Games

Black Jacket im Test: Süchtig machende Glücksspiel-Kritik

Kartenspiele sind im Trend, das hat der enorme Erfolg von Balatro gezeigt. Mit Black Jacket hat das Wiener Entwicklerstudio Mi'pu'mi jetzt seinen ganz eigenen Twist ins Genre gebracht – und der geht auf. 

Bevor man das Spiel überhaupt gestartet hat, wird man schon vom fabelhaften Design um den Finger gewickelt. Das wundert mich bei einem Mi'pu'mi-Game keineswegs, da das Studio schon immer ein sicheres Händchen für Optik hatte. Black Jacket besticht mit einem handgezeichneten, düsteren Look. Inspiriert von Egon Schiele gibt er seinen verzerrten Figuren ganz natürlich einen spürbaren Schmerz und ein unheimliches Gefühl mit. Das setzt gleich den Ton für das gesamte Spiel.

Spielerinnen und Spieler schlüpfen in die Rolle von Kris, der sich aus seiner persönlichen Unterwelt freispielt. Das Grundprinzip ist wenig überraschend Black Jack. Ziel ist es also, genau 21 zu treffen oder so nah wie möglich an die Zahl heranzukommen, ohne sie zu überschreiten. Das eigene Blatt muss höher oder besser als das des Gegenübers sein. Ein „Black Jack“ ist es nur dann, wenn nichts außer einem Ass und einer Karte mit dem Wert von 10 auf dem Tisch liegt. 

Ass im Ärmel

Soweit die Grundregeln. Das reicht natürlich nicht, um mir in kürzester Zeit über 30 Spielstunden zu entlocken. Das Spiel ist in Runden („Aufstieg“) aufgebaut, in denen man sich jeweils 2 von 4 zufälligen Bossgegnern stellt. Bis man sie antrifft, spielt man gegen andere arme Seelen und wertet sein Kartendeck auf. 

Durch Erfolge schaltet man nach und nach neue Kartendecks und Hilfsmittel (Artefakte) frei. Letztere vergrößern z.B. den Gewinnerpot oder geben ein zusätzliches Feld auf dem Tisch, das man mit Karten belegen kann. Ein bisschen gemogelt wird auch, denn man kann sich Karten in den Ärmel stecken, die man für später aufheben will, oder die gerade nicht passen.

Mit Artefakten (linker Rand), 3 Karten im Ärmel (unten) und modifizierten, "erweckten" Karten im Deck, lässt sich auch Bossgegner Ivel schlagen

Einige Zwischengegner und die Bosse haben besondere Fähigkeiten, die einem das Leben schwer machen. Der kleine Niv hat etwa „Zug“-Karten, die einfach alle anderen Karten im Uhrzeigersinn um einige Plätze verschieben. Hat man bereits 21 gelegt und wartet nur darauf, ihn damit zu schlagen, macht er den ganzen Plan zunichte und man muss umdenken. Andere Gegner ziehen einfach allen meinen Karten einen Punkt ab oder rechnen einen Punkt drauf. 

Wie man es von anderen Rogue-Lites wie dem Vorbild Hades kennt, sind die ersten Durchgänge ein zum Scheitern verurteilter Kampf ums Überleben. Bis man überhaupt mal gecheckt hat, wie die Spielkarten funktionieren und welche Strategien man verfolgt, stirbt man einige Tode. Das macht aber gar nichts, denn kein Durchgang ist wie der andere und jede Niederlage motiviert, es das nächste Mal besser zu machen. 

Im Shop können Spielkarten erweckt und gekauft werden. Auch Artefakte sind im Angebot.

Mit dem Lieblingsdeck zum Sieg

Auch wenn im Spiel selbst der Zufall bestimmt, welche Karten und Power-Ups im Shop angeboten werden, kann man sich zu Beginn sowohl ein Kartendeck als auch eine Version von Bube, Dame und König aussuchen – wie seine Waffen, mit denen man ins Gefecht zieht. 

Die Decks haben verschiedene Fähigkeiten. Wenn man die Karten darin „erweckt“ hat, haben sie Eigenschaften, die sich kombinieren und strategisch einsetzen lassen. Ich spiele gern mit einer Kombination aus dem „Zahn“-Deck, das die Karten des Gegenübers abwertet, und dem Karo-Deck, dessen Karten sich übereinander stapeln lassen. 

