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Science
06/29/2015

Forscher fordern bessere Asteroiden-Abwehr für Erde

Am ersten internationalen "Tag der Asteroiden" rufen Wissenschaftler dazu auf, sich besser vor drohenden Asteroiden-Einschlägen zu schützen. Lediglich ein Prozent sei bekannt.

Mit dem ersten "Asteroid Day" soll morgen, Dienstag, weltweit über Asteroiden informiert und die möglichen Risiken durch diese Himmelskörper aufgezeigt werden. Die Initiatoren fordern in einer Deklaration Maßnahmen, um mehr erdnahe Objekte zu identifizieren. "Zu sagen, das interessiert uns nicht, wäre wie Russisches Roulette", meinte der Astrophysiker Rudolf Albrecht zur APA.

Tunguska jährt sich

Das Datum für den "Tag der Asteroiden" ist nicht zufällig gewählt: Am 30. Juni 1908 explodierte ein Asteroid knapp über der Erdoberfläche in Sibirien und entwurzelte Bäume im Umkreis von bis zu 30 Kilometern - das sogenannte Tunguska-Ereignis.

"Es gibt eine Million Asteroiden in unserem Sonnensystem, die das Potenzial haben, auf der Erde einzuschlagen und eine Stadt zu zerstören. Aber bisher sind weniger als 10.000 davon entdeckt, also nur ein Prozent davon. Wir haben die Technologie, um diese Situation zu ändern", heißt es in einer zum Asteroiden-Tag lancierten Deklaration, die man im Internet unterstützen kann.

"Ändert sich jeden Tag"

Wie groß ist Gefahr für die Erde tatsächlich ist, sei schwierig in Zahlen zu fassen, erklärte der Wiener Astrophysiker Albrecht, der lange bei der Europäischen Raumfahrtagentur ESA gearbeitet hat und sich seit Jahren in UN-Arbeitsgruppen mit möglichen Abwehr-Maßnahmen beschäftigt. "Klar ist, dass der Prozess, der das Sonnensystem geformt hat, nämlich das Zusammenklumpen von Klein- und Kleinstkörpern zu Protoplaneten, die dann durch das weitere Einsammeln von Materie die Planeten gebildet haben, bei weitem noch nicht abgeschlossen ist", sagte der Experte.

Es gebe immer noch Material jeder Größe im Sonnensystem, das einschlagen könne. Das Problem sei, "dass wir immer noch nicht ganz genau wissen, wie viel tatsächlich da draußen herumschwirrt". Tausende Asteroiden würden als erdnahe Objekte gelten, knapp 1.600 seien potenziell gefährlich, so Albrecht, der aber zur Vorsicht bei solchen Zahlen mahnt, "denn die Entwicklung ist äußerst dynamisch und es ändert sich praktisch jeden Tag".

In fünf Jahren

Derzeit würden mehrere Programme laufen, um solche Objekte aufzuspüren, sie zu klassifizieren und ihre Bahn zu berechnen. "In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir eine sehr genaue Übersicht haben." Bisher habe man weder Asteroiden aufspüren noch etwas dagegen tun können. "Jetzt ist unsere Zivilisation an einem Punkt angelangt, wo wir technisch in der Lage dazu sind, und jetzt müssen wir uns überlegen, wie wir das machen", sagte Albrecht.

Bereits in den 1990er-Jahren wurde von den Vereinten Nationen eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit der Asteroiden-Bedrohung beschäftigt und in der Albrecht mitgearbeitet hat. Auf deren Empfehlung hin hat das in Wien ansässige UN-Komitee zur friedlichen Nutzung des Weltraums (UN COPUOS) zwei permanente Arbeitsgruppen gebildet, das "International Asteroid Warning Network", eine Vereinigung von Einrichtungen und Observatorien, die Asteroiden suchen und beobachten, und die "Space Mission Planning Advisory Group", der Albrecht angehört.

Keine Bruce-Willis-Methode

"Wir entwickeln dort verschiedene Bedrohungsszenarien, um zu wissen, welche technischen Optionen man in bestimmten Fällen hat", sagte der Astrophysiker. ESA und NASA planen erste Testmissionen zu den Zwillings-Asteroiden Didymos. Der größere der beiden Körper misst etwa 800 Meter und wird vom 170 Meter großen "Didymoon" umkreist. Eine ESA-Sonde soll 2022 ein Landemodul auf "Didymoon" absetzen und vermessen, was mit der Bahn des Asteroiden passiert, wenn eine NASA-Sonde mit hoher Geschwindigkeit einschlägt.

"Was man sicher nicht testen wird, ist die Bruce-Willis-Methode", sagte Albrecht, also Hollywood-mäßig eine Atombombe auf einem Asteroiden zu zünden. Diese "nukleare Option" sei zwar im Spektrum der Möglichkeiten, die sich die Arbeitsgruppe anschaut, werde aber mit großer Wahrscheinlichkeit auch im Ernstfall nicht zum Einsatz kommen, so der Experte. "Denn dann habe ich nicht ein Objekt, das vielleicht vorbeifliegt, sondern Hunderte kleinere Objekte, und einige davon treffen sicher."

Viel besser sei es, mit subtileren Mitteln einen Asteroiden abzulenken, meint Albrecht. Einige dieser Möglichkeiten beschreibt Wissenschaftsautor Florian Freistetter in seinem neuen Buch "Asteroid now". So könnte etwa durch den Einschlag eines schnellen, schweren Objekts eine Ablenkung erreicht werden oder durch einen "Gravitations-Traktor", also eine tonnenschwere Raumsonde, die neben dem Asteroiden herfliegt und durch ihre geringe Anziehungskraft dessen Bahn langsam verändert. Auch Sonnensegel wären vorstellbar, die auf einem Asterioden aufgespannt werden und den Strahlungsdruck der Sonne zur Ablenkung nutzen.

Politische Entscheidung

Was dann tatsächlich gemacht werde, sei aber keine technische, sondern eine geopolitische Entscheidung. Und da seien noch Aktionen der Vereinten Nationen erforderlich, "denn wenn uns ein großes Objekt in einem Jahr bedroht, kann man nicht auf die nächste UN-Vollversammlung warten". Für solche politische Entscheidungen von höchster Brisanz müsse es ein politisches Gremium geben, das viel schneller arbeite als die Vollversammlung oder der Sicherheitsrat, aber dennoch so repräsentativ sei, dass Maßnahmen im Namen der Menschheit getroffen würden.

In Wien widmet das Naturhistorische Museum (NHM) den Dienstag Nachmittag der Bedrohung aus dem All. U.a. gibt es Spezialführungen durch die Meteoritensammlung und eine Podiumsdiskussion mit Österreichs Astronaut Franz Viehböck, dem Impakt-Spezialisten und NHM-Generaldirektor Christian Köberl sowie Albrecht zum Thema "Gefahr von Impakten".