Meinung

Zu Fuß ins Stadion? Wie unamerikanisch!

Eine Fußball-Weltmeisterschaft ist immer auch wissenschaftlich interessant: Unterschiedliche Kulturen treffen aufeinander, in einem riesengroßen Live-Experiment kann man beobachten, wie gegensätzliche Lebenskonzepte miteinander kollidieren. So wird derzeit in sozialen Medien immer wieder von US-Amerikanern berichtet, die sich über das völlig unerklärliche Verhalten europäischer Fußballfans wundern: Diese verrückten Europäer wollen zu Fuß ins Stadion gehen!

Party geht nur gemeinsam

Aus europäischer Sicht ist die Sache einfach: Man sieht auf Google Maps nach, wie weit die Distanz vom Hotel zum Fußballstadion ist, und wenn es nur wenige Kilometer sind, dann spaziert man gemeinsam hin. Singend und fahnenschwingend, mit ausreichend Bier im Gepäck. Es ist ein wichtiger Teil der Fankultur.

Aber in ein US-amerikanisches Umfeld passt das genauso gut wie der Wunsch nach einer zünftigen Schneeballschlacht in die arabische Wüste. Nein, weit ist es nicht. Aber zu Fuß gehen ist keine Option. Zum Stadion führen Highways, keine Gehsteige. Brücken? Unterführungen? Wieso sollte es so etwas geben! Amerikanische Städte sind für Autos gebaut, nicht für seltsame europäische Lebewesen aus Fleisch und Blut.

Besonders im MetLife-Stadion in New Jersey, wo auch das diesjährige WM-Finale ausgetragen wird, führt das zu Irritationen: Es liegt ganz nah am Zentrum von New York City. Aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren und dann zu Fuß gehen? Um Himmels Willen! Was sind das für groteske Ideen! Mit demselben mitleidig-überheblichen Kopfschütteln, mit dem ein australischer Tour-Guide Touristen stoppt, die im krokodilverseuchten Fluss baden wollen, wird europäische Fußballfans klargemacht: Nein, zu Fuß gehen ist hier nicht vorgesehen. Ende der Debatte. Stattdessen kann man Uber fahren – zu Fantasiepreisen allerdings, an WM-Spieltagen vervielfachen sich die Tarife.

Der Mensch ist ein Wandertier

Evolutionsbiologisch betrachtet ist das interessant – denn was zeichnet den Menschen eigentlich von Natur aus körperlich aus? Wir sind keine Sprinter wie der Gepard. Wir können keine fast senkrechten Felswände hochlaufen wie eine Bergziege. Wir können aber ziemlich weit gehen. Unsere Vorfahren verfolgten Beutetiere, bis das Tier nicht mehr weiterkonnte. Wir wandern auf Berge, einfach so zum Spaß. Wir Menschen sind Langstreckenspezialisten.

Nun bedeutet natürlich die Tatsache, dass sich etwas evolutionär entwickelt hat, natürlich nicht, dass es gut ist. Es ist genau unsere Stärke als intelligente Wesen, uns nicht von unserer Evolution diktieren zu lassen. Aber interessant ist es schon, dass wir innerhalb weniger Generationen aus unserer evolutionären Stärke der Langstreckenfähigkeit eine kulturelle Totalabhängigkeit vom Auto gemacht haben.

Wir haben ein künstliches Lebewesen aus Metall geschaffen, das mit fossilen Brennstoffen gefüttert werden muss, und haben uns auf eine Symbiose mit ihm eingelassen. Dieser Symbiose opfern wir unfassbar viel: Gewaltige Mengen an Arbeitszeit, um das Geld für Kauf und Unterhalt unseres Blechsymbionten zu verdienen. Unsere direkte Umgebung haben wir in den letzten hundert Jahren völlig umgebaut, um sie an unsere Blechsymbionten anzupassen, die sich am besten auf glatten Asphaltoberflächen bewegen. In den USA wurden ganze Stadtzentren abgerissen, um Parkplätze zu bekommen.

Die Verkehrswissenschaft kritisiert das schon seit Jahrzehnten: Wir identifizieren uns mit unserem Blechsymbionten so sehr, dass wir für ihn auf Dinge verzichten, die uns als Menschen eigentlich Spaß machen würden. Auf gemeinsame Partyumzüge zum Stadion zum Beispiel. Oder auf die Möglichkeit, Kinder auf der Straße spielen zu lassen. Oder auf kühlendes Grün, wo heute alles zugeparkt ist. Vielleicht sollten wir wieder etwas mehr auf uns selbst achten. Das Auto freut sich nicht einmal, wenn wir ihm unseren Spaß opfern.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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