Illustration einer Mond- und Marsbasis
Einsamkeit und Paranoia gefährden Mondbasen und Marsmissionen
Lange Zeit war eine Mondbasis oder gar Marskolonie reine Utopie. Jetzt wird sie zumindest auf dem Papier immer realistischer. Statt einem gelegentlichen kurzen Abstecher auf die Mondoberfläche sollen in 10 Jahren bereits dauerhaft Menschen in Siedlungen auf dem Erdtrabanten leben und arbeiten. Das ist auch eine Vorbereitung auf eine mögliche Reise zum Mars.
Auf technischer Seite ist das eine große Herausforderung: Sichere Raumschiffe und Behausungen bauen, Stromversorgung und Kommunikationsnetzwerke errichten. Das ist schwierig, aber berechenbar. Was jedoch immer eine Unsicherheit bleiben wird, sind die Menschen, die dort leben werden.
Um ihr Überleben zu sichern, wird von ihnen eine Perfektion in Extremsituationen erwartet, die noch kein Mensch zuvor erlebt hat. Sie betreten damit nicht nur buchstäbliches, sondern auch metaphorisches Neuland.
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„Weißer Mars“ in der Antarktis
Die nächstbeste Testumgebung für so ein Unterfangen sind Antarktisstationen. Die von Italien und Frankreich geleitete „Concordia“ wird auch „Weißer Mars“ genannt und ist permanent besetzt. Das bedeutet: 12 bis 15 Menschen sind im Winter bei bis zu -80 °C Außentemperatur, monatelanger Finsternis und spärlichem Kontakt zur Außenwelt regelrecht in der Station eingesperrt. Sie führen dort wissenschaftliche Experimente durch, werden aber vor allem selbst zu Versuchskaninchen.
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Concordia
Die Station Dome Concordia (Dome C) wird seit 2005 vom französischen Polarinstitut Paul-Émile Victor (IPEV) und dem italienischen Programm für Antarktis-Forschung (PNRA) betrieben und häufig von der ESA für Forschung genutzt.
- Lage: ostantarktisches Eisschild, rund 1.600 km vom Südpol entfernt. Zur nächsten Küste sind es ca. 950 km, zur nächsten Station, der russischen Wostok, sind es ca. 600 km.
- Höhe: 3.233 Meter über dem Meeresspiegel, durch den geringen Luftdruck entspricht der Sauerstoffgehalt einer gefühlten Höhe von über 3.800 Metern, weshalb es zu Höhenkrankheit kommen kann.
- Besatzung:
- Sommer (Nov.–Feb.): bis zu 90 Personen
- Winter (Feb.–Nov.): 12 bis 15 Personen („Winterover“), bestehend aus Wissenschaftlern und technischem Personal (Köche, Elektriker, Klempner)
- Winter (Isolationsphase):
- Temperaturen sinken auf bis zu -80 °C (Rekord liegt bei -84,6 °C im August 2010)
- 4-monatige Polarnacht, in der die Sonne nicht aufgeht
- Von Februar bis November ist die Station komplett auf sich allein gestellt. Aufgrund der extremen Kälte kann in dieser Zeit kein Flugzeug dort landen – eine Evakuierung im Notfall ist unmöglich.
- Forschung:
- Glaziologie & Klimaforschung: Eisbohrungen im Rahmen des Projekts EPICA, das seit 1995 läuft und inzwischen eine Tiefe von 2.800 Metern erreicht hat
- Astronomie: gute Bedingungen für Himmelsbeobachtungen durch die dünne, extrem trockene und saubere Luft und die monatelange Dunkelheit
- Humanmedizin & Weltraumforschung: Untersuchung der psychologischen und physischen Auswirkungen von Isolation, Lichtmangel und Sauerstoffarmut im Hinblick auf zukünftige Mars- und Mondmissionen
Einsam und paranoid
Eine neue Studie im Fachmagazin PNAS hat das Verhalten einer solchen Gruppe während der Überwinterung untersucht. Die 12 Teilnehmenden trugen Sensoren, die objektiv die physische Nähe zu anderen Crewmitgliedern erfassten. In mehrmonatigen Abständen füllten sie Fragebögen aus. Dabei kristallisierten sich 2 signifikante Probleme heraus: Einsamkeit und Paranoia. „Trotz vieler Begegnungen können sich die Leute einsam fühlen, haben dann weniger Interaktionen und die Performance im Team nimmt ab“, erklärt Studienautor Sebastian Walther, Klinikdirektor der Psychiatrie des Uniklinikum Würzburg, im Gespräch mit der futurezone. Nur weil sich die Crew in der Station ständig über den Weg läuft, heißt das nicht, dass diese Treffen auch gut tun.
