In-Ears vom Feinsten: Sony WF-1000XM6 im Test
Es gibt manche Dinge, die ändern sich scheinbar nie. So wie Sonys furchtbare Namensgebung für seine Premium-Kopfhörer. Im Vorjahr wurde das Over-Ear-Modell mit dem WH-1000XM6 auf den neuesten Stand gebracht, jetzt folgt mit WF-1000XM6 die In-Ear-Variante.
Andere Dinge ändern sich aber schon – und das sogarzum Besseren, obwohl sie schon verdammt gut waren. Sony legt mit den WF-1000XM6 nochmals beim Sound und der aktiven Geräuschunterdrückung (ANC) nach und liefert In-Ear-Kopfhörer ab, an denen sich alle Modelle der Konkurrenz messen müssen.
Fesch in Grau
Das war absehbar- Schließlich liefert Sony mit den WF-1000-Modellen seit Jahren ab. Überraschend ist für mich bei den 6ern, wie gut sie aussehen, verglichen zu den früheren Generationen. Endlich hat Sony die Kunststoffmischung für das recycelte Material gut hingekriegt.
Die graue Variante mit der leichten Marmorierung sieht unglaublich gut aus und weit besser, als man es anhand der Fotos vermuten würde. Das Case und die Kopfhörer selbst sind Ton-in-Ton, ebenso die Innenseite des Ladecases. Je nach Lichteinfall bekommt die Farbe einen leichten Grünstich und wirkt beinahe Pastelltürkis.
Die 2 sichtbaren Mikrofone an der Außenseite der Kopfhörer sind chromfarben. Das matcht sich beinahe perfekt mit dem chromfarbenen Scharnier des Ladecase, das nur auf der Innenseite zu sehen ist. Bei so viel Ästhetik treibt es einem fast die Freudentränen in die Augen. Sogar die Status-LED wurde so verbaut, dass sie nur sichtbar ist, wenn sie durch das Gehäuse des Case durchleuchtet.
Das Case hat jetzt einen flachen Deckel statt eines gewölbten, was großartig aussieht. Die Form der Hörer wurde ebenfalls versimpelt – so geht Eleganz. Der Materialmix erinnert zudem nicht nur an hochwertiges Briefpapier, sondern fühlt sich auch so ähnlich an. Zur optischen Gefälligkeit kommt also noch eine ansprechende Haptik hinzu.
Tragekomfort
Für das Einsetzen ins Ohr braucht man keine Spezialausbildung mehr. Im Gegensatz zu einigen früheren Modellen setzt man sie einfach gerade ein und fertig. Man kann zwar den Hörer noch ein wenig nach oben oder unten im Ohr drehen, aber solange der Stoppel im Gehörgang sitzt, sitzt auch der Hörer richtig.
Nach Jahren voller „hier einsetzen, dann da drehen und dabei nach links unten schieben“ oder „erst einsetzen, dann den Bügel vorsichtig hier im Ohr einklemmen“ bei Sony In-Ears, fühlte sich das am Anfang für mich falsch an. Und mit dem Gefühl kommt die Furcht von: „Fällt mit der Stoppel gleich aus dem Ohr und landet im Gleisbett, wenn ich in die U-Bahn einsteige?“
Tatsächlich sitzen die Hörer weit fester im Ohr, als man vermuten würde. Das merkt man, wenn man nach den Hörer dem Einsetzen langsam vom Ohr wegzieht und dabei einen leichten Widerstand spürt. Das funktioniert allerdings nur, wenn man die Memory-Foam-Aufsätze in der richtigen Größe wählt. Im Lieferumfang sind insgesamt 4 Paare dieser Stoppel enthalten: Groß, Mittel, Klein und Extraklein.
Lieferumfang der WF-1000XM6
© Sony
Ist der Polster zu groß fürs eigene Ohr, spürt man zu viel Druck. Ist er zu klein, sitzt der Hörer lockerer und dichtet weniger gut ab, was sich negativ auf Klang und ANC auswirkt. Ich bräuchte eine Größe zwischen Mittel und Klein und habe mich für das geringere Übel entschieden. Lieber etwas unbequemer als schlechterer Halt und weniger effizientes ANC. Dafür drückt es aber, je nach Tagesverfassung, ein wenig im Ohr. Nach etwa 10 Minuten habe ich mich daran gewöhnt, aber so bequem, dass man vergisst, dass man sie trägt, sind die WF-1000XM6 definitiv nicht.
