Parabelflug: NASA braucht einen neuen „Kotz-Komet”
Der „Vomit Comet“ (Kotz-Komet) der NASA ist legendär – und gefürchtet, je nachdem, wen man fragt. Denn der wenig schmeichelhafte Name hat einen Grund. Der Parabelflug, mit dem ein Zustand wie in der Schwerelosigkeit erreicht wird, hat schon so manchen Astronauten-Anwärter und Piloten in Ausbildung den Magen umgedreht.
Als Außenstehender kennt man die Flüge aber hauptsächlich von den lustigen Videos, die dabei entstehen. Ein Klassiker, der alle paar Monate wieder durch die sozialen Netzwerke geistert, sind etwa die Wrestling-Moves in der Mikrogravitation.
Damit auch zukünftig solche lustigen Videos entstehen (und Astronauten ausgebildet werden können), ist die NASA auf der Suche nach einem neuen Vomit Comet. Eine entsprechende Ausschreibung wurde auf dem US-Portal für Regierungsaufträge veröffentlicht.
Probleme beim jetzigen Anbieter
Die NASA will aber kein eigenes Flugzeug kaufen, sondern einen Drittanbieter anheuern. Das hat sich bisher bewährt: Seit den 2000er-Jahren hat das Unternehmen Zero-G für die NASA und andere Regierungsorganisationen Parabelflüge durchgeführt. Sie wurden auch Privatkunden angeboten. Ab 8.900 US-Dollar pro Ticket konnte man innerhalb eines 100-minütigen Flugs 12-mal Schwerelosigkeit, 2-mal die simulierte Mond-Anziehungskraft und einmal die Mars-Anziehungskraft erleben. Die Phasen dauerten jeweils bis zu 30 Sekunden.
Für die Flüge wurde eine umgebaute Boeing 727-227F Advanced genutzt, die „G-Force One“ genannt wurde. Jeder Parabelflug startete mit einem 45-Grad-Anstieg von 7.000 Metern auf 9.800 Metern Höhe, gefolgt von einem Sinkflug mit 30 Grad. Zum Vergleich: Typische Passagiermaschinen erreichen beim Start meist um die 15 Grad, für einen bequemen Sinkflug werden 3 Grad angestrebt.
In den vergangenen Jahren war die Partnerschaft zwischen NASA und Zero-G nicht reibungslos. 2020 stellte Zero-G, aufgrund der Covid-Pandemie, den Betrieb ein. 2022 musste die G-Force One lange am Boden bleiben, wegen nicht näher erklärten technischen Problemen. Aktuell fliegt Zero-G wieder nicht und nennt „routinemäßige Wartungen“ als Grund.
Doch es gibt noch ein anderes Problem: Offiziell wurde Zero-G von Everts Air Cargo betrieben. Im August 2025 hat Everts dem Unternehmen den Zugriff auf seine Zertifikate untersagt, kurz nachdem Zero-G den 10.000 Parabelflug absolviert hatte. Seitdem hat es keinen Flugbetrieb mehr gegeben und auch auf den Social-Media-Kanälen von Zero-G gibt es keine Updates.
Selbst, wenn dieses Problem gelöst wird und die G-Force One wieder fliegen darf, scheinen weitere Ausfälle vorprogrammiert zu sein. Die Boeing 727 wird nämlich seit 1984 nicht mehr hergestellt. Inklusive der G-Force One sind nur noch 13 Stück im kommerziellen Einsatz. Das bedeutet, dass die Ersatzteile knapp werden und auch die Maschinen, die man noch dafür ausschlachten könnte.
