Biogasanlage EVM.
3 Gründe, warum Grünes Gas Österreich unabhängiger macht
Vergangene Woche hat Deutschland einen Notfallplan aufgesetzt: Gasreserven sollen angelegt werden, um das Land für künftige Versorgungskrisen zu rüsten. Globale Konflikte wie der Iran-Krieg zeigen, dass andernfalls Engpässe wegen Importausfällen drohen.
Eine klimaschonendere Alternative zu fossilem Erdgas stellt Grünes Gas dar. Die Stoffgruppe umfasst aus Reststoffen gewonnenes Biogas, mit Ökostrom erzeugten Wasserstoff und synthetisches Gas. Diese Energieträger sind klimaschonender als Erdgas, weil ihr CO2-Fußabdruck viel geringer ist. Gegenüber anderen Formen erneuerbarer Energien bietet Grünes Gas auch 3 wesentliche praktische Vorteile.
In Margarethen am Moos (NÖ) steht Österreichs größte Biogasanlage, in der agrarische Reststoffe vergoren werden.
© APA/HANS KLAUS TECHT
Übersicht Grünes Gas
Biomethan: Aus Rest- und Abfallstoffen erzeugt, auf Erdgasqualität aufbereitet und in bestehende Netze einspeisbar – nutzbar für Wärme, Strom, Industrie und Mobilität.
Grüner Wasserstoff: Per Elektrolyse aus erneuerbarem Strom; verbindet Strom- und Gaswelt (Power-to-Gas) und macht Energie speicherbar.
Synthetisches Methan: Aus CO2 und grünem H2 methanisiert (Sabatier-Prinzip) – erschließt zusätzliche Mengen Grünen Gases.
Wasserstoff-Tankstelle von Wien Energie.
© APA/JAKOB LANGWIESER / JAKOB LANGWIESER
Mehr Flexibilität
Ein Argument für Grünes Gas ist, dass es die Flexibilität des Energiesystems erhöhen kann. Während Solarparks vorrangig im Sommer Strom produzieren und Windkraftanlagen nur dann Energie liefern, wenn ausreichend Wind weht, lässt sich Gas über längere Zeit speichern.
Es kann im Winter Haushalte und Industriebetriebe versorgen, wenn andere Quellen weniger Energie bereitstellen und der Bedarf, etwa zum Heizen, österreichweit steigt. Derzeit gehen 21,9 Prozent des in Österreich verbrauchten Gases direkt an Haushalte.
Der Großteil des benötigten Gases wird momentan aus dem Ausland importiert. Laut der Österreichischen Vereinigung für das Gas- und Wasserfach (ÖVGW) könnten wir bis 2030 rund 2/3 des Gasbedarfs (bis zu 58 TWh) durch in Österreich produziertes Biogas, Holzgas und Grünen Wasserstoff abdecken.
Bestehende Netze weiternutzen
Ein weiterer Vorteil von Grünem Gas ist, dass dafür große Teile der bestehenden Infrastruktur verwendet werden können. Das unterirdisch verlegte Gasnetz könnte man weitgehend weiternutzen. Daran sind derzeit 70.000 Unternehmen und eine Million Haushalte angeschlossen. Das österreichische Verteilernetz umfasst 44.500 Kilometer, hinzu kommen mehr als 2.000 Kilometer Fernleitungen.
Das österreichische Gasnetz
© FGW – Fachverband der Gas- und Wärmeversorgungsunternehmungen
Anpassungen sind jedoch für die Einspeisung größerer Mengen Grünen Wasserstoffs erforderlich. Dieses Gas wird dem Erdgasnetz bereits heute teilweise in Konzentrationen von bis zu 10 Prozent beigemischt. Für höhere Anteile sind aus Sicherheitsgründen Umrüstungen notwendig: Wasserstoffmoleküle sind kleiner als die Moleküle der Hauptbestandteile von Erdgas und können dadurch leichter in bestimmte Metalle eindringen. Zudem unterscheidet sich Wasserstoff in seinem Brenn- und Zündverhalten, weshalb weitere Anpassungen der Infrastruktur notwendig sind.
