Science
17.03.2014

Tagbau am Meeresgrund steht vor der Tür

In der Tiefsee schlummern wertvolle Metalle. Sie sind gefragt als Rohstoffe für Elektrogeräte, bald soll danach gegraben werden. Experten fürchten irreparable Umweltschäden.

„Was man in der Tiefsee kaputt macht, kann man nicht zu unseren, nicht einmal zu Lebzeiten unserer Enkel wieder reparieren“, warnt Kristina Gjerde von der Internationalen Naturschutz-Organisation IUCN. Denn die Untiefen der Meere sind eine andere Welt. „Dort tickt die Zeit viel langsamer“. Fische wie die Sägebäuche werden gut 150, Korallen gar 2000 bis 4000 Jahre alt. Die Manganknollen etwa, auf die die Industrie sehr erpicht ist, wachsen in einer Million Jahre gar nur wenige Millimeter.

Was dem Abbau derzeit noch im Wege steht, ist: Es gibt noch keine unterwassertauglichen Maschinen. Neueste Entwicklungen stehen im Mittelpunkt des Deep Sea Mining Summit 2014, der vom 17. und 18. März in London stattfindet.

Der unbekannte Meeresgrund

Bisher sind nicht einmal zehn Prozent des Meeresgrundes ordentlich kartiert. Viele Regionen der Tiefsee sind also im wörtlichen Sinn terra incognita. Wie soll man von einem System, das man zu wenig kennt, die Folgen industrieller Belastung prognostizieren? Meeresforscher fordern daher mehr Zeit für Umweltverträglichkeitsstudien. Denn gar so dringlich sei die Sache auch wieder nicht, meint Linwood Pendelton, Ökonom an der Duke-University in den USA. Vom Tiefseebergbau ist schon seit den 1960er-Jahren die Rede. „Daher meine ich: Auf ein paar Jahre mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an“.

Linwood Pendleton befasst sich mit der Frage der Wirtschaftlichkeit: Rechnet sich der Bergbau im Meer überhaupt? „Man muss kalkulieren: Welche Dienstleistungen erbringt das Ökosystem Meer zu Gunsten des Menschen? Und wie werden diese durch Bergbau beeinträchtigt?“ Und die Meere leisten vielfältige Dienste: Sie speichern Kohlenstoff, produzieren Nahrung in Form von Fischen und bringen charismatische Meeressäuger hervor. „Davon lebt wiederum der Tourismus, denn viele reisen zu Orten, wo man Wale beobachten kann.“ Die derzeit noch nicht zu beantwortende Frage ist also: Ist der Gewinn aus der Förderung von Edelmetallen hoch genug um die Sanierungskosten für Umweltschäden oder gar den Verlust einer Meeresdienstleistungen wegzustecken?

Die Schatztruhe des Meeres

Die neuen Goldgräber haben es auf Metalle wie Kupfer, Nickel, Kobalt oder Mangan abgesehen. Diese liegen auf dem Meeresgrund in Form von etwa Manganknollen, Kobaltkrusten und Massivsulfiden. Die Experten der heuer veröffentlichten dritten „World Ocean Review“ warnen etwa, dass der Abbau von Manganknollen „einen erheblichen Eingriff in den Lebensraum Meer“ darstellt. Diese erdäpfelförmigen Gebilde mit bis zu 15 Zentimetern Durchmessern sollen mit Unterwassererntemaschinen aufgesagt werden. Dass dabei auch Lebewesen eingesaugt werden, ist nicht zu verhindern. Außerdem, so heißt es im Bericht, könnte der Lärm dieser Maschinen Wale und Delfine stören.

Massivsulfide wiederum - Schwefelverbindungen mit u.a. Silber und Gold - bilden sich rund um heiße Quellen mit ihren besonders produktiven und sensiblen Ökosystemen. Doch in diesem Fall, so Linwood Pendelton, gäbe es wenigstens eine umweltschonende Variante des Abbaus. „Wenn heiße Quellen erlöschen, suchen sich die Lebewesen ein anderes Habitat. Rund um inaktive Quellen kann man also mit einem kleinen ökologischen Fußabdruck großen mineralischen Wert gewinnen.“ Das einzige Problem dabei: „Solche erloschenen Quellen findet man nicht so leicht.“

Die Industrie steht in den Startlöchern

Für die Tiefsee – also außerhalb der 200 nautischen Meilenzone, die zum Hoheitsgebiets des jeweiligen Küstenstaates gehören – erteilte die Internationale Meeresbodenbehörde bisher 19 Erkundungslizenen. Außerdem haben einzelne Länder mit Firmen Verträge über Tests in ihren Küstengewässern abgeschlossen. Doch der Großteil der daraus entstehenden Studien liegt bei den Firmen unter Verschluss und ist für Umwelt-Forscher nicht zugänglich.

Eine Ausnahme ist das kanadische Unternehmen Nautilus Minerals, das vor der Küste von Papua-Neu Guinea in 1600 Metern Tiefe möglichst nachhaltige Methoden der Sulfidgewinnung testet. Dazu gehört etwa: Kein Unterwasserdetonationen, keine gefährlichen Chemikalien. Und: Man will außerdem versuchen, die ortsansässigen betroffenen Meeresschnecken in ein ungestörtes Habitat zu übersiedeln. Alle Studien des Projekts „Solwara 1“ sind einsehbar.

Reichtum hat seinen Preis

Man kann es Entwicklungsländern zwar nicht verübeln, wenn sie vom Reichtum vor ihrer Küste etwas haben wollen und Firmen Schürflizenzen ausstellen. Doch man kann dem Goldrausch auch zunächst einmal widerstehen, wie etwa in Namibia. Mehrere Firmen wollen vor der Küste Phosphat abbauen. An einem der Pläne sei gar nichts umweltschonend gewesen, meint Bronwen Currie. Sie ist Meeresforscherin am Ministerium für Fischerei und Meeresresourcen. „Bis zu sechs Meter dicke Schichten Sand und Schlamm wären heraufgeholt und am Strand abgeladen worden.“ Nach der Verarbeitung hätte man den Abfall großteils wieder ins Meer gekippt.

Namibia hat vorläufig ein Abbaumoratorium ausgerufen. Denn der Staat hat potentiell viel zu verlieren: eine florierende Fischereiindustrie. Wenn die feinen, aufgewirbelten Sedimente lange in der Wassersäule verharren, könnten Larven und Jungfische Schaden nehmen. In den nächsten zwei bis drei Jahren werden umfassende Studien den kumulativen Effekt von Phosphatabbau entlang der Küste dokumentieren.

Egal wie Namibias Entscheidung letztlich ausfällt, - sie wird sicher Kreise ziehen. Denn Mexiko, Neuseeland und Südafrika habe ebenfalls Phosphat vor ihren Küsten. Sie warten erst einmal ab.