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Interview
10/27/2011

„Auch Google könnte Strom verkaufen“

E-Cars, intelligente Stromnetze, Induktionsschleifen in den Straßen - VERBUND-Vorstandsdirektor Wolfgang Anzengruber spricht im futurezone-Interview über Energie-interessierte Digital Natives und wie rasch sich Smart Cities realisieren lassen.

futurezone: „Energy 2050“ war das diesjährige Thema bei der VERBUND-Energiekonferenz in Fuschl. Ich will gar nicht so weit in die Zukunft sehen, wie stellen Sie sich die Smart-City 2025 vor?
Wolfgang Anzengruber: Da gibt’s viele Aspekte. Der Teil der erneuerbaren Energie wird drastisch steigen, aber nicht nur im Bereich der klassischen Stromversorgung, sondern auch im Wärmebereich bei Gebäuden; dort werden viel höhere Wirkungsgrade erreicht. Die Kommunikation der Verbraucher mit dem Energieanbieter wird enger vernetzt sein, Stichwort Smart Meters. Es wird einen großen Anteil von Elektrofahrzeugen geben und es wird der Anteil der eigenen Autos zurück gehen.

Es werden Menschen auf ihr eigenes Auto verzichten?
Das Car- bzw. Transport-Sharing wird stärker ausgeprägt sein. Vielleicht in jene Richtung, dass nicht das Mobilitätsmittel, also das Auto im Vordergrund steht, sondern die Mobilität. Ich will von A nach B kommen und das will ich möglichst bequem, günstig und einfach. Das wird die Welt werden.

Würde das nicht das Ende des Individualismus bedeuten? Ich könnte theoretisch auch mit dem Zug fahren, fahre aber mit dem Auto, weil ich flexibel sein will und der städtische Verkehr nicht so prächtig funktioniert. Ich komme nicht überall ganz gemütlich hin.
Ich glaube nicht, dass der Individualverkehr zurückgehen wird, die individuelle Mobilität hat uns sehr viel gebracht. Wir sind beweglicher und weltoffener geworden. Es wird – und da setze ich auf die nächste Generation – nicht nur das Auto oder der Typ des Autos im Vordergrund stehen, sondern die Verfügbarkeit. Man wird sich künftig relativ einfach an Knotenpunkten ein Fahrzeug nehmen können. So ähnlich wie heute die Bank-Infrastruktur funktioniert. Früher musste man zu seiner Hausbank gehen, heute hat man an allen Ecken einen Bankomat.

Sie setzen also stark auf die nächste Generation.
Ja, das ist auch eine Generationefrage. Wenn ich auf Urlaub fahre, gehe ich ins Reisebüro, buche eine Reise und wähle ein Hotel aus. Meine Tochter hängt sich ins Internet, plant ihre Reise nicht so fix, aber ihr Urlaub ist günstiger und erlebnisreicher. Für die ist das ganz normal. Als wir jung waren, wollten wir ein eigenes Auto. Meine Tochter will nur, dass eines da ist, wenn sie eines braucht.

Wie hoch wird der Anteil an E-Mobility im Jahr 2025 sein?
Derzeit wird heftig über die Phantasie der großen Zahlen diskutiert. Das Verkehrsministerium prognostiziert 400.000 Autos, realistischere Schätzungen gehen von 200.000 E-Cars aus, andere Quellen sprechen von 100.000. 2025 wird das Thema entweder nach wie vor ein Fun-Thema oder es wird ein Massenthema sein. Ich weiß es nicht. Erinnern Sie sich an die Umfragen, die vor 30 Jahren gemacht wurden, wie viele PCs es einmal geben wird. So in etwa ist es mit den E-Cars. Ich erinnere mich an die Diskussionen, als das Mobiltelefon gekommen ist. Da hat ein Mobiltelefon so viel gekostet wie ein gebrauchter Kleinwagen. Mittlerweile hat man in Österreich eine Handydichte von 137 Prozent erreicht.

Wie viel Prozent E-Mobility könnten die Netze verkraften?
Sie könnten mit 100 Prozent umgehen, aber nicht morgen. Wenn es uns einmal gelingt, eine Größenordnung von 20 Prozent zu haben, was etwa 850.000 Autos sind, wäre das schon eine interessante Situation für die Energieversorger und die Netze. Weil es dann auf die Bilanzierung des Netzes ankommt, auf eine ausgeglichene Energieversorgung. Aber da sind noch Hürden zu überwinden.

Was sind die Hürden?
Datenschutz und Sicherheit. Energieversorgung ist eine andere Kategorie als Information. Wenn sich wer in das Stromversorgungssystem einhackt...

Ist das wirklich ein so großes Problem? Wie viele Attacken fangen Sie ab?
Die Attacken finden im Kommunikations-Netz statt, aber nicht auf die Steuerungseinrichtungen unserer Stromnetze. Wir haben keine offenen, sondern getrennte Systeme. Man kann sich nicht übers Netz in unsere Netze einhacken, weil sie physikalisch getrennt sind.

