Erfinder des USB-Sticks: „Intel hat gelitten, aber die Welt hat profitiert“
Wenn man in den 1990er-Jahren irgendwelche Daten von einem Computer auf einen anderen übertragen wollte, war man in erster Linie auf unhandliche Disketten angewiesen, die nur wenig Speicherplatz hatten.
Das änderte sich schlagartig, als die ersten USB-Sticks in Erscheinung traten. Die Datenübertragung war nicht nur einfacher, sondern durch den „Flash Memory“ stand dort auch deutlich mehr Speicherplatz zur Verfügung.
Als Erfinder des USB-Sticks gilt unter anderem Dov Moran. Er hat mit seinem Unternehmen M-Systems im Jahr 1999 ein entsprechendes Patent eingereicht. Später entwickelte Moran ein modulares Mobiltelefon und verkaufte die Patente an Google. Mittlerweile ist er hauptsächlich als Investor tätig.
Wir haben den Erfinder des USB-Sticks am Rande der Veranstaltung „Restart Innovation Vienna“ getroffen, wo sich Investoren, Unternehmer, Technologieexperten und politische Entscheidungsträger aus Österreich und Israel treffen, vernetzen und austauschen.
Im futurezone-Interview spricht Dov Moran über seine Erfindungen, die Rolle von Hardware und KI und gibt einen Ausblick in die Zukunft.
Dov Moran bei der Veranstaltung "Restart Innovation Vienna"
© photonews.at / Georges Schneider
futurezone: Sie gelten weltweit als Erfinder des USB-Sticks. Nutzen Sie selbst heute noch USB-Sticks?
Dov Moran: Nur noch sehr selten. Tatsächlich habe ich dazu eine ganz aktuelle Geschichte. Vor wenigen Tagen wurde ich gebeten, eine Präsentation für die heutige Veranstaltung bereitzustellen. Heute in der Früh fiel mir wieder ein, dass ich die Präsentation noch übergeben musste. Also suchte ich in meiner Tasche nach einem USB-Stick, suchte den passenden Adapter für mein MacBook und kopierte die Datei darauf. Als ich hier ankam und die Präsentation abgeben wollte, sagte man mir: „Nicht nötig. Ihre Sekretärin hat die Datei bereits über die Cloud geschickt.“
Das zeigt eigentlich alles. Cloud-Dienste sind heute so zuverlässig und komfortabel geworden, dass USB-Sticks ihre Bedeutung weitgehend verloren haben. Sie gehören zur Technologiegeschichte.
Die Menschen verbinden Ihren Namen sofort mit dem USB-Stick. Sie haben aber in Ihrer Zeit bei M-Systems noch viele andere Sachen entwickelt.
Als ich den USB-Stick entwickelte, war ich CEO von M-Systems. Dort arbeiteten wir an mehreren bedeutenden Technologien. Wir haben damals beispielsweise die ersten Solid-State-Drives (SSDs) auf den Markt gebracht. Unsere wichtigste Innovation war jedoch eine Technologie, die es Geräten ermöglichte, Code direkt aus dem sogenannten NAND-Flash-Speicher auszuführen.
Damals gab es 2 Arten von Flash-Speichern: NOR-Flash für Programmcode und NAND-Flash für Daten. Code direkt von NAND-Flash zu starten, war technisch äußerst anspruchsvoll. Diese Entwicklung wurde später zum Industriestandard. Praktisch jedes Smartphone nutzt heute Konzepte, die auf dieser Technologie basieren. Ehrlich gesagt halte ich diese Innovation für bedeutender als den USB-Stick selbst – auch wenn sie deutlich weniger bekannt ist.
Dov Moran bei der Veranstaltung "Restart Innovation Vienna"
© photonews.at / Georges Schneider
Wieso war diese Entwicklung so bedeutend?