Gleichzeitig entwickelte sich über die Zeit eine immer stärkere Paranoia bei den Teilnehmenden. Sie vermuteten, andere würden schlecht über sie reden, wollten ihnen bewusst schaden oder sie nerven. „Zu Beginn waren die Werte sehr niedrig und mit der Zeit übersteigt das einen Schwellenwert bis ins Krankhafte“, sagt Walther. Das bedeute nicht, dass es sich um eine klinische Diagnose handelte, sondern dass bei der Selbsteinschätzung in den Fragebögen die Werte weit über dem Durchschnitt lagen.
„Das Überraschendste war für mich, wie herausfordernd das Zusammenleben mit den anderen ist“
Dieser Eindruck spiegelt sich auch in den persönlichen Erfahrungen von Carmen Possnig wider. Die österreichische Medizinerin ist Teil der Astronautinnenreserve der ESA und überwinterte bereits selbst in der Concordia. Dort führte sie eine Reihe an Experimenten durch und nahm etwa ihren Crewmitgliedern monatlich Blut ab. „Das Überraschendste war für mich, wie herausfordernd das Zusammenleben mit den anderen ist“, erzählt sie der futurezone.
Carmen Possnig im Labor der Concordia
© Carmen Possnig ESA/IPEV/PNRA
Aggression, Frustration und Geläster
Rückzugsmöglichkeiten gab es auf dem engen Raum kaum – auch aus sozialem Druck. „Es war für meinen Job wichtig, präsent zu sein und sonst hätte es geheißen ‚sie hat keine Lust mehr auf uns‘.“ Wie viel getuschelt wird und wie explosiv das Zusammenleben sein kann, beschreibt sie auch in ihrem Buch „Südlich vom Ende der Welt“. Aufgestaute Aggression und sexuelle Frustration sorgten bei einigen Teilnehmern wiederholt für Konflikte, die auch mal in kleinere Handgreiflichkeiten oder Wutausbrüchen endeten – es gab keine große Eskalation, aber Momente in der Mission, in denen permanente Anspannung herrschte.
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Carmen Possnigs Erfahrungen und Sebastian Walthers Studie werfen dabei unweigerlich die Frage auf: Könnte man die Teams nicht besser vorbereiten? „Das ist irrsinnig schwierig, alle zusammenzubringen“, sagt Possnig, die inzwischen selbst an der Organisation der Concordia-Überwinterung beteiligt ist. Trotzdem hält sie es für sinnvoll, stärker auf die psychologischen und mentalen Herausforderungen einzugehen – etwas, das sie vergangenes Jahr im Rahmen ihres Astronautentrainings selbst getan hat. „Auch wenn man an die Antarktis geht, wäre es gut zu verstehen, wie unterschiedlich Menschen sein können“, sagt sie. Possnig nahm das mithilfe von Lektüre selbst in die Hand, um die Psychologie hinter menschlichem Verhalten zu verstehen.
Carmen auf Bike
© Alberto Razeto ESA/IPEV/PNRA
Haben Sie gute Witze auf Lager?
Der erste wichtige Schritt ist ein gutes Auswahlverfahren. So soll etwa der britische Südpolabenteurer Ernest Shackleton seine Anwärter u.a. gefragt haben: „Haben Sie gute Witze auf Lager?“ Er suchte nach fachlich qualifizierten Menschen, mit denen es in der Einsamkeit nicht langweilig wird. Er erkannte, dass der Charakter und das Temperament seiner Crew ebenso wichtig wie ihre Kompetenz waren. Heute sind psychologische Gutachten und intensive Befragungen Teil des Auswahlprozesses – Witze spielen eine untergeordnete Rolle.
