Textilarbeiterinnen filmen ihre Tätigkeit mit Kamera.

Textilarbeiterinnen filmen ihre Tätigkeit mit Kamera.

© APA/AFP/R.SATISH BABU
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Digital Life

Arbeiter müssen Kameras tragen, damit Roboter ihre Jobs übernehmen können

Indien ist ein wichtiger Baumwoll- und Textilproduzent. Aber auch viele andere Produkte wie Chemikalien, Fahrzeuge und Elektronikkomponenten werden dort hergestellt. Einige Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter erleben in dem südasiatischen Land derzeit aber Ungewöhnliches, wie eine Recherche des Guardian zeigt. Sie müssen sich der Reihe nach aufstellen und Kameras aufsetzen, mit denen sie sich selbst bei der Arbeit filmen. Warum, werde ihnen nicht erklärt.

Hinter der Video-Offensive stecken Begehrlichkeiten von KI-Firmen, die die Aufnahmen von handarbeitsintensiven Tätigkeiten für das Training von KI-Modellen nutzen. Diese Programme sollen künftig Roboter antreiben, die menschliche Arbeitskräfte ersetzen. In der Tech-Welt ist um diese Idee, die oft „Physical AI“ genannt wird, ein regelrechter Hype entstanden.

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Tesla ist einer der größten Kunden

Die Videos, die die Textilarbeiterinnen aufnehmen, gehen dann an eine Firma namens EgoLab. Einer der größten Kunden ist Tesla. Denn Elon Musks Autofirma setzt stark auf Physical AI und hat ihre Unternehmenspläne im Vorjahr entsprechend verändert: Statt E-Autos soll Tesla künftig Roboter produzieren.

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Nicht nur in Textilfabriken schnallen sich Arbeiterinnen und Arbeiter GoPros oder sogar ganze Smartphones um den Kopf, während sie geübt händische Tätigkeiten für einen geringen Lohn ausführen. Auch in anderen Produktionsstätten tragen Leute Kameras am Kopf – nicht immer passiert das so unfreiwillig wie im vom Guardian recherchierten Fall.

Eine Frau mit einem am Kopf befestigten Smartphone schält konzentriert eine Mango.

Eine Frau in Indien filmt sich selbst beim Kochen. Die Aufnahmen fließen ins KI-Training.

Indien hat sich zu einem der wichtigsten Beschaffungsmärkte der Daten für KI-Training entwickelt. „Südasien ist nach wie vor die Werkstatt der Welt für viele arbeitsintensive Branchen“, erklärte Puneet Jindal von Labellerr AI dem Guardian. „Wenn man einem Roboter beibringen will, wie Menschen arbeiten, gibt es nur wenige Orte, die dieselbe Kombination aus Umfang, Vielfalt und Dichte menschlicher Arbeitskräfte bieten wie Indien.“ Abgesehen von Indien sind weitere bedeutende Märkte für die Erstellung des Trainingsmaterials die Philippinen, Osteuropa, Lateinamerika und Kenia.

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Schweißer, Maurer und Putzkräfte filmen mit

Im Netz findet man zahlreiche Angebote von Unternehmen, die KI-Entwicklern solche Daten verkaufen wollen. Diese „egozentrischen Daten“ bietet etwa ein Anbieter namens Egodata an. Zur Produktpalette zählen KI-gerechte Videos von Schweißarbeiten, aus Chemie- und Textilfabriken oder von Maurer- und Hausarbeiten. Neben annotierten – also von Menschen beschrifteten und gelabelten Videos – gibt es auch mit Sensoren aufgezeichnete Temperatur- und Trackingdaten zu kaufen.

Die Annotierung übernehmen ebenfalls indische Arbeiterinnen und Arbeiter. Auch Egodata verkauft die Aufnahmen annotiert - also mit hinzugefügten Labels und Erklärungen, was in den Videos zu sehen ist. Für Unternehmen wie Tesla, die den Robotermarkt der Zukunft beherrschen wollen, sind die annotierten Vidos und Daten aus Indien Gold wert.

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Laut dem indischen Beratungsunternehmen Han Digital bedient das südasiatische Land derzeit rund 35 Prozent des globalen Daten-Annotations-Markts. Und er soll weiter wachsen: „Die entscheidende Frage im Jahr 2026 ist nicht, ob Indien für die globale KI von Bedeutung ist. Vielmehr geht es darum, ob Indien – und die darin tätigen Organisationen – das volle strategische Gewicht der Rolle, die es bereits einnimmt, versteht“, sagt Han Digital.

Unbezahlte Videografen

Die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken, die die Videos aufnehmen, verstehen die langfristigen Pläne dahinter wahrscheinlich nicht immer. Ihnen wird teilweise nicht einmal erklärt, was die Kameras am Kopf bewirken. Viele fühlen sich überwacht und Gespräche am Nähtisch seien nicht mehr so ungezwungen. Eine finanzielle Kompensation erhielten Arbeiterinnen und Arbeiter in einer Textilfabrik, die der Guardian besuchte, auch nicht. In dem Fall schob die Datensammel-Firma die Schuld auf die Fabrikbesitzer, die sehr wohl Geld dafür erhalten.

Mann mit Stirnlampe hält ein Robotergerät über einem Waschbecken im kleinen Bad.

Auch bei Hau

Menschen schaffen Trainingsmaterial

Physical AI steht noch ganz am Anfang, während seit dem Aufkommen von KI-Chatbots wie ChatGPT hitzige Debatten und Rechtsstreitigkeiten rund um verletzte Urheberrechte entstanden sind. Im Grunde ist die Situation aber vergleichbar: Wie die Bücher von Schriftstellern, die KI-Firmen unerlaubt für das Training von KI-Modellen nutzten, werden indischen Arbeiterinnen und Arbeitern jetzt Kameras aufgesetzt. Einige von ihnen werden dafür nicht bezahlt. Die Unternehmen verfolgen das Ziel, sie mit Robotern zu ersetzen.

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KI wäre ohne die kollektive Leistung vieler Menschen nie möglich geworden. Aktivisten wie der US-Senator Bernie Sanders fordern daher, dass die erwirtschafteten Profite der Allgemeinheit zugutekommen sollten. „KI basiert auf menschlichem Wissen, auf der Arbeit von Millionen von Menschen. Jeder Tweet, jede E-Mail, jeder Artikel – all das ist Teil von KI. Die Amerikaner sollten das Schlechte stoppen und gleichzeitig von den finanziellen Vorteilen der KI profitieren“, sagte Sanders kürzlich. „Ich bin kein Technikfeind. Ich glaube, dass KI sehr viel Gutes bewirken kann“, meinte er. „Das Ziel ist, dass KI für normale Menschen funktioniert, nicht nur für Herrn Musk und andere Multimilliardäre.“

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Jana Unterrainer

Interessiert sich nicht nur dafür, was Technologie kann, sondern auch was sie mit uns macht. Sie schreibt am liebsten über KI, Digitale Trends und Wissenschaft.

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