© Rat für Forschung und Technologieentwicklung

Interview
08/22/2013

Wie Österreich in 37 Jahren aussehen wird

Zwei Dutzend österreichischer Wissenschafter haben sich Gedanken gemacht, wie Österreich im Jahr 2050 aussehen könnte. Die Publikation „Österreich 2050“ beleuchtet unsere Zukunft aus unterschiedlichen Blickwinkeln, von Bildung über Forschung bis Innovation. Die futurezone hat mit den Initiatoren des Projekts, dem Chef des Rats für Forschung und Technologieentwicklung, Ludo Garzik, und Vorstandsmitglied Peter Skalicky gesprochen.

Im Buch „Österreich im Jahr 2050“ geht es darum, wie Österreich in 37 Jahren aussieht. Wie sollte Österreich aussehen, wie sollte es nicht aussehen?
Garzik: Unsere Welt und damit auch Österreich werden im Jahr 2050 radikal anders aussehen. Um sich dies zu verdeutlichen, braucht man nur vierzig Jahre zurückdenken. Und der Wandel wird sich künftig noch beschleunigen. Dies bedeutet aber auch, dass neben den ohnehin schon bekannten Herausforderungen – vom Klimawandel bis zur demografischen Entwicklung – eine Vielzahl neuer Herausforderungen auf uns zukommen wird. Eine wesentliche Einsicht aus den krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre muss lauten: bei anhaltenden Krisen werden fortgeschrittene Gesellschaften nur dann weiterbestehen können, wenn sie lernen, sich zu verändern und gleichzeitig robuster zu werden.

Skalicky: In diesem Zusammenhang fällt immer öfter das Stichwort Resilienz, ein Begriff aus der Kybernetik, der beschreibt, wie ein System mit Störungen von außen umgeht. Diese Resilienz, verstanden als Krisenfestigkeit bzw. Widerstandskraft von Systemen – gleich ob diese ökologischer oder sozialer Natur sind – hängt vom Verhältnis ab, in dem seine innere Effizienz zu seinem innovativen Potenzial steht. Systeme, die nach einer Wachstumsphase in eine Schutz- und Erhaltungsphase übergehen, laufen Gefahr, sofern sie keine innere Erneuerung erlauben, immer stärker in Stagnation zu verfallen, wo nur noch die erreichten Standards verteidigt werden und der Schutz vor Veränderung gegenüber innovativem Verhalten dominiert. Durch Strategien vom Typ „more of the same“ versucht man sich noch Luft zu verschaffen, doch jeder externe Schock kann aufgrund seiner sich ungehindert ausbreitenden Schockwellen das gesamte System zum Einsturz bringen. Fazit daher: Eine unkritische Fortschreibung bisher gültiger Strategien wäre eine der schlechteren Optionen, weil zum Scheitern verurteilt. Dies bedarf der Änderung!

Es schreiben in dem Buch zwei Dutzend anerkannter österr. Experten aus den verschiedensten Bereichen. Aber es geht nicht um Einzelbereiche, sondern, wie Sie selbst im Vorwort schreiben, um das „big picture“ – wo wollen wir in 37 Jahren sein?
Garzik: Die österreichische Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, Österreich zu einer der führenden Innovationsnationen zu machen. Diese Zielsetzung wird vom Rat für Forschung und Technologieentwicklung voll unterstützt. Der Rat ist der Ansicht, dass Österreich im Jahr 2050 nur als moderne Wissensgesellschaft eine Chance im globalen Wettbewerb haben wird.

Zwar kann niemand voraussagen, was die Zukunft wirklich bringen wird. Eines steht jedoch fest: Österreich wird sich den globalen Grand Challenges nicht entziehen können. Und wenn auch kein einzelner Politikansatz Antworten auf alle brennenden Fragen unserer Zeit geben kann, so besteht doch weitgehend Konsens darüber, dass Bildung, Forschung und Innovation die wesentlichen Faktoren für die Bewältigung der anstehenden Heraus-Forderungen sind.

Dies haben die global innovativsten Länder, allen voran die USA, Deutschland, die skandinavischen Staaten, die Schweiz, Japan, Singapur und Südkorea bereits seit längerem erkannt und entsprechende Maßnahmen gesetzt. Diese Länder haben gerade in der Zeit der derzeitigen Krise ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung und Bildung massiv erhöht.

Es geht im Buch ja nicht darum, um Schwebebahnen, Nanoröhren oder implantierte Computer vorherzusagen, sondern um gesellschaftsrelevante Bereiche zu prognostizieren. Wie vieler Reformen bedarf es? In welchen Bereichen?
Skalicky: Für eine kleine, offene Volkswirtschaft wie Österreich wird es künftig nicht ausreichen, im globalen Wettlauf der wissensbasierten Ökonomien „nur dabei“ zu sein. Wissen gilt als einer der wichtigsten Rohstoffe der Zukunft, insbesondere in rohstoffarmen Ländern wie Österreich. Investitionen in Bildung, Wissenschaft, Forschung, Technologie und Innovation sind daher unabdingbar, wenn Österreich auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben und damit Wohlstand und Wohlfahrt erhalten will.