Aber wenn einmal alle Haushalte mit kommunikationsfähigen, intelligenten Stromzählern ausgestattet sind, schaut die Sache aber anders aus.
Wenn der Konsument über das Netz auch seinen Verbrauch steuern/schalten kann, dann man muss man hier aufpassen. Dann könnte es theoretisch passieren, dass durch Attacken Sektoren hier in Österreich weggeschaltet werden. Auch wenn es nur Störaktionen sind. In den USA hat es ja solche Störaktionen schon gegeben.

Halten Sie einen Virus im Stromnetz, im Smart Grid-System für möglich?
Das hängt von der Konzeption ab, aber es gibt eben Witzbolde, die solche Systeme attackieren wollen. Da muss man sich eben Sicherheitsbarrieren überlegen, damit das nicht stattfindet. Aber ich halte nichts davon, diese Szenarien zu dramatisieren.

Wie will man die – kritische und teils skeptische – Bevölkerung von Smart Grid überzeugen?
Der Kunde muss einen Sinn und einen Vorteil darin sehen. Er muss wissen, was er damit kann und welchen zusätzlichen Komfort es ihm bringen kann.

Was ist sein Vorteil?
Vor allem kann er sich eine günstigere Energiesituation verschaffen, wenn die Geräte gesteuert geschaltet werden. Die Grundidee ist ja nicht so neu. Denken Sie an die Nachtspeicherheizungen, an die Boiler, die wurden mit billigem Nachtstrom gespeichert. Dann, wenn die Energiesituation des Lieferanten positiv ist, wurden die Systeme eingeschaltet. Mit Smart Grid kann der Verbraucher gezielt Geräte zuschalten – entweder manuell oder zuschalten lassen, damit seine Energiekosten optimiert werden.

Smart Grid setzt zum einen intelligente Zähler voraus, zum anderen Geräte, die so etwas können. Die Hersteller produzieren solche Geräte aber noch nicht, weil es die Zähler noch nicht gibt.
Das ist ein Henne-Ei-Problem, wobei das bei den Geräten relativ rasch gehen wird, man braucht ja nur ein Kommunikationsmodul einbauen, das die Schaltung durchführt, wie es etwa Miele mit Miele@home macht. Ich bin überzeugt, dass das viele Haushaltsgeräte sicher schon vorinstalliert haben. Aber es stimmt, dass für den Konsumenten eine nicht unerhebliche Hardware-Investition notwendig ist. Nun stellt sich die Frage, ob der Vorteil für den Kunden so groß ist, dass er diese Investition mitträgt.

Die Investition beginnt bei den Zählern. Was werden diese kosten und wer wird sie zahlen müssen?
Für ganz Österreich wird eine Investition von 2,1 Milliarden Euro erwartet, das sind etwa 43 Euro pro Zähler.

Wer muss die Zähler zahlen?
Letztendlich der Konsument, sei es direkt oder indirekt über die Energierechnung.

Es gibt Studien, wonach die Einsparungen pro Haushalt pro Jahr 30 Euro betragen. Nach zwei Jahren hat sich das ganze amortisiert?
Auf Basis heutiger Energiekosten. Wenn sich die Kostenstruktur ändert, ändert sich auch das Einsparungspotential. Energie wird teurer werden. Billiger wird es nur dann, wenn wir in eine wirtschaftliche Depression fahren. Ressourcenseitig betrachtet, haben wir keine unbegrenzten Ressourcen, und es gibt Volkswirtschaften, die wachsen und werden sich aus den Ressourcen Energie rausnehmen. Energie kann nur teurer werden.

Wie kann ich mir als Konsument nun dennoch etwas ersparen?
In den zwei großen Bereichen, in denen Sie sehr ineffizient arbeiten, Verkehr und im Wärmebereich. Wir nutzen ja Energie für Raumwärme mit ganz schlechten Wirkungsgraden, derzeit liegen die bei zehn Prozent. Wenn man ein neues Haus baut, kann man hier eingreifen. Bei den bestehenden Bauten ist das schwieriger. Beim herkömmlichen Auto beträgt der Wirkungsgrad vom Ölbohrloch bis zum gefahrenen Kilometer nur 14 bis 15 Prozent.

Das ist beinahe so schlimm wie bei der Glühbirne.
Dort sind es fünf Prozent, eigentlich ist das keine Glüh-, sondern eine Heizbirne.

Wann wird es den Rollout von Smart-Metering-Systemen geben?
Bis Mitte 2012 sollen jedenfalls die Standards beschlossen sein, dann kann der Rollout beginnen. 2016 sollte es dann ein flächendeckendes Smart-Grid-System in Österreich geben.

Flächendeckend heißt?
Flächendeckend heißt 80 Prozent.