Dabei geht es auch um mentale Belastbarkeit. Wie wichtig das ist, hat ein Vorfall von 2025 gezeigt. Die Crew der südafrikanischen Station SANAE IV setzte einen Hilferuf ab, nachdem ein Teammitglied handgreiflich und sexuell übergriffig wurde und Todesdrohungen aussprach, wie damals der Guardian berichtete. Das Team löste den Konflikt unter ständiger psychologischer Fernbetreuung, musste aber auf der Station verharren. Der Konflikt konnte so ohne weitere Vorkommnisse gelöst werden.
Ganz anders lief ein Konflikt auf der russischen Station Bellingshausen ab. Dort stach 2018 ein Teilnehmer seinem Kollegen ein Messer in den Bauch. Der Grund für den Mordversuch: Das Opfer hatte das Ende des Buches verraten, das der Täter gerade las. Anders als die Concordia konnte die Station angeflogen werden. So brachte man das Opfer ins Krankenhaus und den Täter zur Polizei. Dieser Fall zeigte besonders eindrücklich: Unter extremen Bedingungen kann die vermeintlich kleinste Situation verheerende Folgen haben.
Ernest Shackleton auf Antarktis-Expedition
© via REUTERS / Royal Canadian Geographical Soci
Keine „Runde um den Block“
Auch wenn bisher keine weiteren solcher Vorfälle bekannt wurden, zeigt sich doch darin die Unberechenbarkeit der menschlichen Psyche in extremen Umgebungen. „Normalerweise empfehlen wir Menschen bei extremer psychischer Belastung, etwas zur Emotionsregelung zu tun, z. B. Sport oder leichte Bewegung. Auf so einer Station ist das nur eingeschränkt möglich. Wenn ich nur mal einen Spaziergang machen will, ist das in dieser lebensfeindlichen Umgebung gefährlich“, sagt Walther.
Eine solche Umgebung findet man auch auf Mars und Mond. Auch hier ist die „Runde um den Block“, um sich abzureagieren, mit tödlicher Gefahr durch Strahlung, Meteoriten, Atemluftmangel und kalte oder heiße Temperaturen verbunden. Es ist auch nicht möglich, sich im Notfall evakuieren zu lassen.
Die Concordia ist zwar noch auf der Erde, aber 600 km von den nächsten Menschen entfernt, weiter als die ISS zur Erde. Im Winter kann dorthin aufgrund der Bedingungen kein Flugzeug fliegen. „Man ist isoliert und der Technik letztlich ausgeliefert, daher haben wir erwartet, dass es eine höhere Belastung geben wird, aber nicht, dass es so stark sein wird“, sagt Walther.
Carmen Possnig allein im Eis
© Cyprien Verseux ESA/IPEV/PNRA
Auch wenn Concordia aufgrund der Bedingungen „Weißer Mars“ genannt wird, ist die Vergleichbarkeit beschränkt. „Die Gruppenkomposition ist eine andere, die Menschen haben einen anderen beruflichen Hintergrund, anderes Training“, beschreibt Carmen Possnig die Unterschiede zu einer potenziellen Mars- oder Mondmission. Während in der Concordia jeder Teilnehmer seine eigenen Experimente durchführt, wird man auf einer Mond- oder Marsmission auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten – die Errichtung einer Siedlung außerhalb der Erde.
