Lernen
04/14/2011

Was wissen wir im Jahr 2020?

Wenn Informationen einfach im Netz recherchiert werden können, was bedeutet dann heute noch Wissen? Und was bedeutet Wissen im Jahr 2020? Die futurezone sprach mit der Salzburger Kommunikationswissenschafterin Ursula Maier-Rabler über Allgemeinbildung im Jahr 2020.

Welche Rolle hat die Schule im Jahr 2020? Geht es nur mehr darum, den Kindern und Jugendlichen den Umgang mit dem Informations- und Kommunikationsangeboten beizubringen? Und können Pädagogen, die "offline" aufgewachsen sind, es sich leisten, diese Lehrpläne und pädagogische Konzepte der Zukunft zu entwickeln? Im Rahmen der Diskussionsreihe twenty.twenty der A1 Telekom Austria ist am Donnerstag Ursula Maier-Rabler, Professorin am ICT&S an der Universität Salzburg, zu Gast. Sie beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den Auswirkungen von digitalen Medien auf die Gesamtgesellschaft und wird in ihrer Keynote über die Möglichkeiten und Auswirkungen von eLearning, eDemocracy and eParticipation sowie von Informations- und Kommunikationskultur reden.

futurezone: Frau Maier-Rabler, Sie beschäftigen sich intensiv mit der Informations- und Kommunikationskultur. Wie hat sich die Aneignung von Wissen durch Wikipedia verändert?

Wikipedia ist ein schnelles Nachschlagewerk, welches mir hilft, auf konkrete Fragen schnelle Antworten zu bekommen. Das ist nicht "Wissensaneignung", sondern Problemlösung.

Wie definiert man künftig Wissen? Etwas wirklich zu wissen oder zu wissen, wo man sich Wissen besorgt?

Wissen ist weniger das Abrufen gespeicherter Informationen, sondern Zusammenhänge herstellen, Fragen stellen zu können, entscheiden zu können, was zur Lösung eines konkreten Problems zu tun ist. Wissen bedeutet "verlinken" unterschiedlicher Quellen zu Lösungen. Diese Quellen können digital, aber es können auch Menschen sein. Wissen bedeutet Quellen zu kennen und diese einschätzen zu können.

Laut einer Studie (A1-Kinderstudie) hinterfragen nur 12 Prozent aller Kinder die Inhalte, die sie im Web finden. Halten Sie das für problematisch?

Ja. Wenn Wissen heißt, Quellen einschätzen zu können, dann muss dieses Wissen den Kindern vermittelt werden. Und die Qualität von Quellen einzuschätzen, ist nach wie vor eine Kompetenz, die LehrerInnen haben, abseits von technischem Know-how.

Wie sieht es aus Ihrer Sicht mit der "Media Literacy" von Erwachsenen aus? Brauchen auch diese Unterstützung?

Media literacy wird nach wie vor viel zu technisch interpretiert, als Umgangswissen/Bedienwissen von technologischen Devices. Media literacy umfasst sowohl den richtigen Einsatz von technologischen oder anderen Zugängen zu unterschiedlichen Quellen, jeweils an die Informations- und Kommunikationssiuation angepasst. Das Entscheidungswissen, welches Kommunikationstool ich für welche Aufgabe bzw. Anforderung einsetze, brauchen sowohl Kinder als auch Erwachsene. Diese Generationenunterscheidung halte ich für verzichtbar. Wir sind alle in der Netzwerkgesellschaft vernetzt, sowohl über technische als auch über menschliche Kanäle, egal wie alt wir sind.

Wird man sich künftig - egal ob Jung oder Alt - leisten können, "offline" zu bleiben bzw. digitale Medien nur sehr sporadisch einzusetzen?

Eher nicht. Eben weil die Vernetzung in der Netzwerkgesellschaft "seamless" mittels technischer und nicht-technischer Kommunikatuionsinfrastruktur stattfindet. Wenn ich Mitglied dieser Netzwerkgesellschaft sein will (und das ist nun einmal die derzeit dominierende wirtschaftliche, politische und soziale gesellschaftliche Form), dann sollte ich jederzeit mit dem jeweils adäquaten Tool kommunizieren können. Sich diesem Druck zu entziehen, können sich in Zukunft nur mehr die absoluten Eliten leisten. Man muss es "sich leisten" können disconnected zu sein.

