Symbolbild
Die Rückkehr der Eugenik – verkleidet als Wissenschaft
Der Epstein-Skandal ist eine Schande für die ganze Menschheit. Würden uns technisch überlegene Aliens beobachten, um herauszufinden, ob unser Verhalten geeignet ist, um uns in die galaktische Föderation aufzunehmen – an dieser Stelle hätten wir wohl endgültig verloren. Unsere Spezies hat sich selbst gesellschaftliche Regeln verpasst, die es Individuen mit letztklassiger Moral ermöglichen, in allerhöchste Positionen zu gelangen. Das ist nicht nur ein Problem dieser Individuen und ihrer Opfer, es ist ein Systemversagen.
Man muss leider ganz offen zugeben: Die Wissenschafts-Community ist daran nicht unschuldig. In den Epstein-Kreisen bewegten sich auffallend viele weltbekannte Wissenschafter (Gendersprache ist an dieser Stelle nicht nötig). Das ist kein Zufall, sondern ein Symptom einer Entwicklung, die in den vergangenen Jahren oft sichtbar wurde: Wissenschaftliche Autorität wird genutzt, um verquere Ideologien mit dem Anschein wissenschaftlicher Unausweichlichkeit auszustatten.
Epsteins Gene
Epstein schien begeistert gewesen zu sein von der Vorstellung, die Menschheit genetisch zu „verbessern“. Was „verbessern“ in diesem Zusammenhang heißen könnte, ist wissenschaftlich schwer zu fassen. Reden wir von einer Reduktion von Erbkrankheiten? Von der Förderung genetischer Vielfalt in einer Menschheit, die genetisch gesehen für die hohe Bevölkerungszahl eigentlich erstaunlich homogen ist?
Nein, es geht um ganz andere Dinge: Es gibt Berichte, dass Epstein in seiner Ranch in New Mexico möglichst viele Kinder mit möglichst vielen Frauen produzieren wollte. Es gibt E-Mail-Korrespondenz zwischen Epstein und bekannten Wissenschaftern über die Frage, ob man dunkelhäutige Menschen genetisch „verbessern“ könnte, um sie klüger zu machen. Das wirklich Schockierende daran: Die Wissenschafter antworteten freundlich und abwägend, anstatt ihm in harten Worten zu erklären, dass er von Genetik offensichtlich keine Ahnung hat und angeekelt den Kontakt mit ihm abzubrechen.
Wissenschaftlich motivierter Rassismus
Diese Gedankenwelt ist nicht neu. Schon 1994 erschien das Buch „The Bell Curve“, das mit scheinbar rationalen, wissenschaftlichen Statistiken die These vertrat, dass viele gesellschaftliche Probleme bloß daher kämen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen einfach weniger klug seien. Aufbauend auf solchen Gedanken schlug der britische Autor Toby Young das Konzept der „progressiven Eugenik“ vor: Bestimmte Personengruppen mit „positiven Eigenschaften“ sollten dazu gebracht werden, mehr Kinder zu bekommen. Das klingt viel sympathischer als die Eugenik der Nazis, mit Zwangssterilisierungen und Gewalt – und genau deshalb wurden solche Gedanken salonfähig, bis in höchste Kreise.
Das Perfide an solchen Thesen ist gerade, dass sie oberflächlich betrachtet rational und freundlich wirken: „Wenn unintelligente Menschen ein Kind bekommen wollen, ist es dann nicht unsere Pflicht, durch Gen-Screening dafür zu sorgen, einen Embryo auszutragen, der höhere Intelligenz verspricht? Können wir mit gezielter Genmanipulation ein bisschen nachhelfen?“
Die Erfolgreichen definieren, wer erfolgreich sein darf
Das klingt nach Fairness und Gerechtigkeit, ist aber das Gegenteil davon. Es zementiert die Vorstellung, komplexe Eigenschaften wie Intelligenz, Moral, oder gar die Fähigkeit ein „gutes Leben“ zu führen, seien genetisch definierbar – was aber einfach nicht stimmt. Es verbreitet den Gedanken, Armut oder mangelnder Erfolg seien genetisch vorgegeben – was purer Unsinn ist. Daraus leitet man dann ab, man müsse die Gesellschaft nicht ändern, der Fehler läge nicht in sozialer Ungerechtigkeit, sondern in der DNA des Menschen, der es nicht geschafft hat, Millionär zu werden. Ihn muss man umbauen, umprogrammieren, korrigieren – nach einem Plan, der von oben vorgegeben wird. Von den Epsteins dieser Welt, die ihre Gene für offensichtlich überlegen halten.
Wenn die Gene an allem schuld sind, dann ist Kampf für Gerechtigkeit nicht nötig, denn dann verdienen erfolglose Leute ja gar keinen Erfolg. Dein Kontostand ist doch nur eine Manifestation deiner unzureichenden DNA! Wissenschaftlich motivierte Eugenik heißt: Menschen, die von den Strukturen unserer Gesellschaft ganz nach oben gespült wurden, erklären ihre eigenen Eigenschaften für überlegen. Die Überlegenheit begründet man mit der Beobachtung, dass sie es an die Spitze der Gesellschaft geschafft haben. Ein logischer Zirkelschluss.
Nichts an all dem ist wissenschaftlich haltbar, rational durchdacht oder moralisch akzeptabel. Es ist auf allen Ebenen falsch. Wir dürfen uns nicht davon blenden lassen, dass solche Leute mit wissenschaftlich klingenden Worten argumentieren. Solche Thesen sind Auswüchse einer Gesellschaft, die ein ernstes Problem hat: Wir brauchen in höchsten, einflussreichsten Kreisen Leute, die nicht nur Wissenschaft verstehen, sondern auch ein bisschen Herzensbildung haben.
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