Auf dem Mond wären die Gruppen dabei kleiner und die Einsätze kürzer. Die Reise zum Mars hingegen wäre eine ganz eigene Ausnahmesituation: „Das Raumschiff darf keinen Defekt haben, Strahlung könnte Langzeitauswirkungen mit sich bringen, die Schwerelosigkeit ist belastend und damit ein Risikofaktor für Unfälle und Verletzungen“, sagt Possnig. Zudem sehe man irgendwann auf seiner langen Reise zum Roten Planeten die Erde als winzigen Punkt am Horizont verschwinden und auch das könnte Einfluss auf die Psyche haben. „Man macht etwas, das nie zuvor ein Mensch getan hat. Das ist ganz anders als bei Antarktismissionen, die es seit 100 Jahren gibt.“
So könnten Mond- und Marsmissionen aussehen
Mondmissionen (NASA „Moon Base“)
- Kurzzeit-Einsätze: 10 bis 14 Tage
- Langzeit-Aufenthalte: 1 bis 2 Monate im Artemis Base Camp bzw. in den dauerhaften Habitaten
- Crew-Größe: ca. 2 bis 4 Personen können pro Raumschiff (Orion) zum Mond fliegen, meist wird von 2 Personen in der Basis ausgegangen
- Kommunikation mit der Erde nahezu in Echtzeit (1,3 Sekunden Verzögerung), direkter Funkkontakt zur Erde (z. B. durch das geplante europäische Kommunikationsnetzwerk Moonlight, Sprach- und Videocalls sind durchgehend in hoher Qualität möglich)
Bemannte Marsmission (laut NASA Moon to Mars Architecture)
- Gesamtdauer 2,5 bis 3 Jahre
Hin- und Rückflug: 6 bis 9 Monate
Aufenthalt auf dem Mars: Bis zu 500 Tage, bis sich ein geeignetes Fenster für den Rückflug öffnet - Crew-Größe: 4 bis 6 Personen, klein genug, um Ressourcen (Lebensmittel, Sauerstoff) zu sparen, aber groß genug, um alle Kernkompetenzen (Medizin, Geologie, Ingenieurwesen, Systemtechnik) doppelt zu besetzen
- Kommunikation mit der Erde: je nach Abstand zwischen Mars und Erde gibt es eine Verzögerung von 3 bis 22 Minuten pro Richtung, direkte Gespräche per Live-Videocall sind schwer oder gar nicht möglich, sondern werden über E-Mail oder Sprachnachrichten abgewickelt
- Risiken: Schwerelosigkeit/Teilschwerkraft (Muskel- und Knochenabbau), kosmische Strahlung ohne Schutz des Erdmagnetfeldes, psychologische Belastung durch Isolation und große Entfernung zur Erde
Sebastian Walther und seine Kollegen werden ihr Experiment erneut durchführen, um die Ergebnisse ihrer Studie zu untermauern. Das große Dilemma ist nämlich, dass es aufgrund der wenigen Stationen, kleinen Gruppengrößen und noch geringen Zahl an Forschungsarbeiten dazu kaum Vergleichswerte gibt. Die sind aber dringend notwendig, wenn die Menschheit den Traum von einer Siedlung außerhalb der Erde wahr machen will.
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Egal, wie gut eine Mondstation oder Marsmission geplant ist, wie perfekt die Technik und Infrastruktur funktioniert – der Mensch wird einer der größten Risikofaktoren bleiben. Sowohl, weil wir aus der Erfahrung von Stationen wie der Concordia wissen, wie stark solche Extremsituationen Menschen an ihre mentalen und physischen Grenzen bringen. Aber auch, weil wir eben nicht wissen können, wie sich eine Marsmission wirklich auf die Crew auswirkt, bevor wir sie nicht losgeschickt haben.
Carmen Possnig in der Antarktis
© Cyprien Verseux ESA/IPEV/PNRA
„Wir sind nicht allein“
Carmen Possnig weiß das alles und hat es teils selbst erlebt. Trotzdem und vielleicht gerade wegen ihrer Erfahrung während des Concordia-Winters träumt sie davon, irgendwann zum Mars zu fliegen. Auch, weil sie sich vor allem an die gute Zeit erinnert: „Die schönsten Momente waren, wenn im Team alles harmonisch war und man merkte: Wir sind nicht allein.“ Einen Witz, wie ihn sich Ernest Shackleton gewünscht hätte, hat sie zwar nicht auf Lager. Aber sie hat gelernt, in extremen Situationen die Normalität in kleinen Dingen zu suchen, z. B. durch Schokolade. Viel Schokolade.
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