Start-ups
10.10.2016

Südkorea: Mit Start-ups gegen die Dominanz von Samsung

Südkoreas Wirtschaft wird von Großkonzernen dominiert. Um die Abhängigkeit von Industriegiganten zu verringern, fördert das Land Start-ups.

Rund 2,5 Millionen Stück seines neuen Flaggschiff-Smartphones Galaxy Note 7 musste Samsung wegen Akku-Problemen in den vergangenen Wochen weltweit zurückrufen. Zwar reagierte der Konzern schnell auf das Problem mit den Batterien, in Südkorea schrillten dennoch die Alarmglocken. Denn Samsung beschäftigt in dem 51 Millionen Einwohner zählenden Land rund 450.000 Leute, und zählt neben Hyundai, Ponco, Lotto und LG zu den größten Arbeitgebern. "Niemand ist zu groß, um zu scheitern", sagt David Sehyeon Baek, Leiter des Gyeonggi Center for Creative Economy & Innovation in Pangyo, und erinnert an den Niedergang des einstigen Handyweltmarktführers Nokia, der die finnische Wirtschaft ins Trudeln brachte.

Um die Abhängigkeit Südkoreas von den großen Konglomeraten, den sogenannten Jaebeols, zu verringern, fördert die Regierung offensiv Start-ups und Technologieunternehmen. Das von Baek geleitete Technologiezentrum im Pangyo-Valley rund eine halbe Autostunde von der südkoreanischen Hauptstadt Seoul entfernt, ist eines von 18 Innovationszentren im ganzen Land, in denen Gründern bei der Umsetzung ihrer Ideen unter die Arme gegriffen wird. "Wir helfen ihnen aus einer Idee ein Geschäft zu machen", sagt Baek. Die futurezone konnte das Gyeonggi Center for Creative Economy & Innovation in Pangyo auf Einladung von Invest Korea und der staatlichen Organisation Kotra besichtigen.

Gaming, Internet of Things, Fintech

Knapp 80 junge Unternehmen aus den Bereichen Gaming, Internet der Dinge, Fintech und Kommunikationstechnologien haben die Dienste des Zentrums in den vergangenen Jahren in Anspruch genommen. Sechs Monate lang werden bei der Unternehmensgründung, der Erarbeitung von Geschäftsmodellen und beim Knüpfen internationaler Kontakte unterstützt. Zwölf Millionen Euro im Jahr beträgt das Budget der Einrichtung. Die Hälfte davon wird von privaten Firmen getragen.

Zwei Blocks weiter befindet sich auch ein Start-up-Campus, der rund 200 jungen Unternehmen Büroplätze und Infrastruktur, darunter ein 3D-Drucker zur Erstellung von Prototypen, zur Verfügung stellt. Ein Mentoren-Netzwerk aus früheren Gründern und Ex-Managern großer Unternehmen steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Auch wenn die Firmen aus dem Innovationszentrum und dem angeschlossenen Start-up-Campus ausgezogen sind, erhalten sie weiter Unterstützung.

Internationale Zusammenarbeit

"Wir haben vor kurzem ein Joint Venture in China gegründet", erzählt Moonkyung Cho vom Start-up Ulala Lab. Das junge Unternehmen bietet Sensoren und Datenanalyse-Software an, mit denen auch kleine Fabriken ihre Produktionsprozesse digitalisieren können. Die Kontakte dafür seien bei einem Besuch eines chinesischen Ministers in dem Innovationszentrum geknüpft worden, erinnert sich Cho, dessen Unternehmen elf Mitarbeiter beschäftigt und vor kurzem eine Serie-A-Finanzierungsrunde abgeschlossen hat. Demnächst will man auch landwirtschaftliche Geräte in China und in Vietnam vernetzen.

Auch Dillon Seo, einer der Mitgründer des Virtual-Reality-Unternehmens Oculus, das im März 2014 für rund zwei Milliarden Dollaran Facebook verkauft wurde, hat mit seinem Start-upVoler Creativein dem Technologiezentrum begonnen. Er arbeitet an Spielideen für Virtual-Reality-Brillen. "VR-Inhalte werden von Start-ups und nicht von großen Unternehmen geschaffen, sagt Seo. "Solange der Markt noch klein ist, geben die Großen kein Geld dafür aus."

Zu den Erfolgsgeschichten des Kreativwirtschaftszentrums zählen auch Irience, das Iris-Scan-Technologien zur Authentifizierung anbietet, und Ripple Buds, das Ohrstöpsel mit Mikrofonen versehen hat, die Umgebungsgeräusche herausfiltern. Auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo sammelten die In-Ear-Kopfhörer mehr als 1,2 Millionen Dollar ein.

"Plötzlich sexy"

Unternehmensgründer waren bis vor wenigen Jahren in Südkorea wenig angesehen. Universitätsabsolventen hätten versucht einen Job bei Samsung oder den anderen Industriekonglomeraten zu bekommen, erzählt Baek. "Das hat sich geändert. Gründer eines IT-Unternehmens zu sein, gilt plötzlich als sexy."

"Bei großen Unternehmen verdient man zwar mehr, aber man hat nur die Möglichkeit auf einem Gebiet Erfahrungen zu sammeln", sagt Jiung Na, Gründer des auf mobile Spiele spezialisierten Start-upsMadorca. "Wir müssen alles machen, Marketing, Entwicklung und auch Verkauf." Mitarbeiter zu finden, sei für Start-ups heute kein Problem mehr. Die größte Motivation sei die Unabhängigkeit, erzählt der Gründer: "Wir sagen, bei uns könnt ihr alles machen, was ihr schon immer machen wolltet."

