Kabelkopfhörer feiern ein Comeback
Warum Kabelkopfhörer jetzt ein Comeback feiern
2016 verloren Apple-Kopfhörer ihre langen Kabel. In kürzester Zeit wurden die Apple AirPods, die 6-mal so teuer waren wie die Kabelkopfhörer, die damals noch allen neuen iPhones kostenlos beilagen, zum Accessoire der Stunde. Möglich machten das leistungsfähigere und kleinere Akkus.
Das Modemagazin Vogue fragte: „Sind Apple AirPods die neuen Ohrringe?“ Streetstyle-Blogs fotografierten bewusst Trendsetter mit den AirPods im Ohr. Popstars, Schauspieler und Sportler posierten damit. Die Bluetooth-Stöpsel waren dermaßen gefragt, dass Leute angeblich sogar zu nicht funktionsfähigen Attrappen griffen. Und Kabelkopfhörer? Sie wurden scheinbar obsolet. Bald darauf entfernte Apple am iPhone den 3,5-mm-Kopfhörer-Anschluss.
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Vor 10 Jahren galten AirPods als die neuen Ohrringe.
© APple
Auf in die Bluetooth-Ära
Die Konkurrenz versuchte, beim Trend zu Bluetooth-Kopfhörern, die man in kleinen Döschen aufbewahrt, mitzuziehen: Sony brachte 2017 etwa die WF-1000X auf den Markt, die bei Technikfans und flugreisenden Geschäftsleuten beliebt waren. Samsungs Galaxy-Buds-Modelle gelten als Go-to-Bluetooth-Kopfhörer für alle mit Samsung-Smartphone.
Allerdings schaffte es niemand, Apple wirklich das Wasser zu reichen. Mit 57 Prozent beherrschte Apple den Markt für Highend-Wearables 2021 ganz klar. Samsung kam als Nummer 2 im Rennen auf 17 Prozent. Die Apple AirPods blieben jahrelang das ultimative Statussymbol aller Unterdreißigjährigen und Berufsjugendlichen.
Kabelkopfhörer für Y2K-Rebellen
In der Modewelt kündigte sich aber kurz vor der Corona-Pandemie eine neue Retro-Welle an. Der Stil der 2000er-Jahre wurde als „Y2K“ wiederbelebt. Und neben geradezu pervers-schmalen Sonnenbrillen, Hüft- und Militär-Cargohosen griffen Trendsetter wie das Model Bella Hadid plötzlich wieder zu Kabelkopfhörern - als eine Art Modeaccessoire.
Die Popsängerin Dua Lipa, die beim Y2K-Trend stark mitmischte, trug sie 2021 sogar als Halskette. 2024 erklärte sie in einem Interview: „Ich mag Kabelkopfhörer, weil ich sie nicht aufladen muss.“ Für sie sei es eine Sache weniger, die sie im Kopf haben müsse. Trotz dieser Trendsetter blieben Kabelkopfhörer aber zunächst ein Nischenprodukt für Mutige, die damit etwas provokant aus der Reihe tanzten.
2026: Die Kabel sind zurück
Ein Comeback der Kabelkopfhörer wurde seitdem immer wieder heraufbeschworen. Die Verkaufszahlen bestätigten den Trend aber nicht. Bis jetzt: Seit dem Vorjahr kaufen Leute wieder mehr kabelgebundene Kopfhörer. Im Juni 2025 gab es mit 3 Prozent erstmals wieder ein kleines Plus, in der zweiten Jahreshälfte sprangen die Verkäufe dann auf 10 Prozent. Und seit Anfang 2026 sagen Trendforscher erstmals wieder eindeutig: Ja, sie sind zurück. Seit Jahresbeginn stiegen die Verkäufe um 20 Prozent, zeigt eine Analyse Marktforschungszentrums Circana.
Laut dem Schweizer Onlinehändler Galaxus treiben vor allem junge Menschen den Trend: Bei der Kundschaft unter 25 lag der Anteil der kabelgebundenen Kopfhörer 2024 noch bei 17 Prozent, heuer seien es 33 Prozent. Bei allen Altersgruppen betrug der Anteil 2024 17 Prozent und jetzt 25 Prozent. Laut dem Schweizer Onlinehändler kaufen vor allem junge Frauen Kabelkopfhörer: 45 von 100 greifen lieber zum Kabelmodell.
In Österreich scheint der Trend noch nicht ganz angekommen: Bei den Innenohr-Kopfhörern bleibe die Nachfrage zumindest stabil, teilt Mediamarkt der futurezone mit. „Bluetooth ist stark zwiegespalten: Neue Technologien wie Open-Ear-Kopfhörer verzeichnen starkes Wachstum, das allerdings noch auf geringerem Niveau ist, während die Nachfrage nach klassischen Bluetooth-Modellen im Vergleich zum Vorjahr rückläufig ist.“ Amazon wollte der futurezone keine Zahlen zum Verkauf nennen.