Offline ist ein Luxusgut?

Wer aus ökonomischen oder technologischen Gründen disconnected ist, ist ein Opfer des Digital Divides und hat Nachteile am Arbeitsmarkt und im sozialen und politischen Leben. Freiwillige Ausgeschlossenheit ist hingegen ein Kennzeichen von ökonomischer Unabhängigkeit.

Wie viele derjenigen, die heute zehn bis 15 Jahre alt sind, werden im Jahr 2020 bereuen, dass sie 2010/2011 zu offenherzig Privates ausgeplaudert haben?

Die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verschiebt sich zusehends. Das traditionelle Konzept der Privatsphäre, wie es rund um das Biedermeier in Zeiten der industriellen Revolution entstanden ist, löst sich in dieser Form auf.

Wir brauchen eine neue Kultur der "Vergessens", wie das mein Freund Viktor Meyer-Schönberger in seinem neuen Buch "Delete" fordert. In 10 bis 15 Jahren werden die Personalchefs (die ja dann selbst eine Facebook und Social Network-History haben werden), heutige "Outings" im Netz besser und gelassener einschätzen.

Dennoch bedeutet das nicht, dass wir nicht im Jetzt und Heute den Kindern und jugendlichen Zurückhaltung vermitteln sollen; und zwar wegen "heutigen" Reaktionen, nicht so sehr den zukünftigen.

Zur Rolle des Lehrers: Wird es 2020 wirklich nur noch darum gehen, Jugendlichen den Umgang mit dem Netz und dem Kommunikationsangebot beizubringen?

Die Rolle des Lehrers muss sich fundamental ändern. Weg von hierarchischer, autoritätsgetragener Ein-Weg-Kommunikation hin zu partnerschaftlich, vernetzten Formen. Und es geht nicht um "Umgangswissen" mit Technologie. Es geht, wie schon vorhin gesagt, um Vernetzungswissen, Zusammenbringen unterschiedlicher Quellen, abwägend Qualität der Informationen für das aktuelle Problem. Problemerkennen, Fragen stellen - das ist überhaupt mein Credo: Die Schule muss vermitteln, wie man gute Fragen stellt und nicht - wie sie das derzeit tut - auf die richtigen Antworten hin drillen!

Glauben Sie, dass eine junge Lehrergeneration die Möglichkeiten der digitalen Medien und etwa eLearning-Methoden besser ausschöpfen kann?

Nein! In den pädagogischen Hochschulen und in den Lehramtsstudien der Unis sitzen nach wie vor hoch motivierte junge Menschen, die den Kindern etwas "beibringen" möchten. Das kooperative Prinzip in der Netzwerkgesellschaft wird noch immer zuwenig vermittelt, da der Ausgang oft völlig unvorhersehbar ist: solange Lehrpläne und Lehrziele "durchgebracht" werden müssen, solange kann sich auch die junge LehrerInnengeneration nicht wirklich auf die neuen digitalen Technologien "einlassen". Die können sie benutzen, aber wenn sie das für die alten Lehrmethoden und Ziele etc. tun, dann werden sie den Möglichkeiten der IKTs nicht gerecht. Und das checken die Kinder.

In den USA setzt eine Stadt auf den Einsatz von iPads im Vorschulunterricht. Lehrer haben dort die Erfahrung gemacht, dass entsprechende Schulsoftware zu einer höheren Alphabetisierungsrate führt. Halten Sie den Einsatz von iPads an Volksschulen für sinnvoll?

Warum nicht? Ist im Prinzip nichts anderes als eine moderne Schiefertafel. Ich will damit sagen: es geht nicht um die Technik selbst, sondern ob sie dazu beiträgt Lehren und Lernen grundsätzlich, konzeptionell zu verändern. Und natürlich trägt dazu der Einsatz von neuen Technologien möglichst bald in der Schule mehr bei, als wenn in der Schule gänzlich darauf verzichtet wird.

