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Serie Singularität
04/15/2011

Mit Zellputz tausend Jahre alt werden

Der Mensch als Maschine, die sich abnutzt und altert? Geht es nach vielen Anhängern technischer Singularität, müsste das nicht sein. Was, wenn sich genetischer Code einfach wie Maschinencode umschreiben ließe? Teil drei der Serie "Mythos Singularität".

Whitfield Diffie, Kryptografie-Experte und Sun Fellow, vermutet, dass die Menschheit bereits jetzt ihre letzte Generation erreicht haben könnte - in ihrer herkömmlichen Form wohlgemerkt. Alles, was danach kommt, involviert Technologien, die helfen menschliche Unzulänglichkeiten, allen voran das Altern, zu überwinden.

Ray Kurzweil hat dazu längst konkrete Tipps parat. In einer Vorlesung am Massachusetts Institute of Technology erklärte er, dass man „einfach diese mitochondrialen Gene nehmen und sie in den Zellkern tun“ müsse. Das wäre nichts anderes, als zu erledigen, was die Evolution ohnehin bereits begonnen habe - lediglich 13 Gene würden noch fehlen. Gemeint sind damit Gene in den Mitochondrien, die im Laufe der Zeit mutieren und mit ein Faktor für das Altern sein könnten. Kurzweil will Kopien davon nahe des Zellkerns platzieren und so eine Art Redundanzlösung für die Geninformation schaffen.

Die Gentherapie, die das möglich machen soll, wird laut Kurzweil, „in 20 Jahren eine Million Mal wirkungsvoller“ sein. Die Folgen werden nicht nur von ihm dramatisch gezeichnet: nur die Konservativen unter den Singularitätstheoretikern beschränken sich in ihren Vorstellungen auf eine Lebenszeit von 150 Jahren.

Altersforschern wie Aubrey de Grey schweben eher tausend Jahre vor, zumindest bis zum Beginn des 22. Jahrhunderts. Er ist wissenschaftlicher Leiter der von ihm mitbegründeten, privaten SENS Foundation (Strategies for Engineered Negligible Senescence), die Forschung rund um die Umkehr des Alterungsprozesses betreibt. Unter Forscherkollegen ist de Grey höchst umstritten, auch, weil er sich als Theoretiker darauf zurückzieht, luftig zu argumentierten, das Behauptete aber nicht im Labor nachstellt.

Dass wir nicht deutlich älter werden, liegt laut de Grey daran, dass Alter in der Evolution einfach keine große Bedeutung hat. Es ging seit jeher um die Erhaltung der Art und Fortpflanzung sei mit 30 Jahren eben erledigt. Danach sammelt sich unnötiges Zellmaterial an, der Körper baut ab - altert.

Gut repariert, ist halb gewonnen
Für de Grey liegt daher nichts näher als eine Art genetischer Frühjahrsputz. Noch gewagter ist seine Ansicht, dass dafür nicht einmal alle genetischen Zusammenhänge bekannt sein müssten, auch nicht, über welche Mechanismen sich der „Zellabfall“ ansammelt: Man müsste diesen nur entfernen. Zu diesem Zweck identifizierte de Grey sieben verschieden Typen überschüssigen Zellmaterials, das, einmal aus dem Weg geschafft, die Entstehung altersbedingter Krankheiten verhindert.

Die Leute könnten dann zwar nicht mit einem Satz tausend Jahre alt werden, aber das Alter würde stetig, im Gleichschritt mit dem technologischen Fortschritt, zunehmen. Die schlechte Nachricht: Für jemanden, der heute 80 Jahre alt ist, dürfte laut de Grey die Reife der Technologie nicht mehr zum Jüngerwerden ausreichen. Die gute Nachricht: für einen heute 50-jährigen schon. (De Gray ist 48.)

Die jünger werdende Maus
Als erster Schritt sollte gezeigt werden, dass sich das Leben einer Maus künstlich verlängern lässt. De Grey richtete das dazu den Mprize der Methuselah Foundation ein, für den unter anderem PayPal-Mitbegründer und Facebook-Frühfinancier Peter Thiel 3,5 Mio. Dollar zusagte. Fünf Mausjahre würden laut de Gray 150 Menschenjahre entsprechen. 15 Jahre nach Erreichen dieses Ziels sollte sich das Ganze auf den Menschen anwenden lassen.

Ein Durchbruch gelang im vergangenen Jahr Wissenschaftern des Dana-Farber Cancer Institute der Harvard Medical School: sie kehrten den Alterungsprozess bei genetisch veränderten Mäusen um. Chromosomenenden, sogenannte Telomere, werden bei jeder Zellteilung kürzer bis die Zelle stirbt. Ein Enzym namens Telomerase sorgt dafür, dass die Telomere wieder hergestellt werden. Die Forscher deaktivierten bei den Mäusen die Telomerase, was sie altern ließ. Danach reaktivierten sie das Enzym wieder und die Organschäden bildeten sich zurück. Jede Zunahme von Telomerase-Aktivität bedeutet aber vor allem eines: erhöhtes Krebsrisiko - ein Detail, das Kurzweil in seinen Vorträgen gerne ausspart.

Leben aus dem Computer
Im Gegensatz zu de Gray in der Praxis zuhause ist der US-Biochemiker und Unternehmer Craig Venter, der als einer der Ersten das menschliche Genom entschlüsselte. Dadurch hätte sich die Biologie aus der analogen Welt in die digitale bewegt, erklärte Venter auf der Konferenz TED2008. Kurzweil argumentiert, dass exponentielles Wachstum damit auch auf die Genetik übergegriffen hat.

Im letzten Jahr gelang Venter und seinem Team erneut ein Meilenstein: die erste Herstellung eines synthetischen Bakteriums (namens Mycoplasma mycoides JCVI-syn1.0). Trotz seiner Erfolge ist der Wissenschafter vorsichtig bis pessimistisch in seinen Einschätzungen. „Dieses Jahrzehnt wird dafür in Erinnerung bleiben, wie wenig - nicht wie viel - sich auf dem Gebiet getan hat“, sagt er in einem Spiegel-Interview. Das Human Genome Project hätte Erkenntnisse gebracht, doch der medizinische Nutzen sei heute „fast gleich Null“.

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