Globaler Markt im Visier

Wie viele südkoreanische Start-ups will Madorca international reüssieren. Vor allem in Japan möchte das 14-köpfige Unternehmen Fuß fassen. "Viele Start-ups haben den globalen Markt im Visier", sagt Baek, dessen Gründerzentrum auch Partnerschaften mit Acceleratoren und Innovationszentren in Asien, Europa und den USA unterhält, die auch als Türöffner in internationale Märkte fungieren.

Die südkoreanische Regierung setzt aber auch abseits von Start-ups auf die Förderung von Informations- und Kommunikationstechnologie. Großes Wachstum verspricht man sich in den Bereichen Internet of Things, Cybersicherheit und Big Data.

Programmieren in der Volksschule

Damit Start-ups und Industrie gut ausgebildete Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, wird ab 2018 ab der verpflichtender Programmierunterricht eingeführt. In rund 900 südkoreanischen Volksschulen ist dies schon heute der Fall.

Auch die Zusammenarbeit zwischen den Industriekonglomeraten und Start-ups wird gefördert. Die Zeiten, in denen die Großen innovative Unternehmen verdrängt oder geschluckt hätten, seien vorbei sagt Seong-taek Park vom südkoreanischen Wirtschaftsministerium.

Dass Start-ups von den großen Konglomeraten gekauft würden, sei eher selten. Es gebe zwar Zusammenarbeit, aber kaum Übernahmen, erläutert Innovationszentrum-Leiter Baek. Denn die Jaebeols würden den Wert eines Unternehmens nach seiner Größe bemessen. Das habe zur Folge, dass sie viele Gelegenheiten verstreichen ließen. So sei etwa Android-Gründer Andy Rubin im Jahr 2004 bei Samsung vorstellig geworden, und habe den Konzern für sein mobiles Betriebssystem begeistern wollen. An Android haben damals gerade einmal sechs Leute gearbeitet. Samsung habe Rubin auch deshalb abblitzen lassen, erzählt Baek: "Er ist dann zu Google gegangen."

Disclaimer: Die futurezone war im Rahmen der Foreign Investment Week auf Einladung der staatlichen Organisation Invest Korea in Seoul zu Gast. Flug- und Hotelkosten wurden von Invest Korea übernommen.

Warnsignale gibt es viele

futurezone: Wie hat sich die koreanische Start-up-Szene in den vergangenen Jahren entwickelt?Franz Schröder: Man steckt eine ganze Menge Geld in Start-ups und Pitching-Events. Die Regierung schickt sie auch rund um den Erdball. Nicht nur um Investoren zu finden, sondern auch um Erfahrungen zu sammeln und sich mit anderen Start-ups auszutauschen.

Können Start-ups Alternativen zu den Jaebeols darstellen? Man versucht in Südkorea schon seit einigen Jahren weg von der Allmacht der Großen zu kommen. Wenn man von Großkonzernen abhängig ist und die wegfallen, dann tut sich die Wirtschaft insgesamt schwer. Das hat man beim Niedergang Nokias in Finnland gesehen. Davon waren auch Zulieferer und Dienstleister betroffen. Die Unternehmenslandschaft in Korea ist stark von den Jaebeols geprägt, die Masse sind aber trotzdem Klein- und Mittelbetriebe, die aber stark von den Großen abhängig sind.

War der Note-7-Rückruf von Samsung ein Warnsignal? Warnsignale gibt es viele, sowohl technische Pannen als auch Korruptionsfälle. Es ist schwer zu sagen, was bei Samsung wirklich passiert. Sie verkaufen nicht nur Smartphones und TV- und Haushaltsgeräte. Sie haben auch Stahlwerke und sind in der Schifffahrt und im Tourismus aktiv. All diese großen Firmen sind sehr verschachtelt, haben eine sehr weite Produktpalette und sind schwer zu durchschauen.

Sind Start-ups Übernahmeziele für die Jaebeols? Die Großen haben gesehen, dass man nicht alles selber machen muss. Nicht jede Firma wird gleich geschluckt. Früher hätten sie das sofort gemacht, heute sehen sie, dass es reicht, wenn man ihre Produkte bezieht. Es ist mehr eine Kooperation und Partnerschaft als ein Aufessen.

Wie sieht es mit Investitionen aus, gibt es einen Risikokapitalmarkt? Neben den staatlichen Förderungen gibt es einen Menge an Fonds und Venture-Capital-Firmen. Es ist genügend Kapital vorhanden, um Start-ups zu finanzieren.

Südkorea hat eine sehr hierarchische Arbeitskultur. Wie wirkt sich das auf die Innovationsfähigkeit aus? Es beginnt sich zwar zu ändern, aber die Arbeitskultur ist noch immer sehr hierarchisch und unflexibel. Hierarchien lassen sich vor allem bei den Großen nicht so schnell abschaffen. Kleine Unternehmen sind aber flexibel, vor allem wenn sie jungen Leuten gehören, die auch im Ausland studiert haben.

Wie sieht es mit dem Gründergeist aus? Viele Eltern sagen zu ihren Kindern, geh doch zu Samsung. Die ältere Generation weiß, was das für Vorteile bringt. Die Jüngeren sind davon nicht mehr so begeistert. Sie suchen nach Alternativen. Der Gründergeist ist auf jeden Fall gegeben.

Wo sehen Sie Möglichkeiten für österreichische Unternehmen? Korea hat einen sehr hohen technologischen Standard. Firmen, die ein technologisch hochstehendes, innovatives Produkt haben, haben hier gute Chancen. Wir versuchen innovative Firmen herzubringen, auch Start-ups. Unser Ansatz ist die Kooperation zwischen den Unternehmen. Korea ist ein sehr weit entfernter Markt, um den zu bedienen gehört viel Mut dazu. Kooperationen erleichtern das.