Hugh und Diana bilden ein dynamisches Duo im Kampf gegen die Killer-Roboter
Pragmata im Test: Die 4 Jahre Verspätung haben sich richtig ausgezahlt
Falls ihr von Pragmata (PS5, Xbox Series, Switch 2, PC) bis vor kurzem noch nie gehört habt: So geht es gerade einigen. Das Spiel flog lange unter dem Radar. Ursprünglich wurde es für 2022 angekündigt. 2023 wurde der Release auf „unbestimmte Zeit verschoben“, um dann 2025 für heuer angekündigt zu werden.
Was auch immer Capcom in den 4 Jahren mit Pragmata gemacht hat: Es war die Verzögerung wert. Das Ergebnis ist ein Shooter, der so innovativ wie ein Indie-Game wirkt, der aber auf das Know-how, die Ressourcen und die Technologie des Resident-Evil-Machers zurückgreifen kann.
Ein Fiebertraum, der Sinn macht
Dass Pragmata überhaupt gemacht wurde, anstatt das nächste Resi-Remake, wirkt fast wie ein Wunder – wenn man sich die Prämisse anhört. In der nahen Zukunft spielt man den Astronauten Hugh, der auf einer riesigen Mondbasis gegen Killer-Roboter kämpft, während ein kleines Mädchen sich hinten an seinem Raumanzug festhält und besagte Roboter hackt. Ach ja, ein Jetpack gibt es auch.
Klingt wie ein Fiebertraum eines Indie-Entwicklers, macht aber, fast schon erschreckend schnell, alles Sinn. Die Story, die Aufmachung, die Charaktere, das englischsprachige Voice Acting: Es passt. Ein bisschen Mystery, glaubhaftes Science-Fiction und Dianas Haare (das hackende Mädchen am Rücken), für die das Haarsimulationssystem von Resident Evil verwendet und aufgemotzt wurde, runden das Gesamterlebnis ab.
Diana am Rücken von Hugh
© Screenshot / Capcom
Adrenalinkicks
Das beste Rundherum bringt aber nur wenig, wenn das Gameplay nicht genauso stimmig ist. Und was kann man noch von einem Third-Person-Shooter erwarten, was man nicht schon x-fach gespielt hat? Gibt es hier also einfach nur ein Resi am Mond, mit Robotern statt Zombies?
Aber sowas von nein. Bei Resident Evil: Requiem hatte ich zu keinem Zeitpunkt solche Adrenalinkicks wie bei Pragmata. Das Hacken ist nämlich ein Mini-Game, das man mitten in der Action spielen muss. Denn nur so offenbaren die Roboter ihre Schwachstellen, damit man tatsächlich Schaden anrichten kann. Gleichzeitig muss man die Umgebung im Auge behalten und die anderen Roboter, die einen angreifen und beschießen oder über den Haufen rollen wollen.
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Diana und Hugh
© Screenshot / Capcom
Micro-Management
„Pipifax, mach ich locker“ – denkt sich da manch einer: Zumindest, bis es dann tatsächlich soweit ist. Als wäre das Hacking, Schießen und Ausweichen nicht schon genug, kommt nämlich noch ein Ressourcen- und Zeitmanagement hinzu – in Echtzeit. Das Nachladen dauert nämlich gefühlt ewig, obwohl man von der Mond-Schrotflinte ohnehin nur 4 Schuss dabei hat. Und dann muss man während des Hackens noch entscheiden, ob man etwa einen der 2 Multihacks einsetzt oder die lieber noch aufhebt.
Und das Gegenstück zum Medipack, von dem man auch nur wenige mithat, heilt zu Beginn nur etwa ein Viertel der Energieleiste und man muss die entsprechende Taste gedrückt lassen. Außerdem kann man es nicht während des Zielens oder Hackens einsetzen. Multitasking und Micro-Management unter Lebensgefahr ist hier angesagt.
Roboter wird gehackt.
© Capcom
Hacking-System
Der Kleber, der das alles zusammenhält, ist das grandios gelöste Hacking-System. Zielt man auf einen Roboter, taucht rechts oben der Hacking-Raster auf. Die rechten Tasten des Controllers (A, B, X, Y bzw. Dreieck, X, Kreis, Kästchen) fungieren dann wie ein Steuerkreuz und bewegen den Cursor nach links, rechts, oben und unten. Das Ziel ist, zum grünen Symbol zu kommen, ohne dass der Hack unterbrochen wird – etwa weil einem ein Roboter eines überbrät.
