Start-ups
05.01.2017

"Banken müssen sich grundlegend ändern"

Benoit Legrand, der beim ING-DiBa-Konzern für die Zusammenarbiet mit Fintechs zuständig ist, über die Zukunft der Banken.

futurezone: Wie hat sich Banken und der Finanzsektor in den vergangenen Jahren verändert? Benoit Legrand: Wenn man zu einer eher konservativen Sichtweise neigt, könnte man sagen, dass sich eigentlich nichts verändert hat. Die Leute machen nach wie vor Bankgeschäfte. Die größte Veränderung ist der Trend zum mobilen Banking. Leute gehen nicht mehr in Bankfilialen sondern erledigen ihre Bankgeschäfte am Handy. Es ist Teil einer größeren Entwicklung, die nicht nur Banken betrifft. Die Leute gewinnen durch mobile Technologien die Kontrolle über ihr Leben und nicht nur über ihre Finanzen zurück.

Vor welche Herausforderungen stellt das die Banken? Die Banken stehen vor einer kopernikanischen Wende. Vor Kopernikus hat man geglaubt, dass die Erde das Zentrum des Universums ist und die Sonne um die Erde kreist. Genauso haben Banken geglaubt, dass sich alles um sie dreht. Das ändert sich. Nun stehen die Kunden im Mittelpunkt. Banken müssen sich grundlegend ändern.

Fintechs eilt der Ruf voraus, innovativer zu sein als traditionelle Banken. Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Banken und Fintechs beschreiben? Ich bin mir nicht sicher, ob die großen Innovationen immer von den Fintechs kommen. Finanz-Start-ups werden stärker wahrgenommen, aber auch bei den Banken gibt es viele Innovationen. Nehmen Sie zum Beispiel SWIFT, eine Organisation der 10.000 Banken angehören und die technologisch sehr fortgeschritten ist. Auch die ING Diba war mit ihrem Direktbanking-Ansatz sehr innovativ. Wir sind, wenn Sie so wollen, ein 20 Jahre altes Fintech.

Der ING-Konzern arbeitet mit Fintechs zusammen. Wie laufen solche Kooperationen konkret ab?Wir haben verschiedene Programme für die Zusammenarbeit mit Fintechs. In unserem Innovation Studio in Amsterdam geht es um langfristige Projekte und um die Zusammenarbeit mit Fintechs, die sich noch in einer frühen Phase befinden. Daraus ist etwaYolt, eine App, die verschiedene Konten zusammenführt, hervorgegangen. In unserem Fintech-Village in Belgien arbeiten wir gemeinsam mit Fintechs an der Implementierung von Lösungen für unsere Kunden. Dann haben wir noch interne Fintechs und ein Programm, das breiter angelegt ist. Ein Fintech in diesem Programm, in dem wir mit insgesamt 65 Fintechs zusammenarbeiten, istKabbage, das in Spanien aktiv ist und uns ermöglicht Kredite von bis zu 100.000 Euro innerhalb von drei Minuten and kleine und mittlere Unternehmen zu vergeben.

Welchen Einfluss haben Fintechs auf traditionelle Banken? Fintechs bringen frischen Wind. Sie denken anders und bewegen sich schneller. Fintechs kopieren auch viel aus anderen Branchen und legen es auf die Finanzbranche um. Banken haben sich üblicherweise nur mit der eigenen Branche beschäftigt, die Digitalisierung hat das verändert.

Warum reagieren Banken langsamer auf Veränderungen? Fintechs bringen das Tempo, Banken stehen für das Solide, sie hatten weniger Anreize sich zu verändern.. Sie sind auch an Regulierungen gebunden. Banken verfügen immer noch über sehr viel Wissen und Erfahrung. Die Leute vertrauen ihnen ihr Geld an. ING hat 35 Millionen Kunden, das haben Fintechs nicht. Die Zusammenarbeit mit Fintechs bringt für alle Vorteile: Für die Kunden, für die Start-ups und auch für die Banken, die kundenfreundlicher und effizienter werden.

Wie wird die Bank der Zukunft aussehen? Banken stehen vor der Wahl, ob sie sich zu einer Plattform weiterentwickeln oder ein reiner Infrastrukturanbieter werden wollen. Letzteres ist mit dem Telekomsektor passiert, sie transportieren die Daten, aber WhatsApp ist die Schnittstelle zum Kunden. Wir wollen uns in Richtung Plattform entwickeln und unseren Kunden eine Vielzahl an Services mit Mehrwert bieten.

Wird es in 20 Jahren noch traditionelle Banken geben? Ich denke ja, aber sie werden sich an ein kleines Nischenpublikum wenden, das auch bereit ist, für Dienstleistungen und Filialen zu bezahlen. Filialen sind teuer, wenn es Banken nicht gelingt, sie über ihre Dienstleistungen zu finanzieren, werden sie früher oder später ihr Filialnetzwerk abbauen müssen.

Disclaimer: Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation mit der ING-DiBa. Die redaktionelle Verantwortung obliegt alleine der futurezone-Redaktion.