© Michael Leitner

Produkte
01/14/2014

Pearl Billig-3D-Drucker im Test: Verblüffend gut

Der deutsche Versandhändler Pearl bietet seit einigen Monaten ab 800 Euro einen 3D-Drucker aus chinesischer Herstellung an. Die futurezone hat den FreeSculpt EX1 getestet.

2013 war ohne Zweifel das Jahr, in dem 3D-Druck auch für den Massenmarkt interessant wurde. War diese Technologie zuvor Unternehmen vorbehalten, die es meist zur Herstellung von Prototypen nutzen, kann sich nun theoretisch jeder ein 3D-Drucker zu einem erschwinglichen Preis kaufen und in sein Wohnzimmer stellen. Theoretisch. Denn auch wenn der Preis stark gesunken ist, die Bedienung der meisten 3D-Drucker ist nach wie vor mühsam und erfordert Fachwissen. Und auch der Versuch, die Bedienung zu stark zu simplifizieren, kann in einem Chaos enden,

wie der Cubify Cube eindrucksvoll demonstrierte.

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Nun versucht sich ein weiterer Hersteller an einem 3D-Drucker, der nach dem "Plug and Play"-Prinzip funktionieren soll. Der deutsche Versandhändler Pearl
bietet seit mehreren Monaten den Freesculpt EX1 ab 800 Euro an
. Dabei setzt das Unternehmen auf die gleiche Strategie wie bei vielen anderen Produkten in seinem Sortiment: Ein Elektronik-Produkt, das gerade in aller Munde ist (hochauflösendes Tablet, Smartwatch,...) wird von einem chinesischen Händler gekauft und mit einem eigenen Markennamen versehen. Da schwant einem bereits im Vorfeld Übles, eine Chance muss man einem Testgerät jedoch immer einräumen. Diese hat der Freesculpt EX1 definitiv genutzt.

Aufgeheizter Papierkorb

Pearl ist offenbar nicht sonderlich darum bemüht, zu verstecken, woher der EX1 tatsächlich stammt. Die englischsprachige Software wurde ohne Veränderungen vom Hersteller übernommen und trägt den Namen "Myriwell". Eine kurze Google-Suche nach diesem Namen offenbart, dass das chinesische Unternehmen Riwell den 3D-Drucker in China produziert und dort auch als Myriwell (es sollte wohl MyRiwell heißen) vertreibt. Das Modell kostet direkt vom Hersteller derzeit 5688 chinesische Yuan, das entspricht rund 680 Euro. Mit Zoll und Versandkosten würde der Preis wohl auf ein ähnliches Niveau wie beim Freesculpt EX1 steigen. Der Myriwell war jedoch zeitweise bereits für 3400 Yuan zu haben (knapp 410 Euro), der Hersteller hat den Preis aber vor einigen Monaten erhöht.

Optisch hat der EX1 den Charme einer Transportbox. Das weiße Gehäuse ist zumindest einteilig und gibt damit der Konstruktion etwas mehr Stabilität. Lediglich die Abdeckung im knalligen Orange-Ton sowie die Öffnung für die Frontscheibe reißen Löcher in das Kunststoff-Gehäuse und verhindern, dass der EX1 nicht mit einem Papierkorb verwechselt wird. Und natürlich, damit man zur Arbeitsfläche gelangt. Dennoch dürfte das "funktionale" Design wohl einigen Kopfschmerzen bereiten, sodass es statt im Wohn- oder Arbeitszimmer eher in einer ruhigen Abstellkammer landen wird.

Nicht laut, aber störend

Die Maße sind vergleichbar mit denen eines (großen) Multifunktions-Laserdruckers und machen den Betrieb auf dem Schreibtisch ohnedies schwierig. Der EX1 nimmt eine Grundfläche von 59 mal 53 Zentimetern ein und ist 48 Zentimeter hoch. Das ist knapp doppelt so groß wie der Cubify Cube, der Objekte zumindest mit einer vergleichbaren Grundfläche (14 mal 14 gegenüber 14,5 mal 15 Zentimetern) ausdrucken kann. Lediglich in der Höhe kann der EX1 mit 22,5 Zentimetern den Cube (14 Zentimeter) bei weitem übertrumpfen. Wirft man einen Blick auf das verfügbare Volumen, wird der Unterschied deutlicher: 4,9 Liter beim EX1 gegenüber 2,74 Liter beim Cube geben deutlich mehr Spielraum beim Ausdrucken von Objekten.

