einen für seinen Beruf ungewöhnlichen Weg: Er verrät, wie viele seiner Tricks funktionieren und stellt die Software, die er selbst entwickelt, zur freien Verfügung.

Zylinderhüte, weiße Hasen und zersägte Jungfrauen sind für ihn Relikte einer vergangenen Zeit. Wenn Marco Tempest sein Publikum verzaubern will, greift er lieber zu Handy, Videoprojektor und Augmented-Reality-Brille. Der heute in New York lebende Schweizer gilt als der bis dato einzige weltweit erfolgreiche Magier, der seine Illusionen mit neuesten Hightech-Tricks zu Wege bringt. Seinen Ruhm hat er in erster Linie dem Video-Portal YouTube zu verdanken: Mehr als 26 Millionen Mal wurden seine Low-Budget-Kurzfilme angesehen.

Am populärsten ist dabei wohl seine Nummer mit dem iPhone: Als das Apple-Handy 2007 auf den Markt kam, stellte Tempest bereits 30 Minuten nach Verkaufsstart ein YouTube-Video online, in dem er Bier aus dem Gerät trank, es als Röntgengerät verwendete und eine Münze vom Bildschirm in seine Hand zauberte. Damals war von Mini-Programmen, die diese Schmähs heute Laien teilweise ermöglichen, noch keine Rede. Tempest bereitete wochenlang passende Videos in allen erdenklichen Formaten vor, die er dann direkt im New Yorker Apple Store auf sein neues iPhone übertrug und so die unmöglichen Funktionen ermöglichte. Womit eine weitere Besonderheit des Hightech-Magiers ans Tageslicht tritt: Er verrät, wie seine Tricks funktionieren.

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Freie Tricks
Egal, ob Tempest ein Handy vom Dach schmeißt und es einen Augenblick später unten am Gehsteig auffängt oder den Regenschirm eines Passanten schrumpft - sein Publikum darf ihm in die Karten sehen. "Zauberer sind historisch gesehen strenge Hüter ihrer Geheimnisse. Ich sehe mich da als Revoluzzer, der mit dem System bricht", so Tempest im KURIER-Gespräch. "Außerdem kann man im Internet ohnehin so so oft zurückspulen, bis man den Trick herausfindet."

Deswegen dürfen seine Fans Software, die der digitale Zauberer selbst programmiert, verwenden, um die Tricks nachzumachen. Mit "MultiVid" gibt es etwa eine Gratis-App für das iPhone von ihm. Auch die Rockband U2 hat in seine kostenlose Trickkiste gegriffen, um ihre aktuelle Multimedia-Show aufzumöbeln. "Da ist natürlich die Gefahr dabei, dass einer in China den gleichen Trick macht und damit berühmt wird", so Tempest. Bislang aber liefe es mit der Strategie ganz gut, seine Shows würden weltweit gebucht werden. "Ich betrachte mich als Forscher, und Forscher teilen ihre Entdeckungen mit anderen."

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Magische Geräte
Neben Smartphones haben auch die neuen Tablet-Computer ihren Weg ins Programm von Tempest gefunden. "Das iPad ist das schönste unnütze Ding, das ich jemals hatte", so der Schweizer. "Aber trotzdem finde ich es magisch, weil Hardware und Software miteinander verschmelzen."

Die aufregendsten Möglichkeiten würden sich aber mit Kinect, dem Bewegungssensor von Microsofts Spielkonsole Xbox360 auftun: "Das Coole am Kinect ist, dass es 3-D-Daten liefert. Damit könnte man sich in Kombination mit einem Video-Beamer in eine andere Person verwandeln oder sein Gesicht verformen." Derzeit tüftelt Tempest noch an einer Möglichkeit, wie er Kinect in seine Shows einbinden kann.

Steile Karriere

Seine YouTube-Videos, die er kostenlos zur Verfügung stellt, waren marketingtechnisch schlau eingesetzt. Heute wird Tempest für Shows in den USA, Japan, Europa, auf der Arabischen Halbinsel und, wenn alles gut geht, auch bald in Österreich gebucht. Außerdem hat er mit seiner neuen Firma "New Magic Communications" bereits im Auftrag von Firmen wie Apple, Microsoft oder Cisco gezaubert. Am wichtigsten aber war der Wechsel nach New York. "Die Mentalität ist anders: Wenn ich jemanden in der Schweiz erzähle, dass ich Zauberer bin, fragt er mich: Und von was leben Sie? In den USA aber kommt die Frage: Wow, wo kann ich mir die Show ansehen?"

Begonnen hat Tempest klassisch: Mit sechs bekam er seinen ersten Zauberkasten, wenig später trat er im Kinderzirkus auf. Seine Affinität für Technik begann er im Teenager-Alter mit seiner Zauberei zu verbinden. "Mein erster Trick war, meine Hände in ein Fernsehgerät zu stecken", so Tempest. Am Bildschirm lief damals natürlich ein vorbereitetes Video. Heute lacht der digitale Magier über die Tricks von damals, immerhin ist er bei Echtzeit-Berechnungen von Spielkarten und bewegungssensiblen Video-Illusionen wie seinem derzeitigem Lieblingstrick "Magic Projection" angelangt.

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"Als ich noch jung war, war David Copperfield das große Vorbild", so Tempest. "Was ich noch heute toll an ihm finde, ist sein Streben nach der perfekten Illusion." Mit Copperfield würde ihn vor allem ihre hochtechnologische Arbeitsweise verbinden. Folglich: "Ich weiß natürlich genau,wie sein Zauber funktioniert."

(Jakob Steinschaden, Abu Dhabi)