Wunderwaffe Skyfall: So funktioniert die russische Rakete mit Atomantrieb
2018 hat der russische Präsident Wladimir Putin 3 „Wunderwaffen“ angekündigt. Eine davon ist 9M730 Burewestnik – auch bekannt unter dem NATO-Namen Skyfall.
Durch einen Mini-Atomreaktor an Bord soll sie eine „unendliche Reichweite“ haben, also jeden Ort der Welt erreichen können. Und weil sie Stealth-Eigenschaften hat und einen Atomsprengkopf, könnten so nukleare Überraschungsangriffe durchgeführt werden, die von den üblichen Frühwarnsystemen für Interkontinentalraketen nicht erfasst werden.
Wie der Nuklearantrieb von Burewestnik funktioniert, ist bisher geheim. Jake Hecla und R. Scott Kemp vom MIT haben den Marschflugkörper jetzt umfangreich analysiert. In einem Bericht erklären sie, wie Russland anscheinend geschafft hat das weltweit erste Fluggerät mit Nuklearantrieb zu bauen.
Atomreaktor erhitzt Luft
Normale Atomreaktoren, wie sie in Atomkraftwerken verwendet werden, funktionieren indirekt. Das heißt sie stellen nicht direkt Strom her: Die Hitze, die durch die Spaltung des radioaktiven Materials entsteht, wird genutzt, um aus Wasser Dampf zu machen. Der Dampf treibt wiederum eine Turbine an, die den Strom erzeugt.
Bei Burewestnik kommt laut den MIT-Forschern ein direktes System (Direct Air Cycle) zum Einsatz. Durch den Lufteinlass kommt im Flug Luft in den Marschflugkörper. Ein Kompressor zwingt die Luft in Tausende Kanäle, die den Reaktorkern umgeben. Die Hitze des nuklearen Brennstoffs erwärmt die vorbeiströmende Luft. Diese expandiert und wird durch die Düse nach außen geleitet, wodurch der Vorwärtsschub des Marschflugkörpers entsteht.
Schematische Darstellung des Antriebs von Burewestnik
© Jake Hecla/R. Scott Kemp
Vorteil des Systems
Der Vorteil des direkten Systems: Es benötigt weniger Bauteile und kann damit kompakter gebaut werden. Dadurch passt es auch in den Marschflugkörper. Laut den Forschern ist Burewestnik etwa 9,5 Meter lang und hat eine Flügelspannweite von etwa 5,6 Metern.
Größenvergleich zwischen Marschflugkörpern: US-Tomahawk, die russische Kh-101 und Burewestnik.
© Jake Hecla/R. Scott Kemp
Das ist zwar deutlich größer als etwa der US-Marschflugkörper Tomahawk (5,56 Meter) aber weit kompakter als eine ballistische Interkontinentalrakete (ICBM), die normalerweise benötigt wird, um Reichweiten von über 10.000 km zu erreichen. Die russische ICBM RS-24 kommt etwa auf 11.000 km Reichweite und ist 22,5 Meter lang.
Radioaktiver Auspuff
Der Nachteil des direkten Systems: Laut den Forschern wird eine große Menge an radioaktivem Material freigesetzt. Wenn die Luft an dem Reaktor vorbeiläuft, wird sie durch die Zerfallsprodukte der Kernspaltung verstrahlt und dann durch die Düse ausgestoßen. Aus dem „Auspuff“ kommt also Radioaktivität.
Je länger Burewestnik fliegt, desto mehr Strahlung wird in die Luft abgegeben und in Folge an die Oberfläche, weil der Marschflugkörper tief fliegt, um schwieriger vom Radar erfasst zu werden. Laut den Forschern kommt erschwerend hinzu, dass durch die Kombination aus Hitze und hohem Druck Korrosion im Reaktorkern entsteht. Das verursacht noch mehr radioaktive Partikel, die bei längeren Flügen ausgestoßen werden.
