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Virtuelles Klassenzimmer
08/28/2011

Elektronenmikroskop gratis im Web nutzen

Pollen sehen aus wie stachelige Kastanienkugeln. Eintagsfliegen und stecknadelkopfgroße Milben nehmen sich wie bizarr furchterregende, SciFi-würdige Ungeheuer aus. Voraussetzung dafür ist freilich ein Blick durch ein Elektronenmikroskop. Genau das ermöglicht die University of Illinois mit dem Projekt Bugscope Schülern aus aller Welt via Internet. Gratis.

Das Merkwürdigste, das Scott Robinson je gesehen hat, war eine Milbe, die sich am Auge eines Ohrwurms festgesaugt hat. Ein Parasit verbeißt sich in einen Parasiten. Das sei gruselig genug, dass es Kinder begeistert, meint der Ko-Erfinder von Bugscope. Zu Bugscope-Sessions mit österreichischen Schulen ist man am Beckman Institute übrigens gerne bereit. Die sieben Stunden Zeitunterschied zwischen Österreich und Illinois sollten kein Problem darstellen, versichert Scott Robinson. „Wir stehen dafür gerne ein bisschen früher auf.“

Virtueller Biologieunterricht
Das Bugscope Projekt am Beckman Institute der University of Illinois in Urbana-Champaign, südlich von Chicago, ermöglicht Schülern via Internet die Kontrolle eines Rasterelektronenmikroskop vom Typ FEI XL-30 ESEM FEG. Lehrer reservieren an dem Gerät eine Session. Schüler schicken dann entweder selber Insekten, die sie besonders faszinieren, an Bugscope, oder das Team stellt eine Sammlung interessanter Exemplare zusammen. Zur festgesetzten Zeit wird die interaktive Verbindung hergestellt, und die Schüler kontrollieren von ihrem Computer aus, was sie gerne genauer in 1000-facher Vergrößerung betrachten wollen. Haarige Beine oder vielleicht doch lieber die Mosaikaugen? Über Live-Chat stehen die Kinder mit einem Insektenforscher in den USA in Verbindung, der die Session betreut und begleitet.

Seit 1999 haben 580 Klassen aus aller Welt von diesem Angebot Gebrauch gemacht. An der Dar es Salaam International Academy in Tansania betrachtete eine Gruppe von 12-Jährigen den Kopf eines männlichen Moskitos, Spinnenbeine oder die Fühler und Kiefer von Wespen. Die 9- bis 12-Jährigen der Ritsumeikan Uji High School in Japan bei Kyoto interessierten sich besonders für das Maul des Blatthornkäfers, und den Volksschülern der Broomhill Primary School in der schottischen Stadt Aberdeen hatte es die Gottesanbeterin angetan.

Auszeichnung von Science
Schnelle Internetverbindungen, leistungsstarke  Computer sowie gute Bildauflösung machen Bugscope sowohl für das Team des Beckman Institute als auch für die Schüler zu einem Vergnügen. „Das war nicht immer so“, erinnert sich Scott Robinson an die Anfänge. "Einmal musste eine Klasse in Kalifornien die Session abbrechen, weil der Direktor zu dieser Zeit immer seine E-Mails lesen wollte.“ Doch solche Kinderkrankheiten gehören der Vergangenheit an.

Die staatliche National Science Foundation, welche die Einrichtung von Bugscope subventionierte, unterstreicht in einem Bericht die Bedeutung von kreativem Cyberlearning. Die angesehene Fachschrift Science vergibt dafür einen Preis namens SPORE (Science Prize for Online Resources in Education), der kürzlich auch Bugscope verliehen wurde.

Für Forschung begeistern
Das Ziel von Bugscope ist es, Kinder für Wissenschaft zu begeistern. Einer der Softwareexperten des Teams, Chas Conway, ist ein Paradebeispiel dafür. Eine Session in der High School faszinierte ihn dermaßen, dass er nach Schulabschluss schon neben dem Studium bei Bugscope mitmachte. „Mit einem 600.000 Dollar teuren Elektronenmikroskop arbeiten zu dürfen, hat seinen eigenen Reiz. Das ist fast so, als würde man einen Ferrari fahren.“

Seine frühe Begeisterung für Bugscope resultierte in der Entwicklung des von der NASA ausgezeichneten Virtual Microscope, das man gratis herunterladen kann. Das virtuelle Mikroskop bietet die Wahl von verschiedenen Mikroskopen und tausende Bilder von Insekten, Parasiten oder Mineralien wie etwa Mondstaub oder Sand von Costa Rica. Kürzlich war das virtuelle Mikroskop Teil einer Installation im Naturhistorischen Museum in London. „Beim Virtual Microscope muss man schon wissen, was man sehen will und wonach man sucht“, erklärt Scott Robinson. Denn dabei fehle das interaktive Element. Für den Schulunterricht sei daher Bugscope die bessere Wahl.