Damals wurde von der Industrie hauptsächlich der teure NOR-Flash genutzt, während NAND nur für reine Datenspeicherung gedacht war. Wir haben einen cleveren Weg gefunden, diese Welten zu vereinen. Um Ihnen die Größenordnung zu verdeutlichen: Um das Jahr 2000 herum hatte Intel ein riesiges Geschäft mit NOR-Flash-Speichern, das über 2 Milliarden Dollar Umsatz generierte.
Wegen unserer Erfindung ist dieses gesamte Geschäft vernichtet worden. Manche Leute sagen vielleicht, ich sei ein böser Kerl, weil ich dieses Geschäftsfeld von Intel zerstört habe. Aber sie haben es verdient! Am Ende haben wir dadurch bei der Produktion jedes einzelnen Smartphones weltweit bares Geld eingespart. Intel hat gelitten, aber die Welt hat davon profitiert.
Heute sind Sie vor allem Investor. Woran arbeiten Sie derzeit?
Ich bin Managing Partner eines der führenden israelischen Deep-Tech-Venture-Capital-Fonds namens Grove Ventures. Wir investieren in Unternehmen, die komplexe technologische Probleme lösen und echte Innovationen hervorbringen. In unserem Portfolio befinden sich mehr als 40 Unternehmen. Jedes davon entwickelt eine einzigartige Technologie.
Vor Kurzem habe ich außerdem innerhalb unseres Fonds ein neues Unternehmen gegründet, das sich mit der Entwicklung von Halbleitern beschäftigt. Ich glaube, dass diese Technologie das Potenzial hat, die Entwicklung von Chips grundlegend zu verändern. Gerade im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz wird die Bedeutung leistungsfähiger Halbleiter und Infrastruktur weiter zunehmen.
Dov Moran bei der Veranstaltung "Restart Innovation Vienna"
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Erlebt Hardware also ein Comeback?
Ganz eindeutig. Technologie entwickelt sich in Zyklen. In den vergangenen 10 bis 15 Jahren lag der Fokus stark auf Software. Jetzt stoßen wir an infrastrukturelle Grenzen. KI benötigt enorme Rechenleistung, Speicher und Energie. Deshalb gewinnen Deep-Tech-Bereiche wie Halbleiter, Energie, Quantencomputing, Infrastruktur und Raumfahrt wieder massiv an Bedeutung. Das bedeutet nicht, dass Software verschwindet. Software wird immer wichtig bleiben. Aber der Schwerpunkt der Innovation verschiebt sich erneut.
Viele Menschen sprechen längst von einer KI-Blase. Sehen Sie das ähnlich?
Die interessante Frage ist vielmehr, wo derzeit tatsächlich Geld verdient wird. Viele Softwareunternehmen, die heute KI entwickeln, schreiben riesige Verluste. Profitabel sind vor allem NVIDIA, TSMC und die Betreiber großer Rechenzentren. Das zeigt, dass wir nach einer langen Phase der Software-Dominanz wieder in einen Hardware-Zyklus eintreten. Ich halte KI für absolut real. Sie wird das Leben aller Menschen verändern.
Haben Sie ein Beispiel?
Meine Tochter ist Gynäkologin. Sie hat viele Jahre studiert und sich anschließend weiter spezialisiert. Trotzdem basiert medizinisches Wissen immer noch stark auf persönlicher Erfahrung und dem Wissen früherer Generationen. KI verändert das grundlegend. Statt aus einigen Hundert Fällen zu lernen, kann ein KI-System künftig auf Millionen von Patientendaten aus aller Welt zugreifen. Es kann Behandlungsergebnisse vergleichen, Zusammenhänge erkennen und Ärzte bei Entscheidungen unterstützen.
Außerdem wird KI die medizinische Forschung beschleunigen, neue Einsatzmöglichkeiten bestehender Medikamente entdecken und Wissen weltweit viel schneller verbreiten. Ich glaube auch, dass künftig deutlich mehr Patienten zu Hause behandelt und überwacht werden – mithilfe von Sensoren und vernetzten medizinischen Geräten. Krankenhäuser werden sich stärker auf wirklich schwere Fälle konzentrieren.
