Muse Athena S im Test: Besser schlafen mit Gehirnwellen-Messung
Meditation, Konzentration und erholsamer Schlaf sind nicht für jede Person einfach. Mein Gehirn tut sich besonders schwer, nicht innerhalb von Sekunden abzuschweifen. Daher sind mir technische Hilfsmittel willkommen. Die kanadische Firma Muse stellt seit Jahren Technik her, mit der Nutzer und Nutzerinnen ihre Gehirnwellen messen können. Ihr aktuellstes Produkt, das Athena S, ist ein weiches Stirnband, das auch im Bett getragen werden kann. Es trackt den Schlaf und mit der neuesten Funktion wird man möglichst sanft geweckt – so zumindest das Versprechen.
Ich sage es gleich vorweg – wer nicht allein schläft und eine geringe Schamgrenze hat, braucht Überwindung. Sexy ist das Stirnband nicht. Da ich meine langen Haare aber ohnehin nachts in einer Seidenhaube trage, ist meine Toleranz da relativ hoch. Was mich allerdings sehr überrascht hat, ist der hohe Tragekomfort, auch bei hohen Temperaturen. Das Stirnband ist sehr weich, leicht und ich vergesse schnell, dass ich es überhaupt trage.
Wichtig ist jedenfalls, dass die goldenen Kontakte im Band immer Hautkontakt haben. Die richtige Trageposition für ein perfektes Signal zu finden erfordert zu Beginn Übung und Herumprobieren, inzwischen habe ich damit keine Probleme mehr. Dieses Video zeigt zwar die perfekte Trageroutine für den Vorgänger, Muse S, gilt aber auch für das neue Athena S:
Ich habe es in den vergangenen Wochen fast jede Nacht getragen. Auch wenn es noch kein Langzeittest ist, konnte ich doch etwas beobachten: Ich schlafe merklich besser damit. Und ich gebe ehrlich zu, dass ich das nicht erwartet hatte.
Echte Gehirnwellenmessung
Erwartet hatte ich eine technische Spielerei, die besonders wissenschaftlich daherkommt, es im Grunde aber gar nicht ist. Ich habe statistisch berechnete Werte auf KI-Basis erwartet, wie es bei vielen Fitnesstrackern der Fall ist. Ein bisschen Recherche zeigt aber: Das Muse Band ist vielleicht kein medizinisches Produkt, erfüllt seine Aufgaben aber so gut, dass es manchmal auch in der Forschung eingesetzt wird.
Das Band besitzt Sensoren für ein EEG (Gehirnaktivität), fNIRS (Durchblutung und Sauerstoffversorgung) und das Herz-Kreislauf-System (Puls, Atemfrequenz und Blutsauerstoff). Beschleunigungssensoren messen zudem Bewegungen. Angezeigt werden diese Informationen in der zugehörigen Handy-App, die für die Nutzung des Stirnbands unbedingt erforderlich ist.
Was das Athena S misst
Diese Sensoren stecken im smarten Stirnband:
- 5x EEG (elektrische Spannungsschwankungen): Die Gehirnwellen (Delta-, Theta-, Alpha-, Beta- und Gammaband) in Echtzeit für die Ermittlung der Schlafphasen und zum Meditieren
- fNIRS (Infrarot): Lokale Durchblutung und Sauerstoffsättigung im präfrontalen Kortex für das Fokus-Training, indem es die kognitive Anstrengung und mentale Ausdauer misst
- PPG (Lichtreflexion der Blutgefäße unter der Haut): Herzfrequenz und Blutsauerstoffsättigung
- MEMS-Bewegungssensoren (Bewegungsmesser und Gyroskop): Messen die körperliche Ruhe während der Übungen und zeichnet Schlafpositionen auf
Die Menge an Daten, die das Band tatsächlich sammelt, kann vor allem am Anfang überfordernd und verwirrend sein. Ich jedenfalls wusste nicht, was mir die verschiedenen Gehirnwellen verraten, die mir nach jeder Nutzung in der App gezeigt werden. Lust zu lernen ist eine Grundvoraussetzung für eine zufriedenstellende Erfahrung mit dem Muse-Band.