Die Lautstärke des Freesculpt EX1 spricht ebenfalls für einen Aufenthalt in einem separaten Raum. Diese liegt in etwa auf dem Niveau eines herkömmlichen Tintenstrahldruckers, da ein Druckvorgang aber meist 30 Minuten bis hin zu mehreren Stunden dauert, kann das Geräusch schnell zur Belastung werden. Eine Geruchsbelästigung stellt er hingegen nicht wirklich dar, höchstens feine Nasen könnten sich am leichten Geruch von geschmolzenen Kunststoff stören. Da der 3D-Drucker zudem vollständig geschlossen betrieben werden kann, können sowohl Gerüche als auch die Geräuschkulisse etwas gedämpft werden. Pearl empfiehlt jedoch, bei längeren Druckaufträgen die Scheibe an der Oberseite abzunehmen, da es sonst zu einer Überhitzung kommen könnte.
Die Warnung mag ihre Berechtigung haben, im Test drohte aber auch bei mehrstündigen Druckaufträgen und geschlossenem Bauraum keine Gefahr. Die Temperatur der beheizten Druckplatte sowie der Düse blieb stets konstant, auch wenn der verbaute Lüfter wohl recht stark arbeiten musste. Für kürzere Druckaufträge empfiehlt es sich, die Abdeckung geschlossen zu halten und somit den künstlich "aufgeheizten" Bauraum zu nutzen, um das Auskühlen des 220 Grad heißen ABS-Kunststoffes sanfter zu gestalten und so Verzug zu verringern.

Faden und Wäscheklammer

Das Material wird als Spule auf der Rückseite befestigt. Dort wird erst sichtbar, dass die Konstruktion des EX1 eher "buckelig" ausgeführt ist, da das Bedienpanel etwas nach hinten über dem eigentlichen Gehäuse herausragt, um auf der gleichen Höhe wie die Spule zu sein. Das Abnehmen ist denkbar einfach, da die Spule lediglich mit einer Rändelschraube befestigt wird. Das Einführen des Materials gestaltete sich hingegen schwieriger, da das Filament blind durch den Schlauch gepresst werden muss. Da das Filament üblicherweise auf der Spule aufgewickelt ist, ist auch die Spitze entsprechend gebogen und bleibt dadurch recht leicht hängen.

Das war aber bereits die größte Schwierigkeit beim Laden des Materials. Ragt das Filament einmal aus dem Schlauch heraus, muss es lediglich an der Oberseite der Düse eingeführt und der Lade-Prozess am Bedienpanel gestartet werden. Danach heizt die Düse auf und zieht das Filament ein. Das Entladen ist auf demselben Weg möglich. So ganz Plug and Play ist der EX1 dann doch nicht. Dazu kommt noch das manuelle Kalibrieren der Druckplatte. Nach dem Ärger mit der Kalibrierung des Cube bleibt nur zu sagen: Glücklicherweise lässt sich der EX1 mechanisch kalibrieren. An der Unterseite der Platte sind vier Stellschrauben vorhanden, mit denen sich die Höhe und in weiterer Folge die Neigung bestimmen lässt.

Verrutschende Klammern

Einziger Unsicherheitsfaktor sind die Klammern, mit denen die abnehmbare Druckplatte auf der beheizten Grundplatte befestigt wird. Diese mit Löchern versehene Platte verrutscht recht leicht, muss aber für die Kalibrierung befestigt werden, da ansonsten nicht der richtige Abstand zur Düse festgelegt werden kann. Der Abstand zwischen Düse und Platte soll laut Handbuch 0,2 Millimeter betragen (immerhin, eine bessere Angabe als "ein Blatt Papier" beim Cube). Im Test erwies sich diese Angabe aber dann als doch etwas zu knapp gewählt. Ein Zehntel Millimeter mehr und es gab keinerlei Probleme.

Einziges Sorgenkind der Konstruktion waren die bereits erwähnten Klammern. Diese halten nicht wirklich besser als eine herkömmliche Wäscheklammer und verrutschen bereits dann, wenn noch Restmaterial an der Düse hängt und der Druckkopf so an der Platte schleift. Dieser Effekt lässt sich jedoch verhindern, indem vor dem Start des Druckauftrages einfach die Düse kontrolliert wird. Dennoch fühlt sich alles etwas verspielt an, als hätte jemand Teile von zu Hause genommen, zusammengesetzt und sich darüber gefreut, dass es funktioniert. Das tut es (meistens) auch, man muss nur etwas Fingerspitzengefühl und Achtsamkeit mitbringen.

