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Science
04/20/2012

E-Mobilität: Ernüchterung beim Elektroauto

Die neue Technologie ist hip, jung und vielversprechend - doch dass sie bald wesentlich zur Reduktion von Schadstoffen in der Luft beitragen könnte, ist stark anzuzweifeln. Wie auf der Tagung "vie mobility" in Wien klar wurde, sprechen viele Faktoren gegen einen Erfolg des Elektroautos.

Was bleibt vom Hype rund ums Elektroauto? Dieser Frage wurde auf der Tagung vie-mobility nachgegangen, die bis gestern in Wien stattfand. Denn vom Mediengetöse rund um die neue Technologie ist offensichtlich nur wenig geblieben: Die Verkäufe von Elektroautos halten sich in bescheidenen Grenzen, die Stromnetze scheinen für einen regulären Betrieb noch gar nicht gerüstet, und ein Wissenschaftler glaubt gar, dass Verbrennungsmotoren sehr einfach umweltfreundlicher als Elektromotoren gemacht werden könnten.

Keine Förderungen
“Seit 2008 leben mehr Menschen in Städten als am Land. Das führt auch im Ballungsraum Wien zu neuen Herausforderungen, unter anderem das Thema Mobilität“, sagte Peter Koren, Vizepräsident der Industriellenvereinigung (IV). Deswegen sei die IV für eine Förderung der neuen Technologie Elektromobilität in Österreich. Verkehrsministerin Doris Bures sieht das ähnlich und sagte, dass 60 Mio. Euro jährlich in den Bereich der Forschung investiert werde. Angestrebt ist ein Gesamtpaket: Elektromobilität betrifft nämlich auch und vor allem den Öffentlichen Verkehr.

Wien als einzige Großstadt Österreichs steht im Zentrum der neuen Anstrengungen. Umweltstadträtin Ulli Simma (SP) verdeutlichte, dass die eBike-Förderung bereits umgesetzt sei und man es mit der neuen Parkpickerl-Regelung für Pendler nicht mehr so attraktiv sei, mit dem Auto in die Stadt hineinzufahren. Denn: “Hauptproblem von Autos in der Stadt bleibt: Sie brauchen Platz“, so Rudolf Schicker, Klubvorsitzender der SPÖ Wien. “„Es braucht einen Bewusstseinswandel Richtung Gemeinschaftsstadt, Richtung Car-Sharing. Das würde viele Parkplätze und Ladestationen sparen.“ Er ist etwa gegen Ladestationen für Elektroautos am Gehsteig, das Beispiel Kensington in London hätte ihn abgeschreckt.

Konsumenten zurückhaltend
Während die Politik sich in Euphorie übt, herrscht am Markt Ernüchterung vor. Derzeit sind in Österreich gerade einmal 1100 E-Autos zugelassen. “Beim Konsumenten ist das noch nicht angekommen”, urteilt Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer vom OGM. “Wenige private Pioniere, die sich ein solches Modeauto zulegen, haben das als Drittwagen.“ Der Rest gehöre Firmen. Elektroautos würden nicht als Alternative wahrgenommen, außerdem fehlten Geschäftsmodelle, Ladestationen gewinnbringend betreiben zu können. “Es besteht die Gefahr, dass es in der Anfangsphase zu einer höheren Autozahl und größeren Stehzahlen kommt“, so Bachmayer.

Seine Branchenkollegin Sophie Karmasin bestätigt die Skepsis. „Nur maximal zehn Prozent denken überhaupt über eine Anschaffung nach“, so die Meinungsforscherin. “Denn die Elektromobilität bringt Defizite und Einbußen mit sich.“ Um das E-Auto attraktiver zu machen, bräuchte es Ausprobiermöglichkeiten für die Bevölkerung und “Kostenwahrheit”.

Zähe Umstellung
Auf mögliche Anreize seitens der Politik zur Anschaffung eines Elektroautos braucht man indes nicht hoffen: Weder soll es eine steuerliche Förderung oder staatliche Stützung dafür geben, noch sind praktische Vorteile wie z.B. Nutzung der Busspur oder reservierte Parkplätze zu erwarten. Womit eher zu rechnen ist: In Wien sollen zuerst Flotten (z.B. 4000 Taxis) auf Elektroantrieb umgestellt werden, um die Menschen an die Idee zu gewöhnen. Auch Unternehmen wie UPC wollen Teile ihrer Autoflotten auf “E” umstellen.

