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Science
05/03/2012

Umstrittene Vogelgrippe-Erkenntnisse publiziert

Die vom US-Gremium für Biosicherheit zunächst als gefährlich eingestuften Forschungsergebnisse des Virologen Yoshihiro Kawaoka dürfen jetzt an die Öffentlichkeit - unzensiert. In der wissenschaftlichen Arbeit wurde etwa von einer Mutation des Virus H5N1 gewarnt, die dem Menschen gefährlich werden könnte.

Neun Monate nach der Einreichung bei Nature steht Yoshihiro Kawaokas viel diskutiertes Vogelgrippe-Paper für jedermann auffindbar im Web. Die Forschungsergebnisse des Virologen von der University of Wisconsin-Madison haben auch nach monatelanger Diskussion nichts an Brisanz verloren. Der für Menschen oft tödliche, aber bisher kaum ansteckende Vogelgrippevirus H5N1 könnte sich innerhalb weniger Mutationen über Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch ausbreiten. Unklar war bis zuletzt, wie weit die bisher entdeckten H5N1-Stränge davon entfernt sind. Der Forscher deutet nun an, dass bei einigen im Mittleren Osten gefundenen Strängen nur eine einzige Mutation genügen könnte, damit diese zwischen Menschen übertragbar würden.

Keine Zensur, keine beschränkte Veröffentlichung
Das US-Gremium für Biosicherheit (NSABB) mischte sich im vergangenen November erstmals bei der Veröffentlichung zweier Grippeforschungspapers ein und riet von deren unzensierter Publikation ab. Begründung: die Arbeiten könnten unter anderem eine Art

. Ende März revidierte das NSABB seine Position zu Kawaokas Arbeit und empfahl die vollständige Veröffentlichung. Nature führt den Meinungsumschwung des NSABB auf ursprünglich zu kurzsichtige Überlegungen zurück: Das Abraten von der Veröffentlichung hätte zu weite Kreise gezogen.

Von Seiten Natures fielen seither zwei Grundsatzentscheidungen. Demnach wird das Journal künftig bei ähnlichen Fällen keine zensierte Veröffentlichung in Erwägung ziehen, da dies die weitere Forschung und auch Peer Reviews behindert. Die Redaktion spricht sich auch gegen eine beschränkte Veröffentlichung aus, bei der eine dritte Stelle wissenschaftliche Arbeiten nur ausgesuchten Forschern zugänglich machen würde: „Wir können uns keinen Mechanismus und kein Kriterium vorstellen, über das vernünftig sichergestellt wäre, wer Forschungsergebnisse einsehen darf und wer nicht“, so das Journal im aktuellen Leitartikel. Und: „Wir glauben ebenfalls nicht, dass geheime, an Uni-Labors weitergegebene Information lange vertraulich bleibt.“

Gutachten über Gefährlichkeit der Arbeit
Ein von Nature in Auftrag gegebenes unabhängiges Gutachten sollte vor der Veröffentlichung Gefahren und Nutzen abwägen. Für die Gutachter besteht demnach „kein Zweifel“, dass die Informationen in einem „besonders fachkundigen Labor“ Grundlage zur Entwicklung eines potenziell pandemischen Virus sein könnten. Auch könnte die Arbeit „ein Baustein“ zur Schaffung einer biologischen Waffe sein. Gleichzeitig sei nicht geklärt, wie genau sich der Krankheitserreger im Menschen verhalten würde. Unterm Strich überwiegen nach Ansicht der Gutachter die Vorteile: mit den Erkenntnissen würde die Entwicklung eines Impfstoffes etwaig beschleunigt und Sicherheitsexperten könnten die Gefahren rund um das Thema Biowaffen besser ausloten.

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