Science
12/30/2012

„Es wird ein viel bunteres Österreich geben“

Der Wiener Trendforscher Harry Gatterer über die Chancen der weiterhin rasant voranschreitenden Digitalisierung, neue Arbeitsformen, mehr Selbstkontrolle, das allmähliche Ende der Kleinfamilie und nicht zuletzt mehr Wohlbefinden – im Jahr 2023.

In Zeiten des sozialen Umbruchs sind Gespräche zum Jahreswechsel auch mit Sorgen verbunden. Doch wer dem Leiter des Zukunftsinstituts Österreich, Harry Gatterer, aufmerksam zuhört, darf auch Hoffnung schöpfen. Gatterer deutet die Zukunft nicht nur als Schreckensgespenst.

futurezone: Werden wir, wenn wir in zehn Jahren über die Zukunft reden, auch noch zusammensitzen? Oder werden wir via Handy in einer Videokonferenz miteinander kommunizieren?
Harry Gatterer: Wir werden uns auch im Dezember 2022 zum Gespräch treffen. Auf jeden Fall.

Klingt beruhigend.
Ja, schon. Viele befürchten ja, dass sie als Mensch obsolet werden. Genau das Gegenteil wird aber der Fall sein: Physische Treffen werden sogar wichtiger. Wir werden uns aber dank der voranschreitenden Digitalisierung nur noch dann treffen, wenn es diese physische und emotionale Nähe braucht

Stichwort Digitalisierung: Mit ihr geht auch die Verquickung von privat und beruflich einher. Wo führt das hin, wo endet das?
Bisher war das mehr eine Frage der Technik. Handys und Smartphones haben sich ja praktisch in unser Leben eingeschlichen. In Zukunft wird das mehr eine Frage der Sozio-Technik sein. Fix ist: Die Immer-Überall-Erreichbarkeit wird sich nicht revidieren lassen, sie wird sich aber auch nicht verordnen lassen. Was wir brauchen, ist daher ein gemeinsames Verständnis darüber, wie wir damit umgehen wollen. Ist es vielleicht okay, wenn ich am Sonntag meine Mails abarbeite, dafür aber am Montag einmal drei Stunden nicht erreichbar bin?

Selbstkontrolle ...
... muss zum Teil einer Kultur werden. Denn noch einmal: Die Digitalisierung wird weiter voranschreiten: In zehn Jahren erwarten wir ein jährliches Datenvolumen von 35 CetaByte, das sagt uns jetzt nicht viel, aber das ist eine Verdreißigfachung der jährlichen Datenproduktion im Vergleich zu heute. Wir leben damit in einer Welt, die einfach nur mehr digital ist. Den Kindern sagen wir heute: Sie sollen nicht so viel am Computer spielen, und selbst checken wir auch noch während einer Theatervorstellung unsere Mails. Das wird wohl in zehn Jahren weniger werden, weil dann auch die Faszination der neuen Technik nicht mehr so groß sein wird.

Noch regiert vielerorts die Sorge.
Ja, aber da muss man die Menschen auch beruhigen: Wir werden schlauer werden im Umgang mit der neuen Technologie. Wir sind noch in einer ganz frühen Phase dieser Kommunikationstechnologie. Und wir werden vor allem lernen, das Ding einfach auch einmal auszuschalten.

Große Chancen für alle, die die Sozio-Technik lernen. Wie aber wird es denen gehen, etwa den Bildungsschwachen, die diesen Schritt nicht schaffen?
Ich sehe auch für sie Chancen. Von den sieben Milliarden Menschen, die derzeit auf der Welt leben, benutzen 5,2 Milliarden ein Mobiltelefon. Das bedeutet: Es sind nicht nur die Wohlhabenden, die einen Anschluss haben. Und dieser Anschluss wird dazu führen, dass alle mitmachen können und an der Aufwärts-Mobilität teilhaben können. Wer will, kann also an die gleichen Informationen herankommen. Wir haben heute bereits 1,8 Millionen Menschen, die an US-Universitäten mittels digitaler Kurse studieren. Das war noch vor einigen Jahren undenkbar. Wir wissen aus der Sahel-Zone, dass dort Menschen mit dem Handy eine Wunde fotografieren, um dann vom weit entfernt sitzenden Arzt eine Fern-Diagnose zu erhalten. Da ist wirklich einiges im Umbruch, und wir hier haben die Luxus-Angst, dass uns die Mails zu viel werden.

Noch vor wenigen Jahren gab es in einem Lebensmittelladen 4000 Produkte zur Auswahl, heute sind es 50.000. Sie sagen, dass sich diese neue Komplexität auch auf unser Wohlfinden auswirkt. Inwiefern?
Komplexe System erfordern von uns mehr Lebensenergie. Volkskrankheiten wie Burn-Out entstehen nicht nur aufgrund einer beruflichen Überforderung, sondern auch ganz stark durch eine Lebensüberforderung.

