Geheimnisvolle Tu-454: Russland will neues Großraumflugzeug bauen
Seit Russland im Jahr 2022 die Ukraine angegriffen hat, gibt es gegenüber dem Land weitreichende Handelsbeschränkungen. Davon betroffen ist unter anderem der Luftfahrtsektor. Da Boeing und Airbus keine Ersatzteile nach Russland liefern dürfen, will Russland seine eigene Luftfahrtindustrie auf Vordermann bringen.
Ein Eckpfeiler dieser Strategie ist es, die Produktion des Mittelstreckenjets Tupolew Tu-214 hochzufahren. Das gab der staatliche Luftfahrtkonzern UAC (United Aircraft Corporation), zu dem Tupolew gehört, bei einer Veranstaltung in Kasan bekannt.
Ähnliche Ankündigungen hat es seit 2022 in regelmäßigen Abständen gegeben. Fakt ist, dass die erste neu gebaute Tu-214 erst Ende vergangenen Jahres ihren Erstflug bewältigte. Bis zur Massenproduktion dürfte es noch immer ein weiter Weg sein.
Auf dem UAC-Event in Kasan sorgt aber eine ganz andere Tupolew für Aufsehen. Der Flugzeugbauer hat dort nämlich die Langstreckenmaschine Tu-454 vorgestellt, wie Air Data News berichtet.
Tupolev Tu-454 wird präsentiert
© UAC
Zwischen 787 und A350
Detaillierte Spezifikationen hat UAC nicht verraten. Es liegt auch kein offizieller Zeitplan vor, Angaben zu etwaigen Bestellungen gibt es ebenso nicht.
Auf Basis der gezeigten Konzeptbilder ist die neue Tupolew zwischen der Boeing 787 und dem Airbus A350 angesiedelt. Die Bilder deuten darauf hin, dass die Tu-454 ungefähr zwischen 250 und 350 Passagiere transportieren kann. Die Reichweite wird auf rund 15.000 Kilometer geschätzt.
Neues Triebwerk PD-26
Mehreren Medienberichten zufolge will Tupolew bei dem angekündigten Großraumflugzeug auf ein neues Triebwerk setzen. Das PD-26 dürfte eine schwächere und kleinere Version des PD-35 sein, das von Awiadwigatel entwickelt wird. Das Konstruktionsbüro gehört zu UEC (United Engine Corporation), die wie UAC ein Teil der russischen Staatsgesellschaft Rostec ist.
Angaben zum PD-26-Triebwerk wurden nicht kommuniziert. Beim PD-35 steht die Zahl für die Schubkraft - nämlich 35 Tonnen. Das entspricht einem Schub von umgerechnet rund 342 kN. Früheren Angaben zufolge soll das PD-35 vorrangig bei militärischen Transportmaschinen zum Einsatz kommen.
➤ Mehr lesen: Russischer Überschallbomber musste auf Zivilflughafen notlanden
Offene Fragen
Wenn das PD-26 also wirklich 26 Tonnen Schub hat, wären das 255 kN. Das wirft Fragen auf. Denn ein Großraumflugzeug benötigt, aufgrund des hohen Startgewichts, üblicherweise mehr Schub.
Der Airbus A350-900 kann beim Start bis zu 283 Tonnen wiegen und nutzt 2 Rolls-Royce-Triebwerke mit je 374 kN Schub. Die Boeing 787 kann in der kleinsten Variante mit 228 Tonnen abheben. Sie verwendet 2 Triebwerke mit je 280 kN Schub.
Sollte sich die Tu-454 also wirklich zwischen den 2 Maschinen positionieren, braucht sie womöglich stärkere Triebwerke. Oder sie fliegt immer mit weniger Passagieren, als eigentlich reinpassen würden, um das Startgewicht zu reduzieren - was aber sehr ineffizient wäre.
Es bleibt abzuwarten, ob Tupolew oder UAC noch genauere Angaben zur geplanten Tu-454 liefern. Auch wenn die weitere Entwicklung ohne Hürden, Rückschläge oder Verzögerungen verläuft, wird es noch Jahre dauern, bis ein solches Großraumflugzeug erste Linienflüge absolviert.