Dem Normalbürger wird in Wien trotzdem einiges geboten werden. Die Wiener Stadtwerke wollen in den kommenden zwei bis drei Jahren etwa 400 Ladestellen aufbauen, und Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne) will überhaupt gleich Car-Sharing-Konzepte fördern. Die Hälfte der Wege, die in der Stadt mit dem Auto zurückgelegt werden, seien kürzer als 5 Kilometer, so Vassilakou. „Braucht man dazu unbedingt ein eigenes Auto?“

Wissenschaftliche Skepsis
Dass das mit dem Elektroauto alles nicht so einfach ist, weiß man auch in der Wirtschaft. Würde man die 4,5 Millionen PKW in Österreich alle auf “E” umstellen, würde das eine Erhöhung des Strombedarfs von elf Prozent bedeuten, rechnet Arnulf Wolfram von Siemens Österreich vor - jener Firma, die in einem gemeinsamen Joint Venture mit dem Verbund Ladestationen entwickelt (bis 2020 sind 300 Mio. Euro Investitionen geplant). “Die Netze würden das nicht aushalten, wenn plötzlich so viele Autos Strom laden”, meinte Peter Weinelt von Wien Energie.

Massive Kritik an den Elektroautoplänen kommt auch vom deutschen Umwelt- und Verkehrsexperten Axel Friedrich. “Warum reden wir über die Nische und nicht über die Masse?“, so der Forscher. „Elektro-Systeme sind nicht marktreif.” Deswegen müsse man die Energieeffizienz der herkömmlichen Fahrezeuge drastisch verändern - um 2000 Euro je PKW könne man dessen CO2-Emissionen halbieren. Außerdem: „Elektroautos sind nicht besser als Otto- oder Dieselmotoren“, schließlich würde auch Strom Klimagasemissionen via Kohlekraftwerk produzieren. “Dieselautos und optimierte Benzinfahrzeuge emittieren weniger CO2-Emissionen als vergleichbare Elektroautos”, so Friedrich.

Probleme mit dem Rohstoff
Weiters sei Fahren mit grünem Strom erst nach 2035 realistisch, „Grüner Strom ist heute noch nicht kosteneffizient.“ Dem wiederum widersprach Professor Günther Brauner von der TU Wien. Er hätte errechnet, dass der Elektromotor CO2-schonender ist als Verbrennungsmotoren. Allerdings sieht er das E-Auto nicht als Stadtauto, sondern eher im suburbanen Nahverkehr.

Das nächste Problem: der für die Batterien notwendige Rohstoff Lithium. Dieser sei vor allem in Südamerika und China zu finden - „tolle Voraussetzungen für ein Kartell“. Damit sei die Gefahr groß, sich von einer Abhängigkeit (von Erdöllieferanten) in die nächste zu begeben. Die heute geförderten Lithiummengen würden nicht einmal für die Elektrofahrräder reichen - das Hochfahren des Abbaus würde große Landstriche verwüsten.

Berlin - Vorreiter in Deutschland
In Berlin stehen die Zeichen schon deutlicher auf Elektromobilität: Dort treibt die Agentur für Elektromobilität eMO das Thema ordentlich voran. 220 Stationen laden aktuell zum Laden ein, die Berliner Polizei kurvt mit derzeit elf Elektroautos durch die Sadt, und die Regierung hat gar 180 Milllionen Euro zur Bewerbung des Themas Elektromobilität locker gemacht. “Zwölf Prozent aller CO2-Emissionen in der EU stammen von PKW”, sagte eMO-Leiter Gernot Lodenberg im Rahmen der vie-mobility. Die EU-Vorgaben für 2020 bezüglich Emissionen seien nur einhaltbar, wenn man die Elektromobilität ausbaue.

„Ich glaube an eine ähnliche Entwicklung wie im Mobilfunkbereich, Elektromobilität wird eine Selbstverständlichkeit sein“, sagte Sigrid Nikutta von den Berliner Verkehrsbetrieben. „In Berlin ist es bereits hip, so zu wohnen, dass man kein Auto mehr braucht.“ Deswegen wolle man in Kooperationen mit Car-Sharing-Diensten (z.B. car2go) und Fahrradverleihen eine “neue Sorglosigkeit” beim Thema Individualverkehr erreichen. Bürger sollen künftig per Smartphone-App berechnen können, wie sie am einfachsten von A nach B kommen, und diesen Weg mit verschiedenen Verkehrsmitteln gestalten können.

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