Bluetooth-Kopfhörer als Stressfaktor
Brancheninsider wie Galaxus sehen Dua Lipas Akku-Frust als einen der Gründe für die aktuelle Abkehr von Bluetooth-Modellen, zumal man die Kabeldinger nicht vor jeder Verwendung aufladen muss. Die einzelnen Teile hängen zusammen und man verliert sie nicht so schnell.
Bei Bluetooth-Stöpseln ist das anders: 3 Einzelteile müssen zusammenspielen. Wird der Akku aus einem davon (linker Kopfhörer, rechter Kopfhörer, Ladecase) kaputt, geht eigentlich nichts mehr. Und selbst wenn alles funktioniert, ist das ständige Aufladen all ihrer Geräte für viele Nutzer eine nervige Angelegenheit. Manche haben darauf keine Lust mehr, neben Smartphone, Notebook und Smartwatch auch noch die Kopfhörer ans Netzteil zu hängen.
Kabellose In-Ear-Kopfhörer und die dazugehörige Ladeschale
© Gregor Gruber
Für Frust sorgen auch technische Probleme: Mal lassen sich die Geräte nicht verbinden, mal funktioniert plötzlich ein Stöpsel nicht mehr und man muss erst wieder herumprobieren, wie sich das Problem beheben lässt.
Bluetooth-Kopfhörer sind so oft eine zusätzliche Mini-Managementaufgabe im ohnehin stressigen und komplexen Alltag. Bei den „dümmeren“ Kabelkopfhörern muss man hingegen nichts planen oder bedenken. Man nimmt sie einfach aus der Tasche oder von der Couch und hört drauflos. Der Akku wird nicht im falschen Moment leer.
„Bluetooth funktioniert einfach nicht“, meinte etwa die Schauspielerin Zoe Kravitz in einem Interview. Ihren Frust wegen der ausfallenden, kabellosen Verbindung teilen etliche andere Menschen, die sich in eine einfachere Zeit zurückwünschen, als Geräte noch weniger Funktionen hatten.
„Performative Final Boss“-Aura
Der Retro-Trend, der auf Social Media grassiert, ist ein klarer Treiber der Verkäufe: Bezeichnend ist etwa, dass der „Performative Final Boss“ die Geräte trägt: Dieser Typ wird auf der Straße oder am Uni-Campus nicht nur mit Gedichtbänden gesichtet, sondern auch anhand von um den Hals baumelnden Kabelkopfhörern identifiziert.
Der Internet-Begriff nimmt ironisch junge Männer aufs Korn, die Dinge nur tun, um bei Frauen gut anzukommen („performativ“). Es sind keineswegs immer Apple-Kopfhörer, mit denen er wie ein Pfau um Aufmerksamkeit wirbt, sondern oft auch Modelle von anderen Herstellern oder Vintage-Modelle, die mit einem Retro-Look auffallen.
Teenager bestellen sie extra für den Videodreh oder ein Fotoshooting. Sie filmen sich damit auf TikTok und schreiben: „Fühle mich sofort 10-mal cooler.“ Oder: „Habe gerade Kabelkopfhörer gekauft, ich bin jetzt cool“. Die Geräte sind ganz klar zu einem neuen Statussymbol geworden - wer Trendsetter sein will, kommt daran nicht vorbei.
Streitthema Soundqualität
Es soll allerdings auch Leute geben, die kabelgebundene Kopfhörer wegen der Soundqualität bevorzugen. Während Bluetooth-Geräte wie die Apple AirPods Pro 2 sogar räumliche Sounds wiedergeben und den Klang an die Kopfbewegungen anpassen, behaupten immer wieder Audiophile in Foren wie Reddit, die Audioqualität sei bei Kabelkopfhörern viel besser. Etwa wegen ausbleibender Verzögerungen, also dem Stottern, durch die kabellose Übertragung. Die werden aber vermutlich eher selten zu In-Ears greifen, sondern zu Over-Ears.
Und Over-Ears sind sowieso ein Thema für sich. Sie gelten ebenfalls als ziemlich angesagt, auch in Bluetooth-Ausführung. Dass der neue Gucci-Chefdesigner Demna Gvasalia bei seiner Modenschau am Times Square in New York im Mai ein Model mit den Over-Ear-Kopfhörern von Apple auf den Laufsteg schickte, dürfte kaum Zufall gewesen sein.
Das Rennen um die coolsten Kopfhörer ist also noch nicht entschieden. Außerdem haben kabelfreie Kopfhörer, mit denen man nicht jedes Mal an der Türschnalle oder an der Zugstation im Fitnessstudio hängen bleibt, auch ganz klar ihre Vorteile.
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