Für Menschen mit generell kleinen Ohren und nicht nur engen Gehörgängen, sind die WF-1000XM6 aufgrund ihrer Größe und Form womöglich nicht geeignet. Auch Nutzer, die gerne mit Kopfhörern seitlich am Kopfkissen oder am eigenen Arm liegen, könnten ein Problem mit den Hörern haben. Sie stehen nämlich doch merkbar aus dem Ohr hervor und drücken dann unangenehm Richtung Gehörgang.
Sound
Um es emotionslos zu sagen: Der Klang der WF-1000XM6 ist sehr erwachsen. Statt „auf die Fresse mit de‘ Bässe!“ gibt es einen Sound, der sich am ehesten als warmer Referenzklang beschreiben lässt. Der hat, aufgrund der Hörpräferenz der meisten Nutzer, etwas zusätzlichen Bass, ohne dass dieser übertrieben klingt.
Um es mit etwas mehr Fuego auszudrücken: Es ist Wahnsinn, wie gut die WF-1000XM6 klingen. Und sie sind furchtlos: Je komplexer der Song, desto mehr spielen sie ihre Stärken aus. Es war schon bei früheren Modellen der Serie beeindruckend, was man alles mit ihnen aus Liedern heraushören konnte, die man schon 1.000-mal gehört hat. Mit den WF-1000XM6 hat man Lust auf die nächsten 1.000-mal, weil Klarheit und Separation so gut sind.
WF-1000XM6
© Sony
Wer will, kann den Klang noch mit dem Equalizer in der Sony Begleit-App anpassen oder eine der Voreinstellungen wählen. Generell ist die Standard-Einstellung sehr gut und passt eigentlich für alles: Es scheppert, klappert und kreischt nichts, auch wenn man die Lautstärke in die oberen Sphären prügelt.
Das Verstärken des Basses ist aber kaum möglich. Im Grunde kann man nur alles leiser machen außer den Bass und dann die Lautstärke erhöhen – die Equalizer-Voreinstellung „Schwer“ macht auch nichts anderes. Wirklich nötig ist das ohnehin nicht. Die WF-1000XM6 haben auch so einen kraftvollen Sound und wer es einfach nur wummern lassen will und keinen Bock auf klaren Klang hat, wird vermutlich ohnehin nicht zu einem Premium-Produkt greifen.
Geräuschunterdrückung
Nicht nur beim Sound, auch beim ANC legt Sony eins drauf. Die aktive Geräuschunterdrückung ist schwer beeindruckend. Ist sie eingeschaltet, reicht in der U-Bahn die Wiedergabe eines Songs mit der Lautstärke 5 von 15 aus, dass man gar nichts mehr von außen hört: Weder den quietschenden Waggon, noch die Dame gegenüber, die mittels Freisprechfunktion ihrer Mutter erklärt, dass es reicht, wenn die vegetarisch erzogenen Kinder beim Besuch am Wochenende nur die Beilagen bekommen und sie lieber selbst Serviettenknödel mitnimmt, die sie dann dort für 15 Minuten im Ofen aufwärmt. Die vermutlich beleidigte Reaktion der Oma, weil sie nichts für die Enkerl kochen darf, habe ich dann dank ANC nicht mehr mitgehört.
WF-1000XM6
© Sony
Im Großraumbüro ist das Klappern der Tastatur des Kollegen in einem Meter Entfernung auch ohne Musikwiedergabe nicht hörbar. Wenn sich jemand lautstark unterhält oder man auch das eigene Tastenklappern unterdrücken will, sollte man dann doch Musik/Podcast/Rauschen hören.
Geht’s noch besser? Ja, natürlich. Gibt es derzeit was Besseres bei In-Ear-Kopfhörern? Nein. Die WF-1000XM6 sind aktuell Klassenbeste, was die Unterdrückung der akustischen Außenwelt angeht – wenn man die richtige Größe der Stoppel wählt, um den Gehörgang gut abzudichten.
Pass-Through
Ist so viel Stille unerwünscht, etwa wenn man als Fußgänger im Straßenverkehr unterwegs ist oder zuhause die Türklingel nicht überhören will (obwohl der Postler die Pakete sowieso einfach nur noch vor die Tür stellt und wegläuft), dann kann der Pass-Through aktiviert werden. Standardmäßig tippt man den linken Hörer einmal an, um ein- und auszuschalten, dass die Außenwelt mittels der Mikrofone in die Kopfhörer übertragen wird. In der App heißt die Funktion „Umgebungsgeräusch“.