Sie haben vorhin angemerkt, dass es seitens der Konsumenten Datenschutzbedenken gibt. Was sind die heiklen Datenschutz-Themen?
Kritiker gehen heute davon aus, dass ich über das Energieverhalten eines Menschen recht gut seine Lebensumstände ableiten kann. Bösartig gedacht: Wer bis 2 Uhr früh Strom verbraucht, schläft wenig. Das ist alles fiktiv. Und da herrscht Angst.

Dann müsste jeder UPC-Kunde total analysierbar sein, weil man feststellen kann, wer sich für welche Sendungen interessiert?
Es wird viel übertrieben. Auf der anderen Seite gibt es Facebook, wo viele das Innerste nach Außen kehren. Der Hauptpunkt, der geklärt werden muss, ist: Was passiert mit den Daten. Wenn ich in den Energieverbrauch eines Kunden eingreifen will, kann ich das nur mit seiner Zustimmung tun. Wir als Branche müssen unsere Kunden noch viel intensiver aufklären, wo ihre Vorteile liegen, was das für sie bedeutet.

Smart Grid beschränkt sich ja nicht nur auf den Haushalt, sondern auch auf den Verkehr.
Die Autos wären ein klassisches Anwendungsgebiet. Man kann etwa dem Kunden eines E-Cars garantieren, dass eine 80-Prozent-Ladung nicht unterschritten wird. Der Kunde gibt mir die Freiheit, zwischen 80 und 100 Prozent zu liefern. Darum interessieren wir uns als Verbund für Smart Grid. Da geht’s nicht um den Stromverbrauch, es geht vielmehr um ein Instrumentarium, um die Balance des Stromnetzes leichter realisieren zu können.

Balance ist das eine, Effizienzsteigerung das andere. Welche Möglichkeiten habe ich hier?
Tatsache ist, dass wir den Energiebedarf der Zukunft nicht nur durch neue Quellen decken können, sondern wir werden die Effizienz steigern müssen. Möglichkeiten gibt es viele. Man könnte schon viel erreichen, wenn man die Bauordnung in diese Richtung treiben würde. Eine Landesförderung beim Hausbau könnte davon abhängig sein, ob bestimmte Isolierklassen erzielt wurden, ob bestimmte Heizsystem eingebaut wurden. Da kann ich von der Legislative her leicht die Entwicklung in die richtige Richtung beeinflussen.

Und wie wollen Sie dem Konsumenten Effizienzsteigerung schmackhaft machen, heute wissen die wenigsten, was eine Kilowattstunde kostet.
Wie ich Energie benutze, hat viel mit Bewusstseinsbildung zu tun. Die meisten wissen nicht, was Energie kostet, da gebe ich Ihnen recht. Wir stellen eine Temperatur ein, 22 Grad, und die Temperatur bleibt gleich, ob ich da bin oder nicht. Auch am Wochenende.

Da wäre eine App ideal, mit der ich Geräte ausschalten und den Verbrauch kontrollieren kann.
Das ist Teil unseres Pilotprojekts, das wie ein Spiel ist, eine lustvolle Erfahrung sein soll, so nach dem Motto: „Jetzt schau ich mal nach, welche Geräte daheim grad welchen Stromverbrauch haben“. Wenn ich dem Konsumenten das Bewusstsein vermittle, dass er nicht nur weiß, was er verbraucht, sondern ihm auch erkläre, was er einsparen kann, hilft das beim Umdenken.

Wie sieht das Pilotprojekt aus?
Derzeit lauft der interne Test. Mit einigen hundert Kunden wollen wir das dann testen. Wir haben Leute gesucht, die sich dafür interessieren. Das sind zum einen Kunden mit Photovoltaik-Anlagen, da sie eine Bereitschaft für die Thematik haben. Aber auch Kunden ohne solche Anlagen. Die bekommen einen kommunikationsfähigen Zähler und Geräte, die sie zwischen Stecker und Stromverbraucher schalten und mit denen sie den Verbrauch ablesen können. Das lässt sich mit Preisen verknüpfen. Wie gesagt, das ist derzeit noch eine Spielerei, wird aber künftig wirtschaftlich interessant für den Kunden.

Die Digital Natives sind für solche Themen empfänglich.
Genau. Das ganze wird bei Kunden, die eine Affinität haben, ankommen. Auch wir wollen dabei lernen.

Energie im Web 2.0 sozusagen?
Es gibt ein durchaus vorstellbares Szenario, dass künftig auch Google oder Facebook den Strom verkaufen. Sie sind Meister im Kommunikationsbereich, sie wissen, was die Digital Natives wollen. Wir Energieversorger sind da noch zu konservativ. Nicht dass wir uns das wünschen, aber den Zugang zum Kunden haben sie vielleicht den besseren. Und daher werden wir künftig nur dann eine Chance haben, wenn wir ihre Sprache sprechen und neue Geschäftsmodelle entwickeln.