Chinesisches Flickwerk

Pearl liefert die Treiber für den EX1 auf einer DVD mit. Auf dieser findet sich bei der knapp 100 Euro teureren EX1-Plus-Version des 3D-Druckers auch die 3D-Modellierungssoftware TriModo 3D, deren Wert Pearl mit 298 Euro beziffert. Der deutsche Software-Entwickler BeeAlize verkauft die Lizenzen für dieses Programm auch zu diesem Preis, die Funktionalität ist aber

vergleichbar mit kostenlosen Programmen wie Autodesk 123D Design
. Die Software ist ausreichend, um Kleinigkeiten an 3D-Modellen auszubessern, weiß aber ob ihrer mageren Funktionalität nicht so recht zu überzeugen. Um eine 3D-Datei nun ausdrucken zu können, muss diese in G-Code umgewandelt werden.
Statt auf ein proprietäres Format zu setzen, wie es beim Cube der Fall war, wandelt die von Pearl mitgelieferte Software die STL-Dateien in das bekannte und vor allem offene gcode-Format um. Ein genauer Blick auf die Software offenbart jedoch, dass hier lediglich ein generischer STL-Viewer mit dem beliebten G-Code-Generator Skeinforge verknüpft wurde. Die Bedienung ist relativ einfach, auch wenn die Performance des STL-Viewers des öfteren massiv einbrach und so das Bewegen der Ansicht oder des Modells nahezu unmöglich war. Die Software ließ zudem das Platzieren von mehr als einem Bauteil nicht zu, das war lediglich mit alternativer Software wie Slic3r möglich, die allerdings mühsam von Hand konfiguriert werden musste.

PC muss dran bleiben

Skeinforge ist ein überaus mächtiges Software-Tool, aber unglücklicherweise auch ebenso schwer zu konfigurieren. Die Vielzahl an Optionen werden zwar in einem Wiki umfangreich erläutert, erfordern aber des öfteren Fachwissen und dürften für viele Laien nur schwer durchschaubar sein. Im Test gab es jedoch, mit Ausnahme des Hinzufügens einer Stützstruktur, nie einen Grund, etwas an den Einstellungen zu verändern. Die erstellten gcode-Dateien können auf die mitgelieferte SD-Karte exportiert oder direkt per USB an den Drucker übertragen werden. Das verbundene Gerät muss allerdings über den gesamten Druckvorgang hinweg eingeschaltet bleiben.

Der Weg über die SD-Karte ist daher definitiv zu bevorzugen. Das Starten des Druckauftrags erfolgt über das Bedienpanel und ist sehr einfach gehalten. In einer Übersicht kann zwischen den verfügbaren gcode-Dateien auf der Speicherkarte ausgewählt werden, der Druck startet nach der Auswahl sofort. Dabei werden auf dem LC-Bildschirm Informationen wie Fortschritt (anhand der bislang gedruckten Höhe) und Temperatur von Düse und Druckbett angezeigt. Die Temperatur kann im Menü sogar in Fünf-Grad-Schritten korrigiert werden. Der Extruder kann mit einer Temperatur von 180 bis 260 Grad betrieben werden, beim Druckerbett reicht der Temperaturbereich von 60 bis 110 Grad Celsius. Aber auch hier waren die Voreinstellungen meist ausreichend.

Aufpassen sollte man bei der Benennung der gcode-Dateien. Zu lange Dateinamen sorgten im Test unter anderem dafür, dass die SD-Karte nicht mehr erkannt wurde. Zudem sollten Sonderzeichen vermieden werden. Das Menü für die Auswahl von Dateien auf der SD-Karte produzierte außerdem nach jedem Neustart einen Lesefehler. Das ist zwar etwas lästig, ließ sich aber durch das Entfernen und erneute Einsetzen der SD-Karte beheben.

