Die Kang Kon gibt eine "Breitseite" ab.
Nordkoreas Marine erfindet die Breitseite neu und wird zum Gespött
Die Kang Kon ist das neueste Kriegsschiff von Nordkorea. Die Fregatte hatte ihren Stapellauf im Juni 2025 und befindet sich seitdem auf Testfahrten.
Die Indienststellung dürfte unmittelbar bevorstehen, denn für den Staatsführer Kim Jong-un wurde eine Demonstration der Feuerkraft abgehalten. Der dürfte zufrieden gewesen sein, zumindest ist ein dicker Grinser unter seinem Stroh-Sonnenhut zu sehen.
Kim Jong-Un ist happy.
© APA/AFP/KCNA VIA KNS/STR / STR
Tatsächlich sieht der Abschuss der 12 Marschflugkörper aus den Vertikalstartern (VLS) eindrucksvoll aus. Doch sieht man sich den Anfang des Videos genau an, ist da noch etwas anderes. Wasserfontänen spritzen knapp neben der Kang Kon in die Höhe und es scheint Mündungsfeuer am Schiff erkennbar zu sein.
Die Auflösung erhält man, wenn man sich die weiteren offiziellen Videos und Fotos der Demonstration ansieht. Die Kang Kon hat eine Breitseite abgegeben –ironischerweise mit allem, außer dem Hauptgeschütz.
Breitseiten sind mit den Schlachtschiffen verschwunden
Eine Breitseite heißt, dass alle Hauptgeschütze des Kriegsschiffs einer Längsseite gleichzeitig abgefeuert werden. Zuletzt relevant war das bei Schlachtschiffen. Diese waren zwar auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise in Verwendung, wurden aber nicht mehr neu gebaut.
Das Schlachtschiff USS Iowa feuert ihre 406-mm-Kanonen ab. Die Aufnahme entstand bei einer Übung im Jahr 1984.
© US Navy
Der Grund: Schlachtschiffe definierten sich durch ihre mächtigen Hauptgeschütze. Die Iowa-Klasse der USA, deren letztes Schiff 1992 außer Dienst gestellt wurde, hatte 9 Kanonen im Kaliber 406 mm.
Zum Vergleich: Heutige Kriegsschiffe nutzen üblicherweise eine einzelne Kanone als Hauptgeschütz. Gängige Kaliber sind 127 mm und 76 mm. Die Feuerkraft wird nicht mehr primär durch Geschütze erzielt, sondern durch Raketen und Marschflugkörper, die mehr Reichweite und eine höhere Präzision als klassische Geschütze haben.
Alles was schießen kann schießt – außer das Geschütz
Die nordkoreanische Marine scheint jetzt die Breitseite neu zu erfinden. Denn auf der Kang Kon wurde mit allem seitlich geschossen, was schießen kann – außer mit der 127-mm-Kanone.
Das größte an der „Breitseite 2.0“ beteiligte Waffensystem ist das CIWS. Die Gatling Gun zur Nahbereichsverteidigung bekämpft mit hoher Feuerrate üblicherweise automatisch anfliegende Drohnen und Raketen, kann aber auch Boote beschießen. Auf den offiziellen Fotos ist zu sehen, dass das CIWS in die Luft schießt, während die anderen Waffen ins Meer feuern.
Breitseite: Das CIWS schießt in die Luft, der Rest ins Meer.
© APA/AFP/KCNA VIA KNS/STR / STR
Welches CIWS Nordkorea benutzt, ist nicht bekannt. Vermutlich wird die russische Gatling-Kanone Gsh-6-30 oder ein Nachbau davon verwendet. Diese hat das Kaliber 30 mm und eine Feuerrate von 4.000 bis 6.000 Schuss pro Minute.
Möglich ist auch, dass die chinesische Variante Type 730, bzw. ein Nachbau davon, genutzt wird. Diese hat ebenfalls das Kaliber 30 mm, aber 7 rotierende Läufe statt 6. Mit der Type 1130 gibt es noch eine Variante mit 11 Läufen, was eine Feuerrate von über 10.000 Schuss pro Minute ermöglicht.
Maschinengewehr aus den 1940er-Jahren
Alles andere, was bei der Breitseite schießt, ist ein KPV bzw. eine Variante davon. Dabei handelt es sich um ein russisches Maschinengewehr im Kaliber 14,5 mm. Es wurde 1944 designt und bei der sowjetischen Armee 1949 in Dienst gestellt. Die Feuerrate beträgt etwa 600 Schuss pro Minute, die effektive Reichweite bis zu 3 km.
