Science

Autoantikörper für schwere Covid-19-Verläufe verantwortlich

Das weltweit größte Covid-Forschungskonsortium, das Covid human genetic effort (COVIDhge), hat gezeigt, dass bestimmte Autoantikörper für eine größere Anzahl schwerer Covid-19-Verläufe verantwortlich sind, als bisher angenommen. Mehr als zehn Prozent der untersuchten schweren Fälle wiesen fehlgeleitete Antikörper auf, die nicht das Virus, sondern das Immunsystem attackierten, so Ivan Tancevski, Lungenfacharzt an der Universitätsklinik für Innere Medizin II.

Tancevski ist seit Herbst vergangenen Jahres einer von rund 120 internationalen Expert*innen, die sich im Rahmen des COVIDhge-Konsortiums wöchentlich über den aktuellen Forschungsstand austauschen. Der Forschungsverbund, der vom preisgekrönten Jean-Laurent Casanova (u.a. Träger des Ilse und Helmut Wachter Preises) von der Rockefeller University in New York geleitet wird, treibt derzeit rund 15 Projekte voran, berichtete Tancevski, der an der von Günter Weiss geleiteten Universitätsklinik für Innere Medizin II tätig ist.

Suche nach Ursachen

Unter anderem suchen die Experten nach genetischen Ursachen für schwere Verläufe. "Auch junge Personen ohne Vorerkrankungen können schwer an Covid-19 erkranken. Männer, ältere Menschen und jene, die bestimmte Risikofaktoren aufweisen, sind tendenziell häufiger betroffen", verwies der Innsbrucker Arzt auf bekannte Daten zu schweren Verläufen.

Im Oktober vergangenen Jahres habe Konsortiumsleiter Casanova entdeckt, dass manche schwer an Corona erkrankte Menschen bestimmte Autoantikörper besitzen, die die Immunantwort negativ beeinflussten, erinnerte sich der Lungenfacharzt. In den neuesten Untersuchungen des COVIDhge zeigte sich, dass dies vor allem bei Menschen über 70 und Männern der Fall sei. "Womöglich eine Teilerklärung, warum diese Personengruppen häufiger schwerer erkranken", schlussfolgerte Tancevski.

Was im Körper passiert

Diese Autoantikörper, die laut dem Experten rund 0,3 Prozent der Gesamtbevölkerung in sich tragen, blockieren sogenannte Interferone im Körper, die beim Schutz gegen Viren beteiligt sind. "Interferone werden von bestimmten Zellen in der Lunge auf Virusreize hin produziert. Sie greifen nicht direkt das Virus an, sondern geben Signale an andere Lungenzellen ab, sodass diese eine Vermehrung und Übertragung des Virus verhindern", erläuterte Tancevski.

Bei Patient*innen mit Antikörpern gegen Interferone funktioniere das Immunsystem also nicht mehr richtig, auch sei deren Interferonspiegel während der akuten Erkrankung deutlich erniedrigt gewesen, ließ der Mediziner wissen, der gemeinsam mit seiner PhD-Studentin Sabina Sahanic als Co-Autor bei der Studie mitgewirkt hat.

Über 1.000 Proben Schwererkrankter aus der ganzen Welt wurden im Zuge dieser Studie untersucht, die Kontrollgruppe umfasste 35.000 gesunde Personen. "Über 20 Prozent der Über-80-Jährigen wiesen besagte Autoantikörper auf", zitierte Tancevski die Ergebnisse. Die Studie laufe weiter, bald sollen auch rund 200 Blutproben aus Innsbruck mitberücksichtigt werden, die kürzlich übermittelt wurden.

Wie man das Wissen nutzen könnte

Die neuen Erkenntnisse hätten sowohl Auswirkungen auf die klinische Therapie schwer erkrankter Corona-Patienten, als auch auf die Impfpriorisierung, betonte der Lungenfacharzt. So sei anzudenken, dass bei der Neuaufnahme Coronakranker ein Screening durchgeführt werde, um herauszufinden, ob die Person jenen Autoantikörper in sich trägt. "Damit würde ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf einhergehen und man könne entsprechend frühzeitig reagieren", so der Wissenschafter.

Diese Messung sei einfach durchzuführen, dafür nötige Instrumentarien könne man rasch in bestehende Labors einbauen, meinte Tancevski. Schwer erkrankten Patienten mit Autoantikörpern könnte man zusätzlich zu einer Steroidtherapie gegebenenfalls Interferone oder neutralisierende Antikörper gegen SARS 2 verabreichen. Bei der Impfung sollten Menschen, die den Antikörper in sich tragen, zur Risikogruppe gezählt werden, zitierte Tancevski die Meinung des COVIDhge Konsortiums. "Man müsste diese nun auch beim dritten Stich priorisieren", fand er.

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