Was bedeutet dies für unsere medizinische Betreuung?
Wir müssen in Zukunft mehr daran denken, wie wir gesund bleiben können. Und da tun wir uns heute noch schwer, weil wir ein System geschaffen haben, das als Reparatursystem in sich wunderbar funktioniert, das auf Schadensbegrenzung, aber nicht auf Gesund-Bleiben ausgerichtet ist. Genau das wird es allerdings in Zukunft unbedingt benötigen: Einen besseren Informationstransfer. Mehr Wissen über gesunde Ernährung, auch mehr Körperbewusstsein. Wir brauchen also eine vorausschauende, wissensorientierte medizinische Betreuung. Das hat das gesetzlich verankerte Gesundheitssystem unserer Beobachtung noch nicht verstanden.

Informationen je früher umso besser.
Genau. Deshalb kann man auch über eine neue Architektur der Bildung nachdenken: Wenn wir heute nur noch zehn Prozent Wissen benötigen, um unseren Job zu erledigen, weil das andere Wissen jederzeit abrufbar ist, dann können wir uns natürlich auch fragen, was wir den Kindern künftig beibringen sollen. Müssen sie wirklich jede mathematische Formel und alle geographischen Eckdaten von Usbekistan kennen, oder sollten wir ihnen nicht eher beibringen, wie sie mit sich selbst, mit ihrem Körper, ihrem Talent und ihren Fähigkeiten umgehen? Das heißt nicht, dass wir kein Wissen trainieren sollen, aber es sollte sich verschieben in Richtung Förderung der individuelle Fähigkeiten.

Was müssen Unternehmen in Österreich tun, um auch in Zukunft Erfolg zu haben?
Die großen Firmen müssen sich noch mehr die Grenze rund um Österreich wegdenken. Dann muss man sich mit Phänomenen der Globalisierung auseinander setzen, die bei uns eine ganz andere Dynamik hat als in Asien oder in Südamerika.

Und zwar?
Dort gibt es weiterhin Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum. Und bei uns eher Schrumpfungstendenzen, Wirtschaftsstagnation, Rezession, und dazu eine veralterte Bevölkerung. Auf der anderen Seite wird man diese Schrumpfungstendenzen mit einer Zeitverzögerung von zwanzig, dreißig Jahren auch anderswo erleben.

Wie wirkt sich das konkret auf die Unternehmen aus?
Massiv, weil sie sich neu orientieren müssen: Ihre zukünftigen Arbeitnehmer werden tendenziell älter sein. Das heißt, sie müssen andere Arbeitsbedingungen schaffen. Sie müssen auch davon ausgehen, dass es weniger Menschen sein werden, unter denen sie auswählen können. Sie müssen ganz stark talentorientiert arbeiten, dabei schauen, was ihr Kerngeschäft ist, wo genau ihr Absatzmarkt ist. Außerdem werden wir in den kommenden zehn Jahren noch viel mehr über das Thema Ökologisierung sprechen.

Was meinen Sie damit?
Wir werden unsere Öko-Effizienz steigern müssen, weil auf der anderen Seite des Planeten eine gigantische Wohlstandsentwicklung im Gang ist, und die Ressourcen braucht. Das heißt: Erfolg werden unsere Unternehmen nur dann haben, wenn ihr Management nicht nur am bedingungslosem Wachstum interessiert ist.

Das reine Schielen auf nächste Boni-Auszahlungen wird nicht also mehr reichen?
Das wird definitiv nicht mehr reichen. Dazu sind wir nicht mehr in Boom-Phasen, wo das so einfach funktionieren kann. Außerdem muss man sich in österreichischen Firmen, so groß sie auch sind, im Klaren sein, dass sie global betrachtet kleine Firmen sind und jederzeit von den boomenden Märkten übernommen werden können.

Und die Klein- und Mittelbetriebe?
Die haben meiner Ansicht nach eine sehr spannende Zeit vor sich, weil sich hier ganz neue Service-Optionen auftun. Wenn sie nur an die Alterung der Gesellschaft denken, können sich hier völlig neue Geschäftsfelder ergeben.

Reden wir über die Zukunft der Arbeit.
Eigentlich ist ja der Mensch darauf programmiert, Arbeit zu vermeiden. Deshalb automatisiert er die ganze Zeit. Heute heißt das: Das reine Abwickeln von einfachen Rechenprozessen oder das Zusammenschrauben von Autos wird nicht mehr benötigt, weil das können Computerprogramme und Roboter besser. Dafür brauchen wir aber die Menschen vermehrt im zwischenmenschlichen Bereich, im Sozial-, im Gesundheits-, im Bildungs- und auch im kreativen Bereich. Es wird somit manche Berufe nicht mehr geben, andererseits tun sich völlig neue Arbeitsbereiche auf. Wichtig ist auch: In Zukunft werden sich die Menschen weniger über ihren Beruf, mehr über ihre Fähigkeiten definieren. Weil sich die Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt noch viel schneller als heute verändern können.