So erfährt man, dass in den verschiedenen Schlafphasen, wie REM oder Tiefschlaf, auch unterschiedliche Gehirnareale aktiv sind. Während Fitnesstracker oft nur die Bewegung und Herzfrequenz messen, liest Muse die Schlafphasen aus den Gehirnwellen ab. Das verspricht eine genauere Messung, die ich ohne professionelles EEG aber nicht bewerten kann. Meine Vergleichswerte mit einem Fitbit Inspire 3 zeigen, dass die gemessenen Schlafphasen ähnlich, aber nie gleich sind. Auf mich machen die Muse-Ergebnisse jedenfalls einen seriösen Eindruck.
Man wird (vielleicht) geweckt
Mein Ansporn für den Test war eine neue Funktion, bei der das Stirnband mich zum besten Zeitpunkt weckt (funktioniert nur mit der aktuellsten Version des Bandes). Dafür trägt man das Band in der Nacht und stellt in der App den spätesten möglichen Zeitpunkt ein, zu dem man geweckt werden möchte. Zudem gibt man an, wie viel Spielraum Muse zum Wecken hat, z. B. 30 Minuten. Die Idee ist, dass man nicht aus einer Tiefschlafphase gerissen wird und dann völlig benebelt zu sich kommt, sondern so erfrischt wie möglich aufwacht.
Soweit zumindest die Idee, denn perfekt läuft das Ganze nicht. Ich wurde manchmal einfach nicht geweckt. Dabei müsste mein Handy einen Weckton abspielen, der mich aus dem Schlaf holt. Das hat aber selten geklappt. Vielleicht habe ich ihn manchmal nicht gehört, das kann ich mir aber kaum vorstellen.
So soll das smarte Aufwachen eigentlich funktionieren. Auch die paar Male, die das tatsächlich geklappt hat, kann ich euch versichern, dass ich nicht mit diesem Gesichtsausdruck aufgewacht bin.
© Muse
Vielmehr kam es immer wieder vor, dass sich das Band einfach nach einigen Stunden ausgeschaltet hat. So wurde ich auch nicht geweckt. Eine mögliche Problemlösung war das Ausschalten automatischer Updates für die Muse-App, da diese oft nachts durchgeführt werden. Dann startet die App neu und die Verbindung bricht ab.
Eine zweite Möglichkeit ist, dass Energiespareinstellungen des Handys die App oder die Bluetooth-Verbindung abdrehen. Daher sollte man in den Einstellungen der App immer erlauben, dass diese im Hintergrund laufen darf. Seither tritt das Problem weniger auf, man muss aber sichergehen, dass das Stirnband am Abend vollständig geladen ist. Die Akkulaufzeit wird von Muse mit 10 Stunden angegeben, wer also gesunde 8 Stunden schläft, sollte das mit einem vollgeladenen Band tun. Oder ich habe mich in der Nacht einfach zu stark bewegt und die Verbindung ging verloren.
Handy auf dem Nachtkasten ist Pflicht
Ebenfalls ein kleiner Nachteil ist, dass man für die Nutzung immer auch die App braucht. Darüber werden die Schlafsessions gestartet und sämtliche Einstellungen vorgenommen. Wer wie ich die Schlafbegleitung oder die Schlafsounds nutzen möchte, braucht zudem entweder Kopfhörer oder die Lautsprecher des Handys. Das kann für manche störend sein – entweder für einen selbst, oder für Partner oder Partnerin.
In der App lässt sich einstellen, was während des Schlafs passieren soll
© Muse /Screenshot
Gerade die Schlafbegleitung ist für mich aber das wichtigste Feature geworden. Ich lasse mir jeden Abend von einem Schotten mit angenehm ruhiger Stimme Alice im Wunderland oder Der Zauberer von Oz vorlesen und ich schlafe jedes Mal zuverlässig dabei ein. Es gibt verschiedene Themen, Akzente und Stimmen (männlich und weiblich).
Wer möchte, kann auch Geräusche abspielen lassen, etwa Meeresrauschen oder Kaminknistern, die immer dann lauter werden, wenn man kurze Wachphasen hat, oder „Pink Noise“ (weiches Rauschen), mit dem Tiefschlafphasen verlängert werden.