G-Force One
© NASA
Anforderungen an den neuen Kotz-Komet
Für den künftigen Anbieter von Parabelflügen hat die NASA folgende Anforderungen:
- Mindestens 2 Parabelmanöver pro Flug
- Simulation von verschiedenen Zuständen, inklusive Schwerelosigkeit, Mond- und Marsgravitation
- Mindestens 10 Sekunden Länge für die Simulationen, bevorzugt 30 Sekunden
Die NASA betont, dass man offen für neue Ansätze ist. So müssten die Flüge nicht zwingend mit umgebauten Passagiermaschinen erfolgen, sondern könnten auch mit Privat-Jets, experimentellen Flugzeugen, Überschall-Maschinen oder autonomen Systemen erfolgen. Letztere seien aber eher für wissenschaftliche Experimente gedacht. Die meisten Flüge werden laut der NASA eine menschliche Betreuung erfordern.
➤ Mehr lesen: Astronautin erklärt, wie gefährlich ein Weltraumspaziergang ist
Zudem wünscht sich die NASA, dass in einigen Fällen die Länge der Mikrogravitation maximiert werden kann, zu Kosten der Genauigkeit der Simulation. Soll heißen: Für bestimmte Passagiere und Ausbildungsszenarien ist es wichtiger, möglichst lange einen schwerelos-ähnlichen Zustand aufrecht zu erhalten, anstatt z.B. präzise die Anziehungskraft des Mondes nachzubilden.
Weitere Anbieter
In den USA ist Zero-G derzeit der einzig kommerzielle Anbieter von Parabelflügen. In Frankreich bietet Novaspace solche Flüge mit einer Airbus A310 an (ab 7.500 Euro).
Das britische Start-up Blue Abyss will eine modifizierte Boeing 757 nutzen. Im Vorjahr hat es eine Expansion in die USA angekündigt und eine Partnerschaft mit der NASA. Blue Abyss ist also ein heißer Kandidat dafür, der nächste Kotz-Komet der NASA zu werden.
So stellt sich Blue Abyss seinen Vomit Comet vor
© Blue Abyss
Es wäre denkbar, dass sich reguläre Airlines bewerben, bzw. für die NASA ein Spin-off gründen könnten. Für das Musikvideo von „Upside Down & Inside Out“ hat sich die Band OK Go etwa mit der russischen Fluglinie S7 Airlines zusammengetan. S7 bietet aber keine kommerziellen Parabelflüge an, sondern trat eigentlich nur als Sponsor auf.
Bei den insgesamt 21 Flügen mussten sich Mitglieder der Band und Crew insgesamt 58-mal übergeben. Für die Dreharbeiten wurde eine Ilyushin Il-76 MDK genutzt, die auch die russische Weltraumagentur Roskosmos für die Kosmonauten-Ausbildung verwendet.
NASA begann in den 1950er-Jahren mit Parabelflügen
Die ersten NASA-Astronauten trainierten Ende der 1950er-Jahre mit Parabelflügen. Das erste Flugzeug dafür war eine Convair C-131 Samaritan. Sie war auch die erste, die den Spitznamen Vomit Comet bekam.
Die Propellermaschine war eigentlich für den VIP-Transport und für Krankentransporte der US-Streitkräfte gedacht. Die Flüge wurden zuerst von der Air Force durchgeführt, die NASA übernahm das Programm im Jahr 1973.
Convair C-131 Samaritan der NASA
© U.S. National Archives and Records Administration
Von 1973 bis 1995 wurde eine umgebaute Boeing KC-135 Stratotanker, ein militärisches Tankflugzeug, für die Parabelflüge verwendet. Eine zweite KC-135 kam bis 2004 zum Einsatz. In ihr wurden u.a. Szenen für den Film „Apollo 13“ gedreht.
2005 kaufte die NASA eine McDonnell Douglas C-9B Skytrain II, um das Programm fortzusetzen. Wegen technischer Probleme mit der C-9B, stellte die NASA ihr Parabelflug-Programm im Juli 2014 ein.
NASA McDonnell Douglas C-9
© NASA
Da man schon seit 2008 mit Zero-G kooperierte, entschied sich die NASA voll auf das private Unternehmen zu setzen. Zuletzt wurde 2021 der Vertrag für 5 Jahre verlängert, mit einem Auftragsvolumen von bis zu 7,5 Millionen US-Dollar.