Gut, aber zu schnell

Die Druckergebnisse waren überraschend gut, vor allem bei großen Objekten zeigte der Freesculpt seine Stärken und druckte recht glatte, einheitliche Flächen ohne Fehler. Die Oberfläche ist, ob der Präzision von maximal 0,2 Millimetern, stets recht rau und erfordert meist Nachbearbeitung. Vor allem an den Kanten waren Modelle oft stark ausgefranst, wobei das im Zusammenhang mit der Druckgeschwindigkeit zu stehen scheint und sich wohl mit etwas Feinjustierung beheben ließe. Auffällig wurde das vor allem beim Drucken eines Test-Modells, auf dem viele Zylinder mit kleinen Durchmessern (von einem bis 7,5 Millimeter Durchmesser) platziert waren. Diese waren jedoch stark ausgefranst und zeitweise versetzt. Wer plant, kleinere Objekte mit hoher Präzision auszudrucken, sollte also die voreingestellte Druckgeschwindigkeit herabsetzen.

Diese ist aber ohnehin nicht wirklich hoch, laut Handbuch liegt sie bei knapp 24 Kubikzentimetern pro Stunde, was sich in etwa mit den gemessenen Werten im Test deckt. So benötigte ein Modell der Tardis mit einer Grundfläche von drei mal drei Zentimetern sowie einer Höhe von knapp fünf Zentimetern (innen nur wabenförmig ausgefüllt) rund 97 Minuten. Ein ausgedruckter Portal Cube wies hingegen kaum Unterschiede zu einem auf der deutlich kostspieligeren Stratasys Mojo ausgedruckten Modell auf. Die Oberfläche lässt sich theoretisch in einem Aceton-Dampfbad glätten, allerdings sollte man hier Vorsicht walten lassen.

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Freesculpt EX1

Da der EX1 lediglich über einen Extruder verfügt, muss Stützmaterial mit der selben Düse und somit auch dem gleichen Material mitgedruckt werden. Die Stützstrukturen erwiesen sich des öfteren als recht schwer entfernbar, vor allem bei filigranen Modellen, die durch zu viel Kraftaufwand beschädigt werden können. Skeinforge erlaubt in den Unmengen der Einstellmöglichkeiten aber auch das präzise Anpassen der Stützstruktur, sodass mit ein wenig Übung auch hier Probleme überwunden werden können. Die Druckqualität ist somit meist vom persönlichen Geschick beim Einstellen abhängig und erfordert Übung.

Im Gegensatz zum Cube
bietet der EX1 jedoch zumindest diese Freiheiten, eine Universal-Einstellung, mit der jeder Druckauftrag gelingt, darf man sich jedoch nicht erwarten.

Zu viel Freiheit für Einsteiger

Der Freesculpt EX1 beweist recht gut, dass ein merkwürdig aussehendes Produkt aus China nicht unbedingt schlechte Performance abliefern muss. Im Gegenteil, mit den richtigen Einstellungen sind die Ergebnisse sogar hervorragend. Dafür muss man jedoch auch hinnehmen, dass man sich etwas tiefer mit der Materie beschäftigen muss. Im Gegensatz zu einigen anderen 3D-Druckern für den Consumer-Markt bietet der EX1 zudem auch ausreichend Freiheiten, um Probleme und mögliche Schwierigkeiten selbst lösen zu können. Das mag das Bastlerherz erfreuen, für Einsteiger bietet das allerdings ebenso viel Frustpotenzial.

Dennoch ist der EX1 einsteigerfreundlich genug, dass ihm auch Neulinge ohne Bedenken eine Chance geben können. Der Preis ist fair und Pearl stellt auch Ersatzteile und Material zu vernünftigen Preisen zur Verfügung. Zudem ist der Support gegeben. Hierzulande gibt es kaum 3D-Drucker, die unter 1.000 Euro zu haben sind. So bietet Conrad beispielsweise den Velleman K8200, einen 3D-Drucker-Bausatz, für 699 Euro an. Dieser hat mit 20 mal 20 mal 20 Zentimeter einen etwas größeren Bauraum, erfordert aber etwas Geschick beim Zusammenbau.

Modell:
Freesculpt EX1
Maße:
59 x 53 x 48 cm, 11 Kilogramm
Maximale Größe des Objekts:
22,5 x 14,5 x 15 cm
Verwendbares Material:
PLA, ABS
Druckauflösung:
0,2 Millimeter
Unterstützte Betriebssysteme:
Microsoft Windows (ab XP), Mac OS X
Lieferumfang:
1 kg ABS-Filament, Spachtel, Pinzette, Linolmesser-Set
Preis:
ab 799 Euro (im Kit mit 3D-Scan-Software um 1.099 Euro)