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Raumfahrt

Was will man eigentlich noch am Mond?

Russland will im Jahr 2015 eine unbemannte Sonde zum Mond schicken, gab die Raumfahrtagentur Roskosmos vor kurzem bekannt. Mit "Luna-Glob" sollen sowohl die viele Jahre ruhenden Bemühungen Russlands bei der Erkundung des Erdtrabanten fortgesetzt als auch ein neuer Raketenstartkomplex in der Ost-Amur-Region eingeweiht werden. Die ESA tüftelt unterdessen an Mondbasen aus dem 3D-Drucker.

Auch China, Indien, Japan und die USA verfolgen Mond-Pläne. Doch was will man überhaupt noch am Mond in einer Zeit, wo mehrere Rover über den Mars kriechen und

gegründet werden? Gibt es überhaupt noch irgendetwas, das man über den Begleiter unseres Planeten nicht weiß?

Großteils unentdecktes "Wunderland"
Die NASA bezeichnet den Mond als "geologisches Wunderland" mit kilometerhohen Bergen, enormen Lava-Röhren und Kratern in jeder Größe. Diese Phänomene gilt es zu erforschen, um grundlegende Fragen zur Geschichte von Erde und Mond, von Sonnensystem und Universum zu beantworten. Außerdem stellt der Mond die bislang äußerste Grenze der bemannten Raumfahrt dar und ist insofern ein geeignetes Testgebiet für Technologien, die den Menschen zukünftig auf Asteroiden oder den Mars bringen sollen.

Der Mond hält laut Ansicht der US-Raumfahrtagentur noch jede Menge Entdeckungen bereit. Bisher haben erst 12 Menschen den Mond betreten und die nähere Umgebung von nur sechs Landeplätzen untersucht. Zu erkunden gilt es allerdings flächenmäßig einen ganzen Kontinent. Mit 37,9 Millionen Quadratkilometern ist die Mond-Oberfläche größer als die Afrikas (30,2 Millionen Quadratkilometer). Die Menschheit hat davon laut Raumfahrt-Experte Eugen Reichl bisher ungefähr ein Gebiet vom Umfang der Wiener Praterinsel (2. und 20. Bezirk) besucht.

"Raumfahrt ist eine Kulturleistung mit wenig unmittelbarem Nutzen", sagt Reichl, der für die EADS-Tochter Astrium arbeitet, daneben die Astronomie-Webseite der-orion.com mitbetreibt und mehrere Raumfahrt-Bücher verfasst hat. Beim Drang, den Mond zu erforschen, spielen menschliche Neugier und Grundlagenforschung eine Rolle. Daneben zeige sich etwas wie eine "Kathedrale der Neuzeit" für die Menschheit - eine Möglichkeit, sich inmitten eines gigantischen Universums selbst zu definieren.

Deckmantel aus Sand und Staub
Geheimnisse halte der Mond noch jede Menge bereit, ist Reichl überzeugt. Beinahe die gesamte Oberfläche ist mit einer meterdicken Schicht Sand und Staub bedeckt, der die darunterliegende Struktur verbirgt. Dieser auch "Mondstaub" genannte Regolith ist durch die zahlreichen Meteoriteneinschläge im Laufe der letzten 4,5 Milliarden Jahre entstanden. "Man müsste mehrere Meter wegschaufeln und herausfinden, wie es dort unten ausschaut", meint Reichl.

Um bestimmte Materialien als Ressourcen zu gewinnen, müsste man nicht einmal tief bohren. Da der Mond kaum eine Atmosphäre besitzt und der Sonnenwind relativ ungehindert auf die Oberfläche trifft, kommen bestimmte Elemente in riesigen Mengen vor. Aus Regolith-Gestein lässt sich etwa elektrolytisch Sauerstoff herstellen. Außerdem beinhaltet der Regolith riesige Mengen an dem Isotop Helium 3. Wie im Kinofilm "Moon" könnte das Material künftig am Mond abgebaut und auf der Erde zum Betrieb von Kernfusionsreaktoren eingesetzt werden.

Im Vordergrund stehe bei allen Mond-Missionen die Grundlagenforschung, sagt Reichl. Auch wenn sich der Sinn vieler Forschungsprojekte nicht jedermann sofort erschließt, sei sie doch unbedingt notwendig: "Man stellt ja auch CERN nicht in Frage." Jede Mondmission liefert Informationen, die, verknüpft mit vorhandenen Daten,  das Wissen über den Erdbegleiter schichtweise erweitern.