Auch im Netz konsumieren viele Jugendliche Inhalte, bzw. sind als "Mitläufer" in Sozialen Netzwerken registriert, nur wenige partizipieren, indem sie aktiv Inhalte (wie Videos, Musik, etc.) kreativ gestalten. Wie könnte man Jugendliche zu mehr "eParticipation" motivieren?

Partizipation muss gelernt werden. Ich plädiere schon seit langem für einen partizipativen Unterricht nach dem Motto "dein Eintrag/Beitrag zählt". LehrerInnen und SchülerInnen erarbeiten "gemeinsam" die Inhalte für den Unterricht. Dann ermögliche ich positive Partizipationserfahrungen in der Schule, die dann außerhalb der Schule bzw. später im Leben zu partizipativeren Menschen führen können.

Das "semantische Web" soll uns künftig das Suchen erleichtern, doch die Entwicklung geht relativ langsam voran. Glauben Sie, dass sich unser Suchverhalten im Web bis 2020 bereits verändert haben wird?

Ja. Ich glaube, dass sowohl das semantische Web-Techniken noch weiter entwickelt werden, aber vor allem, dass wir besser "fragen" lernen müssen. Das ist für mich eines der wichtigsten Bildungsziele überhaupt. Nur wenn wir die richtigen Fragen stellen, dann können wir im Netz erfolgreich suchen.

Die semantische Suche birgt doch auch die Gefahr in sich, die Privatsphäre zu gefährden. Semantische Netze lernen mit und analysieren das Verhalten des Users. Kann das nicht auch gefährlich sein?

Vernetzung bring ein hohes Maß an Komplexität mit sich. Es wird wichtig sein, dass die Bildung in der Netzwerkgesellschaft den Umgang mit Komplexität vermittelt. Es muss uns klar sein, dass jede unserer Handlungen Konsequenzen haben. Das gilt für die Umwelt genau so wie für das Netz.

Glauben Sie, dass die Kommerzialisierung des Netzes weiter voranschreiten wird, oder sehen Sie auch noch genügend Platz für den "öffentlichen Raum" im Netz?

Die Kommerzialisierung sehe ich mit Sorge. Ob das das Festhalten an alten Urheberrechts- und Copyright-Strukturen ist oder neue Wertschöpfungsmodelle für Kollektiv entwickelte Webinhalte ist. Es wird die Aufgabe des Staates und der Öffentlichkeit sein, diesen öffentlichen Raum im Internet zu verteidigen bzw. wieder neu zu schaffen. Hier wird es ohne regulativen Eingriff nicht gehen.

Was wird 2020 neben Rechnen, Schreiben und Lesen zu den Kulturtechniken gehören? Bzw. werden im Jahr 2020 Rechnen, Schreiben und Lesen noch die Kulturtechniken sein?

Rechnen, Schreiben, Lesen werden nach wie vor Kulturtechniken sein. Sie stellen sozusagen die Interface-Kompetenzen dar, um die Inhalten produzieren und rezipieren zu können. Sie werden vielleicht weniger regelhaft und vielmehr funktionell sein, aber sie werden notwendige Schnittstellen zum Web sein. Zusätzliche Kompetenzen werden Vernetzungs- und Bewertungswissen sowie Selektionskompetenz sein, wie immer wir das 2020 nennen werden.

Könnte die Wissensgesellschaft im Jahr 2020 von der Suchgesellschaft abgelöst werden?

Suchen alleine wird im Sinne des bisher Gesagten zu wenig sein. Es wird darum gehen, im Gegensatz zu heute, mit den gefundenen Informationen etwas anzufangen; sie richtig zu kombinieren und zu vernetzen, richtig zu bewerten und richtig anzuwenden. Bislang war es genug, etwas zu wissen. In Zukunft müssen wir es hinsichtlich klar definierter Probleme und Aufgaben (Stichwort: fragen können) anwenden können.

twenty.twenty ist eine von der A1 Telekom Austria und dem Magazin The Gap organisierte Veranstaltungsreihe, in der über die „mittelferne“ Zukunft, konkret das Jahr 2020, gesprochen wird. Im Rahmen der Veranstaltungen wird u.a. über den Nutzen und den Preis des technischen Fortschritts nachgedacht und welchen Veränderungen die IT-Gesellschaft unterworfen ist.