Das ist für mich eine wirkliche Bereicherung, da ich grundsätzlich große Probleme beim Einschlafen habe. Seit dem Athena S kann ich aber auf Präparate wie Melatonin verzichten. Ob das ein Placebo-Effekt ist, kann ich nicht sagen, zumal diese Erfahrung eine zutiefst individuelle ist. Nur weil ich damit merklich besser ein- und durchschlafe, muss das nicht für jede Person zutreffen.
Meditieren ohne abzuschweifen
Die Schlafmessung und -begleitung ist aber nur ein Teil der Funktionen, die das Stirnband mitbringt. Und auch hier gibt es viel zu lernen. Muse hat mit Geräten begonnen, die speziell für die Meditation gedacht waren und auch das geht mit dem Athena S. Die App bietet geführte und stille Meditationen mit verschiedenen Sprecherinnen und Sprechern, Längen und Geräuschkulissen an. Das Stirnband analysiert, wie gut man sich auf die Meditation eingelassen hat, bzw. wie stark die Gedanken gewandert sind.
Das Stirnband dient auch als Unterstützung bei der Meditation
© Muse
Besonders cool sind die Funktionen, bei denen man mit seinem Gehirn das Programm steuert. Bei sogenannten „Mind Biofeedback Meditation“ wählt man eine bestimmte Geräuschkulisse, z. B. den Regenwald. Immer dann, wenn man sich nur auf die Meditation konzentriert, wird das Geräusch von Regen lauter und stärker.
Das erfordert Training, denn anfangs lässt man sich davon schnell unter Druck setzen: „Warum hört es jetzt auf, ICH BIN DOCH ENTSPANNT?!“ Das weiß Muse aber auch und erklärt von Beginn an, nicht zu streng zu sich selbst zu sein. Es geht vielmehr darum, sich und sein Gehirn kennenzulernen.
Eule fliegen lassen - mit der Kraft der Gedanken
Ganz im Gegensatz zur Meditation stehen die Übungen für bessere Konzentration. Hier geht es darum, sich bewusst auf eine Sache zu fokussieren. Das fällt mir meist schwer, da ich oft mehrere Gedankengänge zeitgleich verfolge. Deswegen ist es super, dass diese Übung gamifiziert ist: Ich muss nur mit meinem Gehirn eine Eule zum Fliegen bringen.
Dabei werden nicht wie bei der Meditation Gehirnwellen gemessen, sondern die sogenannte Oxygenierung, also wie viel Sauerstoff im Gehirn ist. Ziel ist es, den präfrontalen Kortex in der Stirn dazu zu bringen, Sauerstoff und Glukose zu verbrennen. Für Menschen wie mich, die ADHS haben, ist das oft schwer. Mir hat es z. B. geholfen, ganz einfach von 0 aufwärts zu zählen, damit die Eule ihre Flügel bewegt.
Beim Eulen-Konzentrations-Spiel geht es darum, sein Gehirn anzustrengen und nicht zu träumen. Das hat bei mir hier gut geklappt, die Eule fliegt schnell, der Balken links ist weit oben
© Muse
Kompliziert, trotz KI-Coach
Leider wird das alles in der App nicht sehr gut bzw. umständlich verklausuliert erklärt. Es werden viele Fachbegriffe genannt und Diagramme mit Messwerten gezeigt, mit denen man wahrscheinlich erstmal wenig anfangen kann. Der integrierte KI-Coach „Enso“ hilft, die Werte nach einer Session zu interpretieren, vorausgesetzt, man hat eine Premium-Mitgliedschaft.
Der kommt dabei aber schnell an seine Grenzen. Enso arbeitet mit festgelegten Texten und kann mit spezifischen Rückfragen oft nicht umgehen. Wenn ich etwa beim Eulenspiel scheitere und frage, auf was ich mich denn konzentrieren soll, sagt sie immer wieder, ich soll mich auf „eine Sache“ konzentrieren, aber nicht auf welche. Man dreht sich schnell im Kreis und muss dann selbst recherchieren. Aus Sicht von Muse ist das aber verständlich, den Assistenten so weit einzuschränken, um zu verhindern, dass er versehentlich Arzt spielt und medizinische Empfehlungen ausspricht.