Auf den Fotos sind insgesamt 5 ferngesteuerte Türme erkennbar, die mit KPVs bestückt sind: einer am Bug, 3 in der Mitte des Schiffs und einer am Heck. Bei 2 der mittleren Türme ist erkennbar, dass es eine Doppel-Lafette ist – also jeder der Türme hat 2 KPVs, die gleichzeitig feuern. Man kann davon ausgehen, dass auch die übrigen 3 Türme jeweils mit 2 Stück der Maschinengewehre bestückt sind.
Ferngesteuerter Turm mit 2 KPV-Maschinengewehren.
© APA/AFP/KCNA VIA KNS/STR / STR
Kurioser sind die übrigen KPVs, die scheinbar aus schließbaren Schotten der Kang Kon herausragen. 3 Stück sind zu erkennen. Hier liegt die Vermutung nahe, dass diese KPVs für gewöhnlich im Schiff verstaut und die Schotten geschlossen sind. Erst bei Bedarf werden die Abdeckungen geöffnet und die Maschinengewehre in Position gebracht. Man kann davon ausgehen, dass diese KPVs von Soldaten manuell bedient werden.
Die Kang Kon gibt eine "Breitseite" ab.
© APA/AFP/KCNA VIA KNS/STR / STR
User spotten über Nordkoreas Breitseite
Die nordkoreanische Breitseite besteht also aus mindestens 10, wahrscheinlich aber 13 KPV-Maschinengewehren, plus die Gatling-Gun im Kaliber 30 mm. Und auf der anderen Seite des Schiffs ist vermutlich dieselbe Menge vorhanden. In den sozialen Netzwerken sorgt diese Demonstration der Feuerkraft nicht für andächtiges Staunen, sondern spöttische Verwunderung.
„Hat Kim Jong-un das Budget für die Munition für das Hauptgeschütz versoffen und jetzt versuchen sie es mit antikem Maschinengewehr-Feuer zu kompensieren?“ ist da etwa zu lesen. Zumindest diese sarkastische Anmerkung lässt sich widerlegen: Bei der Demonstration wurde auch mit dem Geschütz am Bug geschossen, aber eben nicht bei der Breitseite.
„Das Schiff schaut ja ganz modern und schick aus, warum stecken dann nur Sowjet-MGs drin?“ fragt ein anderer. „Das ist, als würde man sich einen flashigen Gaming-PC voller LEDs kaufen und dann läuft Windows 98 drauf“, antwortet ihm ein anderer.
Auch Vergleiche zum Goldenen Piratenzeitalter werden gezogen: „Wenn sie jetzt noch die Enterhaken auspacken, sind sie gut gerüstet, um als Freibeuter die Schiffe des spanischen Königs zu kapern“, wird da gewitzelt. Andere vergleichen den Anblick mit Wild-West-Filmen, wenn sich die Stadtbewohner gegen den „Angriff der Indianer“ rüsten, in ihren Häusern verbarrikadieren und dann aus jeder Öffnung ein Gewehrlauf rausgesteckt wird.
Drohnenabwehr
Am taktischen Nutzen der Breitseite wird ebenfalls gezweifelt. „Was sollen sie damit machen, Fischerboote durchlöchern?“, wird nicht ganz ernst gemeint gemutmaßt. Andere vermuten, dass hier eine Abwehr von Kamikaze-Drohnen und Kamikaze-Booten demonstriert werden sollte.
Gegen fliegende Drohnen dürfte zumindest das CIWS gut funktionieren, weil es ein eigenes Radar und optisch-elektronisches System zur Erfassung und Verfolgung von Zielen hat. Bei den ferngesteuerten KPV-Türmen ist auf den Fotos kein eigenständiges Zielsystem zu erkennen. Gegen schnell fliegende und kleine Ziele könnten sie womöglich zu unpräzise sein.
Das gilt auch für Drohnenboote. Videos der ukrainischen Streitkräfte haben gezeigt, dass ihre ferngesteuerten Kamikaze-Boote trotz russischen Beschusses manchmal ihre Ziele erreichen.
Mehr Maschinengewehre bedeutet aber zumindest mehr Feuer am Ziel. Und dadurch steigt die Chance, das Ziel zu treffen.
