Science
20.03.2015

Stromnetz verkraftet Sonnenfinsternis-Ausfälle problemlos

So ganz sicher waren sich die großen Netzbetreiber nicht: Durch die Sonnenfinsternis gab es am Freitag eine Solarstrom-Schwankung wie noch nie.

Die streng gesicherte Leitwarte ist nur per Handerkennung zu betreten. Denn von hier wird die Stromversorgung von rund 18 Millionen Haushalten im Norden und Osten Deutschlands gesteuert. Kurz bevor sich am Freitag die Sonne langsam vor den Mond schiebt, ist die Anspannung spürbar, konzentriert blickt das Personal auf die Bildschirme und die Wand mit den Leitungen. Dirk Biermann, zuständig für den Systembetrieb bei dem großen Netzbetreiber 50Hertz, spricht in der Leitzentrale in Neuenhagen bei Berlin von einem „Stresstest für die Energiewende“. Funktioniert der monatelang, bundesweit erarbeitete Plan?

Die Italiener haben einfach Solaranlangen abgeschaltet, doch in Deutschland geht es darum zu zeigen, dass auch in Zukunft große Schwankungen zu meistern sind - denn bei immer mehr Solar- und Windenergie wird die sehr wechselhafte Stromproduktion zunehmen. Doch der Freitag ist eine Premiere: So ein rasantes Auf und Ab bei Solarstrom hat es noch nie in Deutschland gegeben. Langsam klettert die gelbe Kurve am Morgen wie eine Treppe Stufe um Stufe nach oben, immer nah an der grünen Kurve, die die Prognose der vier großen Übertragungsnetzbetreiber darstellt. Kurz nach 09.30 Uhr stürzt die Kurve fast wie bei einem Kurseinbruch des Dax ab. Von fast 14 000 Megawatt (MW) geht es rasch herunter auf unter 7000 MW.

Zwei kritische Phasen

Die erste kritische Phase, die Halbierung der Solarproduktion, läuft ohne Probleme. Ebenso bei den anderen drei Betreibern von Höchstspannungsleitungen, Amprion, Tennet und TransnetBW, ist das Personal aufgestockt worden. „Die Regelzonen fahren ganz stabil und gleichmäßig“, resümiert der Leiter Systemführung bei 50Hertz, Gunter Scheibner um 10.35 Uhr. „Überall alles auf grün“, meint er sichtlich zufrieden mit Blick auf die Deutschlandkarte.

Der Chef der Warte läuft derweil mit einem Headset durch die Leitzentrale, vor ihm die raumfüllende Schautafel aller Leitungen der Region. „Wir sind jetzt in der Talsohle: Jetzt wird die Photovoltaik-Produktion rapide von 7000 auf 20 000 Megawatt ansteigen“, sagt Biermann um 11.00 Uhr zur zweiten kritischen Phase. „Das wird funktionieren“, ist er sich nun sicher. Binnen 15 Minuten geht es bundesweit um 4400 Megawatt hoch, das zweieinhalbfache des maximalen Bedarfs für ganz Berlin.
Insgesamt kommt in kurzer Zeit eine Leistung von über zehn Atomkraftwerken in dieser zweiten kritischen Phase wieder dazu. Konventionelle Kraftwerke müssen jetzt rasch gedrosselt werden. Von Vorteil ist die extrem niedrige Windproduktion. Sie pendelt um 500 Megawatt, bei bundesweit 38 000 MW installierter Leistung. Der Ökostrom-Anteil beträgt bundesweit schon 26,2 Prozent.

Robustes Netz

Nach und nach löst sich die Anspannung. Die Netzbetreiber stellen wieder einmal unter Beweis, dass die Energiewende entgegen aller Beschwörungen von Blackouts beherrschbar ist. Sicherheitshalber waren zusätzlich 3800 MW an Reservekapazitäten geordert worden, damit standen 8300 MW Regelenergie zur Verfügung, die automatisch oder per Anruf aus den Warten angefordert werden konnten. Sogar Kraftwerks-Ausfälle wurden in der „Sofi“-Planung einkalkuliert.
Aber die Regelenergie wird nur in überschaubarem Maße gebraucht. Die Anforderung kostete 3,5 Millionen Euro im Vorfeld, ist für die Stromkunden aber nicht zu spüren. Bei einem Orkan fallen auch mal über zehn Millionen Euro Zusatzkosten an, wenn viel Windstrom die Netze unter Druck setzt und Eingriffe notwendig sind. Als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme war im Vorfeld vereinbart worden, dass auf dem Höhepunkt der Verdunkelung und der entstehenden Stromlücke unter anderem Alu-Hütten ihre Produktion drosseln. Dafür erhalten sie Sonderprämien für diese abgeschaltete Last.

Aber nicht nur das Netz, auch der Strommarkt funktioniert, schwankt zwischen hohen Preisen und negativen Strompreisen, als viel Solarstrom zurückkehrt - Abnehmer von Strom erhalten dann zeitweise sogar noch Geld obendrauf. Die Netzbetreiber sehen das Naturschauspiel als Test unter Realbedingungen: Flexibilität wird immer wichtiger, zudem die Entwicklung von Stromspeichern. Am besten puffern an dem Tag Pumpspeicherkraftwerke den Wegfall von Solarstrom ab, bei denen Wassermassen aus höhergelegenen Becken heruntergelassen werden können, um Turbinen zur Erzeugung in Gang zu setzen. Allein das Werk Goldisthal (Thüringen) hat 1000 Megawatt Leistung - es wird auf über 750 MW hochgefahren. Am Ende ist Biermann erleichtert, bundesweit keine Blackouts: „Nix passiert, alles gut.“ Ihm falle ein Stein vom Herzen. „Das war ein Stresstest, den wir mit Bravour absolviert haben.“