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Warum eine KI-Firma jetzt gratis Wohnungen putzt

Es klingt nach einem Traum, der endlich wahr wird: Wer in New York eine Putzkraft braucht, aber nicht das nötige Budget dafür aufbringen kann, kann sich ein solches Service gratis per App bestellen. Als Gegenleistung für die kostenlosen Reinigungsdienste darf die Firma beim Putzen filmen und die Videos zum Training von KI-Modellen nutzen.  

„Die Shift-App verbindet New Yorker mit kostenloser, vertrauenswürdiger und professioneller Haushaltshilfe“, bewirbt der Anbieter Micro AGI seine neue App. Das Unternehmen schickt seinen Kunden Reinigungskräfte, die gratis putzen. Die Putzkräfte machen das nicht aus Nächstenliebe, sondern verdienen 20 Dollar (rund 17 Euro) pro Stunde.  

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Kamera an der Kappe

„Der einzige Unterschied zwischen diesen Jungs und normalem Reinigungspersonal ist, dass sie Kameras an ihren Kappen befestigt haben, die über ein Kabel mit ihren Mobiltelefonen verbunden sind“, berichtet der BBC-Journalist Archie Mitchell nach einem Selbstversuch.  

Die bei ihm eingetroffenen Putzkräfte hätten sich dabei vor allem darauf konzentriert, „Aufgaben auszuführen, die Geschicklichkeit erfordern, um die Roboter der Zukunft im Umgang mit ihren Händen zu schulen“. Das Unternehmen sagt, dass der Gratis-Putztrupp nicht nur schrubbt und saugt, sondern auch Schuhe organisiert, Wäsche faltet, Geschirr spült und aufbettet.

Daten gegen saubere Wohnung 

Statt Geld fließen also Daten, die Micro AGI in Form der beim Putzen aufgezeichneten Videos erhält. Im Grunde ist es ein Tauschgeschäft: Wer dem Unternehmen Zugang und intime Einblicke in die eigenen 4 Wände gewährt, erhält im Gegenzug eine saubere und aufgeräumte Wohnung.

Für KI-Firmen wie Micro AGI sind Daten wohl der wichtigste Rohstoff für die Herstellung ihres Produktes. Egal ob man bei Forschern oder bei Unternehmen nachfragt, die KI-Modelle trainieren – sie alle erkundigen sich regelmäßig, ob man Daten für sie habe. Der kostenlose Wohnungsputz ist daher – obwohl nicht auf den ersten Blick ersichtlich – ein guter Deal für das KI-Unternehmen. Auch OpenAI und andere Firmen haben ihre Modelle jahrelang mit Bildern und Texten trainiert, bevor ChatGPT und Co. zum Produkt wurden.

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Grundsätzlich kann man die KI für Roboter auch im Labor trainieren. Das ist eigentlich die gängige Praxis. Dazu werden etwa Situationen wie der Abwasch von Geschirr nachgestellt, mit echten Küchenzeilen und mit Computersimulationen. Videomaterial, wie das von Shift, bietet aber den Vorteil, dass es Realbedingungen zeigt: Mal sind Waschbecken aus schwarzer Keramik, mal aus Edelstahl. In der einen Wohnung hängt ein getrockneter Fetzen über dem Wasserhahn, ein anderes Mal liegt er nass am Beckenrand. Auch die Lichtverhältnisse sind von Wohnung zu Wohnung verschieden. Die beim Gratis-Putz entstandenen Videos sind also wertvoll für Micro AGI.  

Intimste Einblicke als Risiko

Als die KI-Firma den Service ankündigte, wurden sogleich kritische Stimmen laut, die davor warnten: Man zahle immer einen Preis. Tatsächlich birgt das Service Risiken: In der Vergangenheit gab es etwa wiederholt Fälle, in denen Staubsaugerroboter intime Einblicke in die Lebensgewohnheiten ihrer Besitzer gaben.  

Im Februar erklärten z. B. Hacker, dass sie sich Fernzugriff auf die Live-Videofeeds mehrerer Robo-Sauger aus Wohnungen verschafft hatten. 2022 landeten wiederum Aufnahmen von einer Frau, die auf der Toilette sitzt, durch ein ähnliches Projekt wie jenes von Shift im Internet: Die Aufnahmen waren davor zur Annotation – also für die elektronische Beschriftung der Videos – an menschliche KI-Trainer geschickt worden. Diese posteten die intimen Bilder auf Facebook. Auch bei Shift werden die Videos von Menschen annotiert.

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Micro AGI versucht zu beruhigen: „Wir anonymisieren das Bildmaterial, verarbeiten es und lizenzieren es für das Training von KI- und Robotiksystemen.“ Allerdings werden Bilder von verschmutzten Waschbecken, vollen Abfalleimern und zerwühlten Betten auch dort auf Clouds landen und von anderen Menschen angesehen: „Die Verarbeitung umfasst auch die Weitergabe des Bildmaterials an Personen, die die Daten annotieren (also markieren und beschriften), um sie für das Training vorzubereiten. Das Material wird niemals öffentlich geteilt und niemals für Werbung verwendet.“ Aufgrund bisheriger Erfahrungen lässt sich daher nicht ausschließen, dass intime Einblicke aus dem eigenen Zuhause irgendwann ihren Weg ins Netz finden.  

Die Kunden von Micro AGI scheint das kaum zu kümmern: Die Nachfrage nach dem Gratis-Putzdienst ist auch 3 Wochen nach dem Start ungebrochen hoch. Das Unternehmen plant in Zukunft außerdem, weitere Services wie Installateur-Dienste, Kochen und sogar Bauarbeiten anzubieten.

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Jana Unterrainer

Interessiert sich nicht nur dafür, was Technologie kann, sondern auch was sie mit uns macht. Sie schreibt am liebsten über KI, Digitale Trends und Wissenschaft.

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