74 Zellen für Raketen und Marschflugkörper
Die Kang Kon ist das zweite Schiff der koreanischen Choe-Hyon-Klasse, die, je nach Schreibweise, auch Choi Hyon und gelegentlich Choi Hyun genannt wird. Nordkorea bezeichnet die Klasse als Zerstörer, anhand der geschätzten Verdrängung von etwa 5.000 Tonnen entspricht sie aber nach internationalen Maßstäben einer Fregatte.
Die Choe Hyon ist das erste Schiff der gleichnamigen Choe-Hyon-Klasse.
© via REUTERS / KCNA
Die Hauptbewaffnung sind Raketen und Marschflugkörper. Anhand von bisher zur Verfügung stehenden Bildern, hat die Klasse 74 VLS-Zellen in verschiedenen Größen: 32 kleine, 12 mittlere, 12 große am Bug, 8 große am Heck und 10 sehr große.
Die kleinen und mittleren Zellen sind vermutlich mit Luftabwehrraketen bestückt. Die großen Zellen könnten für Marschflugkörper gedacht sein, um Schiffe und Landziele anzugreifen. In Frage hierfür kommt die Hwasal-2.
Dieser Marschflugkörper hat angeblich eine Reichweite bis zu 2.000 Kilometer und könnte auch mit einem nuklearen Sprengkopf bestückt werden. Nordkorea hat bei früheren Tests die Hwasal-2 von der Amnok-Klasse (ca. 3.500 Tonnen Verdrängung) mit einem horizontalen Launcher gestartet.
Amnok-Klasse feuert einen Marschflugkörper ab
© KCNA
Ob die Kang Kon bei ihrem Test die Hwasal-2 abgefeuert hat, wurde offiziell nicht bekannt gegeben. Ein von Nordkorea veröffentlichtes Foto der Demonstration zeigt zumindest einen Marschflugkörper, der der Schiffsvariante der Hwasal-2 optisch ähnelt.
Ein Marschflugkörper, der angeblich von der Kang Kon gestartet wurde.
© APA/AFP/KCNA VIA KNS/STR / STR
Ballistische Raketen
Die extra großen Zellen der Choe-Hyon-Klasse sind vermutlich für ballistische Raketen vorgesehen, die ebenfalls gegen Land- und Seeziele eingesetzt werden können. Nordkorea hat mehrere ballistische Raketen, am wahrscheinlichsten für die Verwendung auf dem Schiff ist die Hwasong-11.
Je nach Variante soll diese 600 bis 900 km Reichweite haben. Sie kann nuklear oder konventionell bestückt werden. Einige Versionen der Hwasong-11 sollen Sprengköpfe mit 2,5 bis 4,5 Tonnen Gewicht tragen können, weshalb die Rakete als „Flugzeugträger-Killer“ gilt.
Die Hwasong-11 wird von den USA und Süfkorea auch KN-23 genannt.
© KNCA
Unfall schon beim Stapellauf
Was die Choe-Hyon-Klasse wirklich an Bord hat und über welche Fähigkeiten sie verfügt, sind „Educated Guesses“, Analysen und Beobachtungen. Die nordkoreanischen Streitkräfte geben üblicherweise keine technischen Daten ihres Kriegsgeräts preis oder übertreiben so stark, dass die Angaben unglaubwürdig sind.
Im Fall der Kang Kon weiß man nicht mal, ob sie überhaupt wieder hochseetauglich ist, bzw. vollständig repariert wurde. Denn sie hatte schon einen schweren Unfall, als sie zum ersten Mal das Wasser berührte. Beim Stapellauf am 21. Mai 2025 kippte das Kriegsschiff und landete auf der Breitseite (Pun intended) im Wasser. Für Militäranalysen war überraschend, dass der zweite Stapellauf schon am 12. Juni 2025 stattfinden konnte. In weniger als einem Monat eine Bergung, vollständige Kontrolle und nötige Reparaturen an einem fast 150 Meter langen Kriegsschiff durchzuführen, sei unerwartet schnell.
Auch beim Bau der Schiffe drückt Nordkorea aufs Gas. 2 weitere werden derzeit konstruiert, das nächste soll seinen Stapellauf im Oktober haben. Das Ziel sei bis 2031 noch schneller zu werden und jedes Jahr 2 der Fregatten fertigzustellen. Außerdem soll ein Kriegsschiff mit einer Verdrängung von 10.000 Tonnen gebaut werden.
Kommentare