Wird die adaptive Geräuschsteuerung verwendet, erkennen die Hörer automatisch, ob man gerade statisch ist, geht, läuft, im Zug/Flugzeug sitzt, usw. Das Erkennen und Umschalten zwischen den Modi funktioniert mittlerweile sehr gut, verglichen zu früheren Modellen der Kopfhörer-Reihe. Für die verschiedenen Szenarien kann man noch einstellen, wie stark der Pass-Through sein soll, also wieviel man von der Außenwelt hören will. Auch das kann man auf Wunsch automatisieren – ist es laut, dringt weniger durch, ist es leise, ist mehr von der Umgebung zu hören.
WF-1000XM6
© Sony
Ebenfalls möglich ist „Fokus auf Stimme“, was Stimmen leichter durchlässt. In der U-Bahn kann das zum Problem werden, weil man dann nicht nur die Durchsagen, sondern auch lautstark telefonierende Menschen besser hört. Etwas versteckt in der App gibt es noch „Speak-to-Chat“ als Option. Beginnt man zu reden, wird der Pass-Through eingeschaltet und die Lautstärke der Wiedergabe gesenkt, damit man Gespräche führen kann. Das ist nicht geeignet für Menschen, die gerne laut mitsingen oder beim Sporteln fluchen.
Generell sollte sich Sony mal anschauen, wo welche Funktion und Option in der App untergebracht ist. Immer wieder stößt man auf Dinge, die man antippen will, was aber nicht geht, weil man erst ein anderes Menü öffnen oder irgendwie einen Mini-Pfeil antippen muss. Intuitiv ist das nicht. Zum Glück muss man die App aber ohnehin nicht oft verwenden: Hat man einmal die wichtigsten Einstellungen vorgenommen, kann man sie weitestgehend ignorieren.
Funktionen und Laufzeit
Wer sich mit der App dennoch beschäftigt, wird u.a. die Verbindung mit 2 Bluetooth-Geräten gleichzeitig bemerken, die Optionen für die Touch-Kontrolle, DSEE Extreme, 360 Reality Audio, Head-Tracking und Priorität der Bluetooth Verbindung auf Klangqualität, Stabilität oder niedrige Latenz (fürs Gaming). Das Einstellen von Priorität auf Klangqualität ist für User zu empfehlen, die HiRes-Audio hören, da hier automatisch der Codec mit der höchsten Bitrate, der unterstützt wird, gewählt wird. Die Codecs sind SBC, AAC, LDAC und LC3 mit LE Audio.
WF-1000XM6
© Sony
Auracast wird ebenfalls unterstützt. Beim Bluetooth war Sony nachlässig: Die WF-1000XM6 haben Version 5.3, statt das aktuelle Bluetooth 6.0. Die Telefonqualität mit den Kopfhörern ist sehr gut. Auch Windgeräusche werden verlässlich bei der Übertragung der eigenen Sprache herausgefiltert.
Die Akkulaufzeit gibt Sony mit 8 Stunden an. Mit dem Akku im Case sollen es 24 Stunden sein. Die Laufzeit kann stark variieren, je nachdem, ob ANC eingeschaltet ist, die Höhe der Lautstärke, welcher Pass-Through-Modus und welcher Codec genutzt werden und ob man auch telefoniert. Dabei gibt es Ausreißer nach oben und unten: mal geht es eher Richtung 7:30 Stunden, mal sogar hin zu 9 Stunden. Ein 10-Stunden-Flug mit durchgehender ANC-Nutzung wird sich jedenfalls nicht ausgehen, ohne dass die Hörer dazwischen ins Case müssen.
WF-1000XM6 in Schwarz
© Sony
Fazit
Sony liefert mit den WF-1000XM6 in 2 wesentlichen Punkten ab: Sound und ANC. Diese Kombination aus den 2 hervorragenden Performances machen sie zur In-Ear-Referenz, an der sich die anderen Hersteller mit ihren Premium-Modellen jetzt messen müssen.
Zudem hat Sony diesmal einen wirklich guten Look hingekriegt. Der Komfort der WF-1000XM6 könnte dafür noch ein wenig besser sein und Sony muss endlich mal seine App überarbeiten. Kann man damit leben und ist bereit für die aktuell besten In-Ears entsprechend viel zu bezahlen (UVP 299 Euro, 301 Euro bei Amazon), sind die WF-1000XM6 die richtige Wahl. Außer man hat ein iPhone: Wegen der tiefen Integration ins Apple-Ökosystem, ist man dort mit den AirPods Pro 3 besser dran.