Wesentliche Aufgabe nationaler Politik bei fortschreitender Globalisierung ist daher, das eigene Land für die Herausforderungen der kommenden Zeit vorzubereiten. Dazu müssen Zukunftsbereiche zulasten der weniger produktiven bzw. nur konsumierenden Bereiche gestärkt werden. Im Buch wird dazu eine ganze Reihe von Reformnotwendigkeiten aufgezeigt – von der Bildung über die Besteuerung und Verwaltung bis hin zu den Pensionen. Die entsprechenden Voraussetzungen für eine moderne Wissensgesellschaft, die bis ins Jahr 2050 ihre Wettbewerbsfähigkeit durch sinnvolle und effektive Reformschritte sichergestellt haben wird, müssen jetzt geschaffen werden. Noch können wir bestehende Fehlentwicklungen korrigieren – sofern wir uns den Herausforderungen der Zukunft stellen und die dafür notwendigen Aufgaben in Angriff nehmen.

Garzik: Was wir brauchen, ist eine umfassende und energische sowie dynamische Vorwärtsstrategie mit einer Perspektive 2050 sowie eine umsetzungsorientierte Agenda 2025, die den Menschen Mut für eigenverantwortliche Leistungen, gleichzeitig aber auch Orientierung und Halt gibt.

Prognosen für etwas zu stellen, das sehr weit in der Ferne liegt, ist nicht sehr mutig, weil man ja in 37 Jahren nicht zur Rechenschaft gezogen wird, wenn eine Prognose nicht eintrifft.
Garzik: Es wird sicher disruptive Entwicklungen geben, die nicht voraussehbar sind. Dennoch ist jedoch wichtig, den Versuch zu wagen, abzuschätzen, welche Trends für die Zukunft bestimmend sein werden. Nur so ist es möglich, Herausforderungen der Zukunft zu begegnen und adäquat darauf reagieren zu können.

Es gibt von Niels Bohr, einem der bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts, den bekannten Ausspruch: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Aber es gibt auch die Aussage von Willy Brandt, der gesagt hat: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten“. In diesem Sinn ist es unser Ziel, mit der Publikation von „Österreich 2050“ eine breite und umfassende Reformdiskussion anzustoßen, die weite Teile der Gesellschaft erfassen soll.

Laut Internationalem Währungsfonds lag Österreich 2012 gemessen am Pro­Kopf­Einkommen in der EU an dritter Stelle und weltweit auf dem 11. Platz. Die Frage ist aber, ob dieses Niveau in den kommenden Generationen auf­ rechterhalten werden kann.
Skalicky: Es stimmt, dass Österreich heute in Bezug auf das Pro-Kopf-Einkommen weltweit zu den führenden Ländern zählt. Das Niveau wird aber nur aufrechterhalten werden können, wenn Österreich strategisch in seine Zukunft investiert. Dazu gehören vor allem Investitionen in den Bildungsbereich und in Forschung wie Innovationen. Außerdem müssen Mittel aus weniger produktiven strukturerhaltenden oder rein konsumierenden Bereichen wie zu hohe Subventionen oder fehlgeleitete Transfers in diese Zukunftsbereiche um-geschichtet werden. Derzeit ruhen wir uns zu sehr auf den Errungenschaften von gestern aus nach dem Motto „Uns geht’s guat - und Morgen?“ Das mag noch eine Zeit lang gutgehen. Wenn jedoch längerfristig Investitionen in Zukunftsbereiche unterbleiben, ist zu befürchten, dass Österreichs wirtschaftliche Performance darunter leidet. Das bedeutet dann à la longue auch einen Rückgang der Pro-Kopf-Einkommen und der Beschäftigung.

Ein Kapitel nennen Sie Reformstau – der trifft ja eigentlich auf fast alle im Buch angesprochenen Themenbereiche – Bildung, Wissenschaft/Forschung, - zu. Was passiert, wenn Reformen in einem Bereich funktionieren, in einem anderen nicht?
Garzik: Es ist schwierig, hier einen einzelnen Bereich herauszunehmen. Es gibt in Österreich eine Reihe von Bereichen, in denen der Reformwille in den letzten Jahren bis Jahrzehnten nur gering war. Dazu gehört mit Sicherheit z. B. der Pensionssektor, das Bildungssystem, das Steuersystem oder insgesamt das öffentliche Management. In beiden Fällen existieren unzählige Gutachten und Reformvorschläge. Unter ExpertInnen ist man sich auch weitgehend einig, welche Reformschritte notwendig wären – allein der politische Umsetzungswille ist noch nicht vorhanden.