Auf dem Weg zum grünen Symbol kann man Icons mit dem Cursor einsammeln, die bei einem erfolgreichen Hack den Schaden erhöhen. Hat man noch Hack-Verstärker übrig, kann man die mit derselben Methode einsetzen. Dazu gehört etwa der bereits erwähnte Multihack, der auf mehrere Gegner im Umkreis angewandt wird.
Nur ein erfolgreicher Hack offenbart die Schwachstelle des Roboters. Ohne diesem ist es eigentlich sinnlos, auf den Robo zu schießen, weil man kaum Schaden macht. Allerdings gibt es spezielle Waffen und Hilfsgegenstände, die auch ungehackte Roboter zurückwerfen, verlangsamen oder ablenken. Natürlich ebenso mit nur knapper Munition.
Jeder Hack ist dadurch ein ständiges Abwägen: Geht es sich noch aus, den Robo zu hacken, bevor er in Schlagweite ist, oder sollte ich das Weite suchen? Mach ich einen schnellen Hack oder gehe ich auf maximalen Schaden, weil ich mir zutraue, dem fliegenden Roboter auszuweichen, falls er gleich schießt? Setze ich jetzt schon die Aufladewaffe ein oder hebe ich sie noch auf, falls gleich wieder ein Robo-Riesenbaby um die Ecke kommt?
Spezialwaffen sind sehr hilfreich gegen die Robo-Angreifer, haben aber nur sehr wenig Munition
© Capcom
Motivation
Je länger man spielt, desto mehr geht das Gameplay in Fleisch und Blut über – weiß auch das Spielestudio. Und deshalb kommen neue Gegner, herausfordernde Hacking-Raster und noch eine Komponente hinzu, die Micro-Management erfordert. Sollte einem das zu viel werden, kann man den Schwierigkeitsgrad auf Leicht stellen, wenn man den Robotern zum Opfer fällt. Man kann zwar auch gleich mit Leicht beginnen, jedoch reduziert das die intensiven Adrenalin-Kicks. Deshalb: Erst ein paar Mal auf Normal probieren, bevor man das Schwierigkeitsgrad-Handtuch schmeißt.
Es ist nicht nur die Herausforderung des Kampfes, die einen weiter antreibt. Man will wissen, was hier genau passiert ist, wo die Menschen hin sind und warum die Roboter einen auf Skynet machen. Pragmata präsentiert sich dabei wie ein umgedrehter Trichter. Man geht langsam in das glaubhafte Scifi-Szenario der Mond-Basis rein, das stückchenweise erweitert wird – bis man in völlig unerwarteten Levels steht, die aber trotzdem, von der Hintergrundstory her, Sinn ergeben.
Diana und Hugh
© Screenshot / Capcom
Plot ist nicht überraschend
In dieser Hinsicht ist Pragmata beispielhaft dafür, wie Worldbuilding sein sollte: Sanft den Spieler in die unbekannte Welt hineinlassen und diese nach und nach durch Tiefe und Komplexität öffnen. Nicht ganz so gut gelungen ist der Plot. Ist man Videospiele-Veteran, sieht man die „überraschende“ Wendung kilometerweit kommen.
Und auch der Papa-Tochter-Vibe, der spätestens seit The Last of Us (2013) wieder angesagt ist, wirkt nicht ganz frisch – ist aber zweckmäßig. Wenn man noch was zum Nörgeln sucht, dann ist es das Speichersystem. Gespeichert werden kann nur im Shelter, der nur über bestimmte Punkte in den Levels erreicht werden kann. Diese Punkte sind zwar großzügiger verteilt als die Schreibmaschinen in Resident Evil, aber wenn man für eine Passage dann doch mal länger braucht als gedacht und weg muss, ist es nervig, wenn man nicht zwischendurch speichern und genau dort fortsetzen kann, wo man aufgehört hat.
Fazit
Pragmata hat mich kalt erwischt. Ich hätte nicht geglaubt, dass Capcom so einen Hit hervorzaubert, der nichts (abgesehen von Dianas Haaren) mit Resident Evil zu tun hat. Das Hacken ist eine willkommene Auffrischung im Shooter-Einerlei und gibt Pragmata Indie-Game-Vibes, aber mit dem Budget eines AAA-Titels.
Gameplay und Atmosphäre machen Pragmata zu einem Spiel-des-Jahres- oder zumindest Shooter-des-Jahres-Kandidaten. Wenn man einigermaßen stressresistent beim Zocken und offen für Neues ist, sollte man Pragmata eine Chance geben.
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