Bube, Dame, König, Mord

Besonders gelungen sind die Bildkarten – so eine geniale Spielmechanik habe ich lange nicht mehr gesehen. Spielt man eine Kombination aus 2 Bildkarten, reagieren sie aufeinander. So schenkt die Königin ihrem König einen permanent höheren Kartenwert. Trifft einer von ihnen aber auf den Buben, zieht dieser den Dolch und schlitzt die andere Karte auf. Ungeschoren kommt der zum Mörder gewordene aber nur dann davon, wenn er nicht neben der anderen, unversehrten Bildkarte liegt, da diese auf Rache aus ist und den Übeltäter hängt. 

So erzählen die 4 verschiedenen Bildkarten-Sets jeweils ihre eigene kleine Geschichte, die man durch richtiges Kombinieren (und viel Herumprobieren) entdeckt. Die sind teils mit der spielübergreifenden Story verknüpft. Mit jeder Spielrunde erfährt man dabei immer mehr – nicht nur darüber, gegen wen man eigentlich spielt, sondern auch über Kris selbst. 

Die Königin wurde ermordet, jetzt ist ihre Karte zur Hälfte transparent

Sich den Dämonen stellen

Dass ein Spiel, das sofort einen hohen Suchtfaktor hat, in aller Deutlichkeit auf die Folgen einer Glücksspielsucht aufmerksam macht, ist natürlich ein bisschen ironisch. Trotzdem ist die Geschichte eindrücklich erzählt und es gab einen Punkt im Spiel, indem ich mich gefragt habe, ob Mi'pu'mi überhaupt möchte, dass ich weiterspiele, da Black Jack ja sehr offensichtlich der Grund ist, warum Kris sich jetzt seinen Dämonen stellen muss. 

Ich habe mich dafür entschieden, denn dieses negative Gefühl bleibt nicht. Es wird ersetzt mit der Hoffnung, dass es auch dann Heilung geben kann, wenn man tiefer nicht sinken kann und jeden, den man liebt mit in den Abgrund gerissen hat. Und dieser Hoffnung jagt man nach, wieder und wieder und wieder, weil das Spiel einfach enormen Spaß macht

➤ Mehr lesen: Howl im Test: Es war einmal ein taubes Mädchen auf Werwolf-Jagd

Bei jedem Aufstieg  wählt man seinen Pfad bis zum Bossgegner, um sein Deck aufzuwerten und gegen verlorene Seelen zu spielen

Fazit

Als jemand mit einer absurd hohen Spielstundenzahl bei Balatro und einer hohen bei Hades, ist Black Jacket für mich ein No-Brainer. Es hat alles, was mein Herz begehrt: Fantastische Optik, fesselndes und cleveres Spielprinzip und eine Geschichte, die mich nicht für dumm verkauft

Um es zu meistern, braucht es eine Strategie und Kenntnis der Karten. Nicht nur, um das eigene Deck zu kontrollieren, sondern auch um die Gegner lesen zu können. Das macht jede Runde abwechslungsreich. Auch wenn man sich in den ersten Runden wie ein absoluter Versager vorkommt, weil man von allem überrascht wird und nur die Hälfte davon versteht, was eigentlich passiert: In kürzester Zeit wird man vom Pleb zum Pro und das ist immer ein gutes Gefühl. Selbst, wenn mal eine Runde vermurkst ist, sammelt man Erfahrung und schaltet neue Objekte frei. So kommt kein Frust auf, sondern eigentlich nur das Bedürfnis, erneut den Aufstieg aus der Unterwelt zu beginnen. 

Black Jacket kostet 14,99 Euro und ist für Steam, Playstation 5, Xbox Series X/S und für 15,49 Euro für Nintendo Switch erschienen.

Klicken Sie hier für die Newsletteranmeldung

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Franziska Bechtold

frau_grete

Liebt virtuelle Spielewelten, Gadgets, Wissenschaft und den Weltraum. Solange sie nicht selbst ins Weltall kann, flüchtet sie eben in Science Fiction. Co-Host des Podcast "Raumfahrtgeschichten".

mehr lesen