Ein Eckpfeiler, den wir am stärksten beeinflussen können, ist die Bildung. Haben wir in Österreich in Zukunft ausreichend gebildete Menschen?
Skalicky: Das heute bestehende Bildungssystem ist größtenteils Ergebnis jener Erfordernisse, die einst die Landwirtschaft – Stichwort Sommerferien – und danach das Industriezeitalter an die Menschen gestellt haben. Zweiteres forderte nämlich Menschen, die „funktionierten“, in kurzer Zeit also ein bestimmtes Maß an Kenntnissen aufnehmen konnten, um diese anschließend umzusetzen.

Die Herausforderungen zur Lebensbewältigung, also erfolgreich einen selbstbestimmten Lebensweg zu gestalten, haben sich inzwischen jedoch massiv verändert. Unsere Welt wird immer schnelllebiger und vernetzter, unsicherer und widersprüchlicher. Gleichzeitig verlieren gewohnte Strukturen an Bedeutung, was oftmals zu großer Verunsicherung führt. Es sind deshalb Eigeninitiative und Eigenverantwortung, breite Perspektiven, klare Strategien und Entschlossenheit zur Umsetzung notwendig.

Stürzt damit nicht das gesamte gesellschaftliche Kartenhaus zusammen, wenn Bildung nicht mehr funktioniert, bzw. zu wenig gebildete Menschen verfügbar sind?
Garzik: Der Demograf und Sozialstatistiker Wolfgang Lutz konnte die gesellschaftliche Bedeutung von Bildung – also die Vorteile von Bildung über die konkret betroffene Person hinaus – in einer Vielzahl von Studien bereits nachweisen: gebildete Menschen sind im Durchschnitt gesünder, haben gesündere Kinder, und gebildete Frauen können ihre Position in der Familie stärken. Darüber hinaus ist die Bildung breiter Bevölkerungsschichten auch eine notwendige Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit der Demokratie. Nur wenn der überwiegende Teil der Bevölkerung sinnerfassend lesen, sich somit informieren und in der Folge auch verbalisieren kann, ist Demokratie möglich.

Wäre es nicht besser gewesen, das Buch “Die Welt in 50 Jahren” oder “Europa in 50 Jahren” zu schreiben? Österreich kann allein ohnehin nichts bewirken?
Garzik: Natürlich ist Österreich in die globale Entwicklung eingebunden. Das zeigen einige der Beiträge in “Österreich 2050” ja sehr deutlich. Aber das bedeutet nicht, dass unserer Land sich zurücklehnen und warten kann, wie sich die Dinge so entwickeln. Wir können unseren Beitrag zu vielen globalen Herausforderungen leisten, beispielsweise durch Forschung im Bereich “Maßnahmen gegen den Klimawandel”, u.a.m. Zudem gibt es viele Bereiche, wo wir einfach unsere Hausaufgaben machen müssen, etwa beim Pensionssystem, bei der Bildung, oder bei der Verwaltungsreform. Hier sind wir selbst gefordert, die Ärmel hochzukrempeln und die Dinge anzupacken. Es gilt die Standortwettbewerbsfähigkeit zu sichern, die industrielle Basis abzusichern und die Standortattraktivität zu erhöhen.

Wo steht eigentlich Österreich in 50 Jahren im Vergleich mit den heutigen Entwicklungs-, bzw. Schwellenländern?
Skalicky: Angesichts der der im catch-up Prozess üblicherweise allmählich abnehmenden Wachstumsraten, der sogenannten Konvergenz, ist es nicht wahrscheinlich, dass Österreich hinter Entwicklungs-, bzw. Schwellenländer zurückfällt. Das hat auch kürzlich erst der Economist in seiner Titelgeschichte festgestellt – die Wachstumsraten in Ländern wie China, Indien oder Brasilien haben sich zuletzt doch deutlich abgeschwächt. Dennoch müssen negative Entwicklungen beobachtet und rechtzeitig gegengesteuert werden.

Was ist das Ziel des Buches?
Garzik: Um die bereits bestehenden und die künftigen Herausforderungen bewältigen zu können, bedarf es der Kenntnis der Problemlage, sind Perspektiven und Strategien erforderlich und Umsetzungsentschlossenheit notwendig. “Österreich 2050” soll daher eine breite Diskussion anregen und die Österreicherinnen und Österreicher dazu ermutigen, sich selbst in Kenntnis zu setzten und von den Politikerinnen und Politikern jene Reformen einzufordern, die notwendig sind, um in Generationenverantwortung und –gerechtigkeit auch den künftigen Generationen eine Chance zu geben. Es soll nicht heißen können: „Ihr habt’s die Party gehabt, die wir bezahlen müssen.“

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Zum Buch:
Das Buch „Österreich 2050“ ist im Holzhausen-Verlag erschienen und kostet 17.30 Euro.

Serie auf futurezone.at
Die futurezone startet ab Montag mit einer zehnteiligen Serie zum Buch „Österreich 2050“ und hat zehn Experten eingeladen, ihre Themen aus den verschiedensten Blickwinkeln zu beleuchten.