Ein Forschungsprojekt kam bereits 2021 zu dem Ergebnis, dass sich 96 Prozent der europäischen Gasnetze für den Transport von Wasserstoff umrüsten ließen. Wie das in der Praxis funktionieren kann, zeigen bereits mehrere europäische Leuchtturmprojekte. Eines davon ist EUH2STARS, ein von Österreich koordiniertes EU-Referenzprojekt zur großvolumigen Wasserstoffspeicherung im Großraum Linz. Seit 2024 erprobt das Projekt, wie man eine Region ganzjährig mit nachhaltiger Energie versorgen kann.
Warum die Speicherfrage zählt?
Bestehende Netze & Anlagen: Österreichs Gasinfrastruktur ist vorhanden. Sie kann Grünes Gas transportieren und ins System einbinden.
Saisonale Speicherkapazitäten: Österreichs Speicherlandschaft ermöglicht saisonale Energiespeicherung in 3-stelliger TWh-Größe.
Systemvorteil: Grünes Gas erhöht laut dem Fachverband der Gas- und Wärmeversorgungsunternehmungen die Versorgungssicherheit, puffert Dunkelflauten und Lastspitzen.
Stabilisierung des Stromnetzes
Weil es die erforderliche Netz-Infrastruktur bereits gibt, die für den Transport von Grünem Wasserstoff nur teilweise angepasst werden muss, könnte Grünes Gas ein wichtiger Baustein der Sektorenkopplung sein. Es kann es dazu beitragen, Dunkelflauten und Lastspitzen auszugleichen: Da sich Biogas, Synthesegas und Grüner Wasserstoff langfristig speichern lassen, kann überschüssige Energie aus Wind- und Solaranlagen im Sommer mithilfe des Power-to-Gas-Verfahrens in Wasserstoff umgewandelt werden.
Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn im Stromnetz weniger Energie zur Verfügung steht, kann man den gespeicherten Wasserstoff dann wieder nutzen. Mit Grünem Gas betriebene Kraftwerke können dann hochgefahren werden und zur Stabilisierung des Stromnetzes beitragen.
Sektorenkopplung ist ein wichtiges Schlüsselwort in der Energiewirtschaft: Im Sommer, wenn zu viel Wind- und Solarenergie das Netz belastet, kann man diese für die Wasserstoffsynthese nutzen.
© Windkraft Simonsfeld / Klaus Rockenbauer
Weichen für 2040 stellen
Damit Grünes Gas künftig eine größere Rolle in der österreichischen Energieversorgung spielen kann, fordert die ÖVGW, Hürden beim grenzüberschreitenden Handel mit Biomethan abzubauen. Dafür brauche es ein Nachweissystem, das dokumentiert, welcher Anteil Grünen Gases in das Netz eingespeist wird, von welchen Anbietern es stammt und in welchem Umfang es an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben wird.
Darüber hinaus müsse die Speicher- und Netzintegration weiter vorangetrieben werden, damit Grünes Gas künftig österreichische Haushalte und Unternehmen zuverlässig versorgen kann. Parallel braucht es Klarheit beim Rechts- und Abgabenrahmen. Das Erneuerbares-Gas-Gesetz (EGG) wird weiterhin verhandelt, das Gaswirtschaftsgesetz (GWG) steht im Rahmen des EU-Pakets vor weiteren Anpassungen.
Bei der Erdgasabgabe gilt derzeit: Erdgas, das im Steuergebiet geliefert oder verbraucht wird, ist abgabepflichtig. Reines Biomethan als Kraftstoff ist ausgenommen. Wird Biomethan jedoch ins öffentliche Netz eingespeist und später zum Tanken entnommen, fällt die Abgabe an. Genau hier braucht es eine Korrektur, fordert die ÖVGW: Ein klimaschonenderer Energieträger sollte nicht schlechter gestellt werden – auch, damit Grünes Gas für Verbraucherinnen und Verbraucher preislich attraktiver wird.
Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation mit der ÖVGW.
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