Claims abstecken und Ressourcen sichern
Nicht zu vernachlässigen ist bei allen Mondmissionen die politische und wirtschaftliche Bedeutung. Staaten wie China, Indien oder Japan können mit Mondlandungen ihre technische Kompetenz ins Rampenlicht rücken. Nach dem Motto "wir können das auch" drängen aber nicht nur Staaten ins All und zum Mond. Auch Unternehmen wollen als Leuchttürme der Raumfahrt reüssieren.

Google hat Ende 2010 etwa den Lunar X Prize ausgeschrieben und stiftet 30 Millionen Dollar für jene Firma, die es bis 2015 als erste schafft, einen Roboter zum Mond zu schicken und damit mindestens 500 Meter bilder- und datensammelnd zurückzulegen. Der Aufwand für die teilnehmenden Unternehmen wird durch das Preisgeld höchstwahrscheinlich nicht gedeckt, doch darum geht es nicht. Es geht um Prestige und Werbewirksamkeit.

Für Unternehmen wie Staaten ist eine Mondlandung die Demonstration von Hochtechnologie. "Wie eine Reklamebroschüre des Landes. Der Stolz der Nation", meint Reichl. Auch in Bezug auf die geopolitische Bedeutung hat eine Mondlandung ein gewisses Gewicht. Staaten könnten beginnen, auf dem Mond Claims abzustecken und sich Ressourcen zu sichern.

Visionen für die Jugend
Zuletzt dürfe man die indirekten Effekte einer Mondlandung nicht vergessen. "Junge Leute werden dadurch animiert, ein technisches Studium zu beginnen. Das Apollo-Programm verfolgte den selben Nutzen", meint Reichl. "Für junge Leute gibt es so Grundthemen, die immer interessant sein werden. Dinosaurier oder die Raumfahrt prägen Menschen schon sehr früh und bewegen den einen oder anderen dazu, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. So etwas fördert den Staat als Ganzes."

Der nächste Mensch auf dem Mond wird Reichls Einschätzung nach ein Chinese sein. Aber auch Indien traut der Experte einiges zu. Russland sieht er jedoch trotz der Luna-Glob-Ankündigung im Hintertreffen: "Die Russen haben es verlernt. Die machen nur noch, was sie vor 30 Jahren gemacht haben."

Vorerst nur Sonden und Rover geplant
China verfolgt seit 2007 mit dem "Chang`e" Programm eigene Mond-Pläne. Die erste Sonde, die den Namen der chinesischen Mond-Göttin trug, umkreiste den Mond knapp zwei Jahre lang, bevor sie darauf zum Absturz gebracht wurde. Chang`e 2 wurde im Oktober 2010 gestartet und suchte einen Landeplatz für die Folgemission, bevor sie weiter zum Asteroiden 4179 Toutatis geschickt wurde. Mit Chang`e 3 soll schließlich 2013 die erste Landung eines chinesischen Rovers auf dem Mond erfolgen.

Indien hat mit Chandrayaan-1 eine erfolgreiche Mondmission vorzuweisen. Im Oktober 2008 wurde die gleichnamige Sonde gestartet und im Mond-Orbit geparkt. Mitte November wurde ein eigenes Landemodul abgekoppelt und erfolgreich zur Oberfläche geschickt. Hauptzweck von Sonde und Landemodul war das Auffinden von Wassermolekülen. Die Folgemission Chandrayaan-2 soll einen Orbiter, ein Landemodul und einen Rover beinhalten. Der Starttermin steht jedoch noch in den Sternen.

Die europäische Raumfahrtorganisation ESA will 2018 seinen Lunar Lander zum Mond schicken. Die Sonde soll selbstständig einen Landeplatz finden und insgesamt als Musterbeispiel europäischer Roboter-Technologie fungieren. Auf der Oberfläche soll nach Ressourcen gesucht werden sowie weitere Voraussetzungen für eine bemannte Mondlandung abgeklärt werden. Das Projekt steht aufgrund fehlender Finanzierungszusagen jedoch bereits vor dem Scheitern.

Die NASA beschränkt sich vorerst auf Orbitalmissionen um den Mond. Mit GRAIL (siehe Bildergalerie oben) und dem Lunar Reconnaissance Orbiter (LRO) ist die US-Organisation für die beiden jüngsten Mondmissionen verantwortlich. 2013 soll dem immer noch aktiven LRO eine weitere Sonde zur Seite gestellt werden. Der Lunar Atmosphere and Dust Environment Explorer (LADEE) soll vor allem die Veränderungen der Atmosphäre untersuchen. Eine bemannte Mondlandung steht bei der NASA vorerst nicht am Programm.

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David Kotrba

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