So sieht die Schlaf-Analyse aus - Enso ist da schon hilfreich. (Ja, ich bin erst halb 4 ins Bett gegangen, ich habe zu lange gelesen, es war Feiertag)
© Muse
Preis
Jetzt einmal alle durchatmen: Auf der Webseite von Muse kostet das Band 449,99 Euro. Wie so üblich heutzutage ist es damit aber nicht getan. Wer alle Vorteile nutzen möchte, darunter den KI-Coach, braucht ein Premium-Abo, das nochmal 99 Euro pro Jahr kostet. Ein Testabo wird nicht angeboten, wer das Band aber über die Muse-Webseite kauft, zahlt für das erste Jahr 49 Euro.
Oft lässt es sich bei solchen Angeboten gut ohne KI-Coach leben, die Auswertung der Daten ist aber so komplex, dass ich sie ohne Enso nicht verstehen würde. Vielleicht ist das nach einem Jahr anders und man kann darauf verzichten, das kann ich aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht bewerten. Jedenfalls ist dieses Abo der Grund für einige schlechte Bewertungen bei Amazon, wo es derzeit 487,99 Euro kostet, sowie in den App Stores.
Fazit
Diesen Frust kann ich bei einem so teuren Gerät verstehen. Obwohl ich das Band insgesamt wirklich als sehr gut und hilfreich empfinde, ist es doch eher ein Gerät für Menschen, denen Geld wirklich egal ist. Fast 450 Euro ist kein Preis, den ich mal eben so für Wellness-Tech bezahlen kann – auch wenn sich meine Schlafqualität damit ganz deutlich gesteigert hat.
Das Muse-Band bietet natürlich noch viele weitere Programme wie Atemübungen sowie Klanglandschaften, die sich am Herzschlag oder der Körperhaltung orientieren. Das ist ein riesiges Angebot, das Spaß macht und vor allem langfristig das Wohlbefinden verbessern soll. Man bekommt also schon etwas für sein Geld.
Ein sehr großes Manko sehe ich vor allem bei der App. Die ist offiziell nur auf Englisch verfügbar. Stellt man sie auf Deutsch, sind einige wenige Bezeichnungen halbherzig automatisch übersetzt, die meisten Inhalte bleiben aber auf Englisch. Wenn die eigenen Englischkenntnisse in Wort und Schrift also nicht sehr gut sind, kann man weder mit Enso sprechen, noch die geführten Übungen und Meditationen machen – und demnach das Stirnband nicht benutzen. Das Athena S erschien 2025, der Vorgänger Muse S bereits 2020 und seither wird es auch für den europäischen Markt angeboten. Dass man es nach dieser Zeit nicht schafft, verschiedene Lokalisierungen anzubieten, finde ich schwach.
Hinzu kommt, dass es keine Ersatzteile gibt. Sind die Kontakte am Band hin, hat man Pech. Ich bin auch skeptisch, wie lange die Akkuleistung ausreicht. Wenn ab Werk 10 Stunden angegeben werden und ich es täglich auf 100 Prozent laden muss, um die Schlaffunktion sicher zu nutzen, dann wird die Akkuleistung zwangsläufig mit der Zeit abnehmen. Auf Reddit berichten Nutzer davon, bereits nach einem Jahr den Akku tauschen zu müssen, wofür es kein offizielles Angebot gibt. Das ist weder nachhaltig noch dem Preis angemessen.
Selbst wenn ich nach 2 Jahren nur mehr auf 8 Stunden Laufzeit komme, ist das zu wenig für den hohen Preis. Mit einem vernünftig bepreisten Austausch-/Reparaturprogramm wäre das zugunsten des Tragekomforts verkraftbar, da ein größerer Akku auch mehr Gewicht bringt.
Es gibt also genug Vor- und Nachteile. Ob man so viel Geld investieren will und kann, muss jeder selbst wissen. Dass die Grundfunktion gut ist, lässt sich nicht absprechen. Nach aktuellem Stand reichen mir die Vorteile aber nicht aus, um den hohen Preis zu rechtfertigen.