Dov Moran bei der Veranstaltung "Restart Innovation Vienna"
© photonews.at / Georges Schneider
Sie haben mit Modu ein Unternehmen aufgebaut, dessen Patente später an Google verkauft wurden und dort im „Project Ara“ aufgegangen sind. Was ist damals passiert?
Modu sollte ein modulares Smartphone entwickeln. Die Idee war faszinierend, aber wir sind gescheitert. Also verkaufte ich die Patente an Google. Google versuchte es und scheiterte ebenfalls. Sie verkauften die Patente schließlich an Andy Rubin, den Schöpfer von Android. Und wissen Sie was? Er scheiterte auch.
Der Grund ist einfach: Die Technologie ist extrem schwierig umzusetzen. Es gibt enorme Herausforderungen bei Stromversorgung, Kommunikation, Verbindungen und mechanischer Stabilität. Damit ein modulares Telefon reibungslos funktioniert, müssen massive Probleme bei Signalinterferenzen, zuverlässigen Magnetverbindungen und ultraschneller drahtloser interner Kommunikation gelöst werden.
Manchmal ist eine Idee einfach ihrer Zeit voraus. In Zukunft wird man diese technischen Herausforderungen wahrscheinlich lösen können.
Nochmal zurück zu den USB-Sticks: Sehen Sie also absolut keine Zukunft mehr für physische, tragbare Speicherlaufwerke?
Keine. Aber genau so soll Technologie ja auch funktionieren. Es ist wie beim Hausbau: Man gießt das Fundament, baut das erste Stockwerk und setzt dann das zweite darauf. Der USB-Stick war eine notwendige Stufe auf dieser Leiter. Schritt „A“ ermöglicht erst Schritt „B“, und der führt zu „C“. So funktioniert Fortschritt. Ich bin stolz auf meinen kleinen Beitrag zur Tech-Geschichte, aber ich bin viel mehr an dem interessiert, was als Nächstes kommt.
Was kommt denn als Nächstes?
Das Schöne an der Technologie ist, dass wir wissen, dass unglaubliche Dinge kommen werden – selbst wenn wir nicht genau vorhersagen können, wie sie aussehen. Letztendlich muss das Ziel jeder Innovation sein, eine bessere Welt zu bauen: Armut zu reduzieren, den Menschen mehr Freizeit zu geben für das, was sie lieben, und das menschliche Leben lebenswerter zu machen. Das sollte der Beitrag von jedem von uns sein.
Zur Person
Dov Moran ist 1955 in Israel geboren. Er ist einer der bekanntesten und profiliertesten Technologie-Pioniere des Landes.
Weltweite Bekanntheit erlangte er als Erfinder des USB-Sticks (USB-Flash-Laufwerk). Als Gründer und langjähriger CEO von M-Systems prägte er die Entwicklung moderner Speichermedien maßgeblich: Neben den marktweit ersten Solid-State-Drives (SSDs) entwickelte sein Unternehmen die bahnbrechende Technologie, Code direkt aus NAND-Flash-Speichern zu booten. Diese Innovation senkte die Produktionskosten von Mobiltelefonen entscheidend und wurde zum globalen Industriestandard.
Später gründete Moran das Unternehmen Modu, das mit dem Konzept modularer Mobiltelefone seiner Zeit voraus war; die Patente wurden in der Folge von Google übernommen. Seine Expertise im Krisenmanagement bewies er als aktiver Chairman von Tower Semiconductor, wo er das Halbleiterunternehmen erfolgreich aus einer existenziellen wirtschaftlichen Schieflage führte.
Nach dem Verkauf von M-Systems an SanDisk im Jahr 2006 gründete Moran weitere Technologieunternehmen und engagierte sich zunehmend als Investor. Heute ist er Managing Partner des israelischen Venture-Capital-Fonds Grove Ventures, der sich auf Deep-Tech-Unternehmen in Bereichen wie Halbleiter, künstliche Intelligenz, Infrastrukturtechnologien und industrielle Innovationen spezialisiert hat.