Schmutzige Bombe
Russland riskiert also, dass, je nachdem von wo aus Burewestnik startet und wie die Flugroute ist, das Gebiet darunter verstrahlt wird. Das könnte sowohl die eigene Bevölkerung betreffen als auch verbündete Nationen oder Länder, die eigentlich gar nicht in Russlands Konflikte involviert sind.
Außerdem dürfte Burewestnik eine „schmutzige Bombe“ sein, selbst wenn ein konventioneller Gefechtskopf genutzt wird. Durch die Explosion des normalen Sprengstoffs würde mit hoher Wahrscheinlichkeit der Antriebsreaktor zerstört werden. Der Brennstoff würde durch die Wucht der Explosion und Druckwelle in der Umgebung verteilt werden und könnte ein großes Gebiet um den Einschlagsort herum verstrahlen.
Bisher hat Russland für Burewestnik allerdings nur einen nuklearen Gefechtskopf vorgesehen. Der Hauptgrund dürfte sein, dass im Marschflugkörper nur begrenzt Platz zur Verfügung steht. Bei selbem Volumen und Gewicht kann ein Atomsprengkopf eine ungleich höhere Zerstörungskraft als normaler Sprengstoff entfalten. Im Vergleich zu einer ICBM ist die nukleare Traglast von Burewestnik aber kleiner: Experten gehen davon aus, dass der Gefechtskopf in Skyfall maximal 250 kT stark ist, während die RS-24 3 Sprengköpfe mit je 300 kT tragen kann.
Prestige- statt Wunderwaffe
Immerhin gibt es auch eine gute Nachricht. Burewestnik dürfte weit weniger „stealthy“ sein, als von Russland behauptet wird. Durch den ständigen Verlust von Strahlung zieht der Marschflugkörper eine radioaktive Spur hinterher, die verfolgt werden kann. Außerdem haben andere Militärstrategen, anhand des Materials, das Russland bisher von der Rakete gezeigt hat, geschlussfolgert, dass Form und Größe keine guten Tarnkappeneigenschaften zulassen – Burewestnik sollte also gut mit dem Radar zu erfassen sein.
Zudem ist sie laut den Forschern, im Vergleich zu anderen Marschflugkörpern und Raketen, eher langsam: Sie soll Mach 0,75 (926 km/h) erreichen. Dadurch kann sie mit gängigen Luftabwehrraketen oder von Kampfjets abgefeuerten Luft-Luft-Raketen problemlos zerstört werden. Weil sie tief fliegt, könnte sie sogar mit von der Schulter abgefeuerten Luftabwehrraketen, wie der Stinger oder Mistral, abgefangen werden.
Das alles lässt die Forscher zum Schluss kommen, dass der Nutzen von Burewestnik nur in sehr wenigen Szenarien Sinn macht: „Es macht nicht den Eindruck, dass Burewestnik ein strategischer Game-Changer ist, noch, dass sie Russlands nuklearen Streitkräften einen wesentlichen Vorteil gegenüber den Fähigkeiten bringt, über die sie ohnehin schon verfügen.“
Die Forscher sehen Burewestnik eher als eine „Prestigewaffe“ und um möglicherweise westliche Länder dazu zu bringen, ihre Frühwarnsysteme zu verkomplizieren, weil Skyfall ein neues Bedrohungsszenario darstellt. Burewestnik sei deshalb zu beobachten, derzeit gebe es aber keinen Grund, wesentliche Abwehrstrategien umfangreich umzustellen.
Potenzial für weitere Entwicklungen
Die größte Bedrohung sei laut den Forschern derzeit, dass der Marschflugkörper bei Übungsflügen die Gegend verstrahlt. „Burewestnik sollte man am besten nicht als revolutionäre Waffe sehen, sondern als teures, unsicheres System, mit dem Potenzial ein nukleares Wettrennen in der Luft- und Raumfahrt auszulösen.“
Burewestnik könnte demnach wertvoller als Technologie-Demonstrator sein, anstatt als Waffe. Die Forscher rechnen damit, dass Russland den radioaktiven Antrieb weiterentwickeln will, etwa um damit Langstrecken-Aufklärungsdrohnen tage- oder sogar wochenlang zu betreiben. Auch könnte der Minireaktor als Anstoß dienen, um einen Nuklearantrieb für Raumschiffe zu entwickeln.