Wird es in Österreich in zehn Jahren ausreichend Arbeit und Einkommen geben?
Wir werden in Österreich eher zu viel als zu wenig Arbeit haben. Wir werden eher das Problem haben, dass wir heute beim frühen Ausstieg aus dem Arbeitsprozess noch immer Negativ-Weltmeister sind. Es wird daher gehen, die älteren Arbeitnehmer im Arbeitsprozess zu halten. Weil deren Erfahrungswissen einen unheimlich großen Schatz darstellt. Und weil aufgrund der demografischen Entwicklung in allen Staaten, die den Schritt zum Wohlstandstaat geschafft haben, die Zahl der Geburten und damit auch der qualifizierten Arbeitskräfte drastisch sinken wird. Die Frage wird eher sein, wie sollen ältere Menschen in Zukunft arbeiten, die nicht mehr so viel Druck aushalten als in jungen Jahren.

Ihre Antwort darauf?
Es wird in Zukunft viel mehr fließende Übergänge geben. Es wird mehr Menschen geben, die sich mit 60, 65 Jahren noch einmal selbstständig machen oder aber stundenweise in heute noch nicht so typischen Arbeitsverhältnissen, zum Beispiel als Konsulenten, beschäftigt sind. Bisher führen wir ja eher die Diskussion: Oje, jetzt muss ich noch viel länger arbeiten. Wir fragen uns nicht, welche Chancen das bietet. Laut Umfragen wären die Österreicher übrigens durchaus bereit, erst später in den Ruhestand zu gehen. Dazu muss man auch sagen, dass in zehn Jahren die Zahl der Wissensarbeiter bereits höher und die der so genannten Hackler schon sehr gering sein wird.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Jungen?
Was man heute schon merkt: Die klugen Unternehmen bemühen sich auch um ein Mitarbeiter-Marketing. Weil sie wissen, dass sie nur so an die Talentiertesten heran kommen. Die Generation Praktikum, die sich zunächst vieles ansehen möchte, bevor sie wo fix einsteigt, wird es auch in Zukunft geben. Aber nicht mehr zu jedem Preis, und schon gar nicht gratis arbeitend.

Braucht Wachstum in Österreich Migration?
Ja, das ist im Moment ein Muss. Eine Volkswirtschaft kann heute nur wachsen, wenn die Bevölkerung wächst. Die Frage wird künftig noch sein, ob ein Wirtschaftssystem unbedingt nur auf Wachsen aufgebaut sein soll.

Plakativ gefragt: In Zukunft weniger katholische Kirchen, mehr Moscheen?
Ein bunteres Österreich. Die Vormachtstellung des gräulichen, weißen, älteren Mannes, die wird nicht mehr so dominant sein.

Klingt nicht Kultur bedrohend.
Die Frage wird eine ganz andere sein, weit über die religiöse Symbolik hinaus: Ist Österreich international ein interessanter Standort, und zwar für jene Migration, die wir uns wünschen und die wir auch brauchen? Und das glaube ich im Moment noch nicht. Wir sind im Moment maximal als Urlaubsdestination interessant, als Bildungs- und Wirtschaftsstandort nicht.

Noch eine Frage zur Familie: Vater, Mutter, lange verheiratet, dazu zwei Kinder wie auf ÖVP-Plakaten noch zu sehen – ist das ein Auslaufmodell?
Dieses Bild von Familie zerbröselt gerade brutal, und setzt sich neu zusammen. Die Frage, wer Familie ist, wird sich daher immer weniger über dieses Klischee beantworten lassen, sondern nur mehr individuell. Was jetzt die Familienpolitik nicht unbedingt einfacher macht. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Sehnsucht weiterhin die klassische Kleinfamilie ist, die übrigens die Großfamilie nach dem Zweiten Weltkrieg als Grundidee abgelöst hat. Die klassische Kleinfamilie wird als Idee auch in zehn Jahren noch sehr präsent sein, aber die Realität ist heute schon eine ganz andere, hat sich von der ursprünglichen Idee entkoppelt.

Und wo sieht sich der Trend- und Zukunftsforscher zum Jahreswechsel 2022/2023?
Also ich liebe meinen Beruf, weil ich da Phänomene und Veränderungen erklären darf, und zwar auf eine Art und Weise, die nicht alarmistisch und reißerisch sein muss und die ausreichend Abstand zur Gegenwart hat. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass ich diese Arbeit auch in zehn Jahren noch machen werde. Ich mag auch Wien sehr gerne, auch deshalb, weil ich viel unterwegs bin und immer gerne zurück komme. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass das, was ich jetzt gesagt habe, überhaupt nicht stimmt. (Lacht genüsslich.)