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04.11.2016

Microsoft und Dell machen den Küchen- zum Künstler-PC

All-in-One-PCs wurden als Dritt-, Familien-, und Küchen-Computer beworben. Microsoft und Dell machen sie jetzt zu hochpreisigen Kreativ-Instrumenten.

„Der Desktop-PC ist nicht tot“, verkündete Michael Dell kürzlich. Sein Unternehmen Dell war jahrelang Marktführer bei Computern und leidet derzeit, genauso wie HP, Lenovo und viele andere PC-Hersteller, unter sinkenden Verkaufszahlen. Notebooks und Tablets scheinen den klassischen Schreibtisch-PC zu verdrängen – und das nicht nur zu Hause. Immer mehr Unternehmen setzen darauf, dass Mitarbeiter ihre eigenen Notebooks mitbringen. Auch die Faustregel, dass Notebooks zu wenig Leistung für Grafikanwendungen oder Videoschnitt haben, ist durch leistungsstarke Laptops nicht mehr gültig.

Natürlich gibt es noch genügend Desktop-PCs in Firmen und Haushalten, um Dells „nicht tot“-Sager beizupflichten. Als quicklebendig kann man den klassischen Computer deshalb aber auch nicht bezeichnen – untot, wäre wohl treffender.

Smart Desk

Michael Dell hat aber einen Plan, der das Computergeschäft revitalisieren soll: Touchscreen-PCs. Das Konzept ist allerdings nicht neu und wird seit Jahren als „All-in-One-PC“ verkauft. Bei diesen wird der komplette Rechner in den Bildschirm verfrachtet – fast so, als wäre es ein überdimensionales Tablet – oder in den Standfuß. Diese All-in-One-Computer kosten zwischen 500 und 1500 Euro wurden als Drittgerät, Familien-Desktop und in einigen Fällen sogar als Küchen-PC beworben: Um Rezepte anzuzeigen und während des Kochens Musik zu hören oder fernsehen zu können.

Das Dell-Konzept Smart Desk richtet sich aber nicht an Hausmänner, die beim kulinarischen Experimentieren nicht auf die Fußballübertragung verzichten wollen, sondern an kreativ Tätige, wie etwa Grafiker, Musik- und Filmemacher. Details zu Smart Desk wird es erst 2017 geben, ein kürzlich veröffentlichtes Video zeigt das Konzept aber in Aktion.

Smart Desk besteht aus zwei Bildschirmen: ein normaler und ein großer Touchscreen, der auf der Tischplatte liegt und Tastatur und Maus ersetzt. Das berührungsempfindliche Display kann mit Fingergesten gesteuert werden. Mit einem Stylus lassen sich digitale Zeichnungen anfertigen. Wenn gewünscht, kann ein Drehrad auf dem Touchscreen aufgelegt und mit verschiedenen Funktionen belegt werden. Im Bildbearbeitungsprogramm wird etwa die Helligkeit durch Drehen geregelt, in der Videoschnittsoftware schnell vor- oder zurückgespult.

Microsoft Surface Studio

Dass Dell den Smart Desk zum jetzigen Zeitpunkt hervorkramt, nachdem die Arbeit daran erstmals 2014 angekündigt wurde, ist ziemlich sicher kein Zufall. Microsoft hat erst vorige Woche mitSurface Studioein ähnliches Gerät vorgestellt. Dieser All-in-One-PC hat zwar nur ein Display, kann aber ebenfalls mit Stift und Drehrad verwendet werden, das auf den Touchscreen aufgelegt wird. Dazu kann der Bildschirm abgesenkt und nach hinten geneigt werden, was laut Microsoft eine bequeme Bedienung mit Stift und Rad ermöglicht.

Auch das Surface Studio ist nicht vorrangig als Heim-PC zum digitalen Herumkritzeln gedacht, oder um in einer furchtbaren Windows-8-App digitale Post-ist zu platzieren, die das Kind daran erinnern sollen die Hausübung zu machen, sondern als Arbeitsgerät. Um den Anforderungen von Grafikern Genüge zu tun, hat das 28-Zoll-Display mit 13,5 Millionen Bildpunkten eine um 63 Prozent höhere Auflösung als ein UHD-Smart-TV. Außerdem soll es eine hohe Farbechtheit bieten.

Die Preisfrage

Aber auch ohne diesen technischen Daten wird das Surface Studio nicht mit einem Küchen- oder Familien-Computer verwechselt werden. Dafür sorgt der Preis: In den USA wird der All-in-One-PC ab 2.999 US-Dollar erhältlich sein. Der Dell Smart Desk wird womöglich ähnlich teuer sein.

Der Preis und die Ausrichtung der Produkte auf eine eher überschaubare Zielgruppe werden wohl nicht wesentlich dazu beitragen, dass der PC-Markt revitalisiert wird. Aber vielleicht kommt die ein oder andere Werbe- und Designagentur in Versuchung ein Surface Studio oder einen Smart Desk anzuschaffen, da Apple nach wie vor keine Touchscreens für seine iMacs und MacBooks anbietet.