Nachfolger mit Hyperschallgeschwindigkeit
Auch Russland selbst dürfte klar sein, dass Burewestnik nicht das Gelbe vom Ei ist. Im November 2025 hat Putin bereits von einem Nachfolgemodell gesprochen, das Hyperschallgeschwindigkeit (ab Mach 5, 6.174 km/h) erreichen soll.
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Das passierte nur wenige Tage, nachdem Burewestnik einen Meilenstein erreicht hatte. Ende Oktober 2025 bestand sie einen Testflug, bei dem sie 15 Stunden in der Luft war. Dabei soll eine Strecke von über 14.000 km zurückgelegt worden sein, was laut Russland nicht die maximale Reichweite sei. Sofern diese Angaben stimmen, wäre Burewestnik das weltweit erste Fluggerät, das tatsächlich mit Nuklearantrieb geflogen ist.
Entwicklung von Burewestnik
Geheimdienste westlicher Länder gehen davon aus, dass es bei der Entwicklung von Burewestnik mehrere Zwischenfälle gab. So wurde südlich vom Ural 2017 das radioaktive Element Ruthenium freigesetzt, was mit dem Marschflugkörper in Zusammenhang stehen soll.
Am 8. August 2019 ereignete sich am Marinetestgelände Njonoksa eine Explosion, bei der Radioaktivität freigesetzt wurde und 7 Personen starben. Im November 2019 verlieh Putin den Verstorbenen posthum Ehrenmedaillen für ihre Arbeit an einer „unvergleichbaren Waffe, die Russlands Zukunft sichern wird“. Geheimdienste vermuten, dass der Unfall nicht direkt bei einem Testflug stattgefunden hat, sondern nachdem ein Burewestnik-Marschflugkörper geborgen wurde, der bei einem Testflug 2018 ins Meer gestürzt war.
Putins Wunderwaffen
Zu dem Wunderwaffen-Trio, das Putin 2018 angekündigt hat, gehören noch Awangard und Poseidon. Awangard ist ein Hyperschall-Gleitflugkörper, der einen nuklearen Sprengkopf mit einer Geschwindigkeit von bis zu Mach 27 (über 33.000 km/h) ins Ziel bringen soll. Angeblich stehen seit Anfang 2024 10 Interkontinentalraketen bereit, die mit Awangard bestückt sind.
2M39 Poseidon ist quasi die Torpedo-Version von Skyfall – eine Unterwasserdrohne mit Atomantrieb und Atomsprengkopf. Auch Poseidon hat angeblich „unendliche Reichweite“. Sein Atomsprengkopf soll eine Kraft bis zu 2 Megatonnen haben. Durch Stealth-Techniken soll Poseidon nur schwer mit Sonar aufzuspüren sein. Im russischen Fernsehen wurde behauptet, Poseidon könne einen radioaktiven Tsunami auslösen, der Großbritannien versinken lässt.
Forscher haben danach mehrfach erklärt, dass dies physikalisch nicht möglich ist. Der Tsunami von Japan im Jahr 2011 hatte eine Kraft, die 163.000-mal größer war als die von AN602 Zar. Der Test dieser Atombombe war die stärkste jemals von Menschen verursachte Explosion.
Angeblich hat Russland 2023 mit der Herstellung von Poseidon angefangen. Die Waffe, die gerne als „Weltuntergangs-Torpedo“ bezeichnet wird, soll 2027 in Dienst gestellt werden. Ähnlich wie bei Skyfall sind auch hier Experten der Meinung, dass Russland übertreibt, was die Fähigkeiten der Waffe angeht.