Kurzvideos ohne KI: Vine-Nachfolger Divine im Test
Anfang 2013 begann eine neue Plattform in Windeseile das Internet zu erobern. Mit einem simplen Logo und unter dem Namen Vine war das vermeintlich nächste große Ding auf den Markt gekommen. Das Alleinstellungsmerkmal waren die kurzen Videos, die auf maximal 6 Sekunden begrenzt waren und so eine ganz neue Form des Contents und Konsums lieferten.
Nach nur 3 Monaten Existenz für 30 Millionen Dollar von Twitter aufgekauft, wurde die App trotz zwischenzeitlich fast 200 Millionen monatlich aktiven Nutzerinnen und Nutzern 2017 bereits wieder eingestampft. Mit Divine erlebt die Plattform jetzt quasi ihre Wiedergeburt.
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Alte Bekannte
Unterstützt von Twitter-Mitbegründer Jack Dorsey, geht mit Divine jetzt die Neuauflage von Vine an den Start. Seit Ende letzten Jahres befand sich die Plattform in einer geschlossenen Testphase, mit der Veröffentlichung der nativen Apps erfolgt jetzt der Start. Neben den Apps für iOS und Android existiert Divine bereits seit Längerem als Web-App. Der Start ist hier wie dort gleichermaßen möglich.
Das Ansehen von Videos ist bei Divine über die Web-App auch ohne Account möglich, für alles andere braucht es ein Konto. Selbiges gilt für die Nutzung der Apps, die uns direkt zum Start um eine Anmeldung bitten. Tippen wir auf Registrieren, erfordert Divine derzeit noch einen Einladungscode, für den wir uns auf die Warteliste setzen lassen können. Umgehen lässt sich die Warteliste, indem wir uns per Nostr-Key anmelden. Nach der Auswahl eines Profilnamens landen wir dann auch schon im Suchbereich der App.
In den Suchbereich wirft uns Divine, um uns nicht mit einer leeren Timeline zu begrüßen, wie es manch andere neue Plattformen gerne tun. Für Content ist bereits vom Start weg gesorgt. Über eine halbe Million Videos von Vine wurden übernommen und lassen sich bereits ansehen.
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Vertraute Umgebung
Auch vorhanden sind die Profile einiger Content-Creatoren, wie JimmyHere oder Logan Paul, die unter anderem durch Vine groß wurden. In der Suche können wir uns direkt durch das bereits vorhandene Material stöbern. Divine unterteilt in „Klassiker“, „Neu“ und „Beliebt“. Auch Kategorien von Tiere über Essen bis Heimwerken gibt es.
Tippen wir auf ein Video, beginnt es direkt abzuspielen. Wie gewohnt hat keines der Videos mehr als 6 Sekunden Laufzeit. Zusätzlich spielen diese in einer unendlichen Dauerschleife. Heute vor allem von TikTok bekannt, gibt es auch hier unendliches Scrollen.
Per Wischgeste nach oben bzw. unten springen vor bzw. zurück. Am rechten Rand des Videos finden wir sämtliche Buttons zum Interagieren. Liken, Kommentieren und Reposten sind möglich, Teilen und Infos-Abrufen ebenso. Einen ganz besonderen Stellenwert hat auch der hier auffindbare Report-Button.
Kampf gegen KI-Slop
Wie auch auf anderen Plattformen können hier Inhalte gemeldet werden, die etwa Gewalt verharmlosen, sexueller Natur sind oder Falschinformationen verbreiten. Eine eigene Meldeoption ist hier auch „KI-generierte Inhalte“. Die Plattform setzt auf vollständig von Menschen generierten Content. Wie sehr sich das konstant durchsetzen lässt, steht aber in den Sternen.
Folgen wir bereits einigen Accounts, sammeln sich all deren Inhalte in einer eigenen Timeline mit der Überschrift „Abonniert“. Unter „Für Dich“ landen die Videos, die zu unserem Geschmack passen sollen.
Möchten wir selbst Videos erstellen, geht das über den hervorgehobenen Kamera-Knopf am unteren Bildschirmrand. Hier werden wir nochmal auf das 6-Sekunden-Limit hingewiesen. Über die beiden Modi Capture und Classic können wir dann unsere Videos aufnehmen.
Während Capture bildschirmfüllend arbeitet, bekommen wir bei Classic den alten quadratischen Ausschnitt für unsere Videos. Ein dritter Modus, Upload, begrüßt uns lediglich mit einem Text. Dort findet sich noch einmal der Hinweis, dass man keine KI-generierten Inhalte auf der Plattform haben möchte und auch aus diesem Grund keine Uploads aus der eigenen Galerie erlaubt.
Nicht nur der Content ist auf Divine schon ziemlich weit, auch die Apps können sich schon sehen lassen. Alle wichtigen Features sind bereits implementiert, selbst Direktnachrichten und Benachrichtigungen haben bereits einen eigenen Reiter und sind funktionsfähig.
Ganz vereinzelt hakt es noch beim Stöbern durch die App. Gerade wenn schnell zwischen Videos gewechselt wird, ruckelt es noch etwas. Auch, dass wir im Capture-Mode gefangen sind, wenn einmal falsch geswipt wird, gehört noch behoben. Für eine solch junge App sind diese Bugs aber fast normal. Verbesserungswürdig sind auch noch die Ladezeiten, vor allem beim Wechsel der Timelines.
Fehlende Monetarisierung
So sehr die Nostalgie ein Motor für Divine ist, muss sich die Plattform einigen Fragen für die Zukunft stellen. Ein heißes Thema ist bei sozialen Netzwerken immer die Nutzerbasis, die bestimmte Ausmaße erreichen muss. Hand in Hand damit geht die Monetarisierung, die damals der Hauptgrund war, warum Vine eingestellt wurde.
Divine spricht hier momentan nur von „Plänen in der Zukunft“, in denen bevorzugtes Hosting und Content für Abonnenten eine Einnahmequelle bieten sollen. Ein Punkt, der immer wieder hervorgehoben wird, ist, dass die Creatoren ihre Zuschauerschaft bzw. Follower „besitzen“.
Da Divine auf Nostr aufbaut, ist die Plattform nicht Besitzerin der Accounts und deren „Beziehungen“. Selbiges gilt für den Content, der auf Divine gepostet wird. Auch sonst hat die Plattform viele Pläne. Unter anderem wird von benutzerdefinierten Algorithmen und eigenen Divine-Adressen gesprochen.
Fazit
Divine versucht, den Nostalgie-Faktor seiner Vorgänger-Plattform für sich zu nutzen. Dank der Beibehaltung des Video-Konzepts fühlt sich die App direkt vertraut an. Die Zeit für Short-Form-Inhalte könnte kaum besser sein, die Konkurrenz ist mit TikTok, Instagram Reels und Co. aber groß.
Der wohl spannendste Aspekt von Divine ist der Verzicht auf KI-Inhalte sowie der Einsatz von Nostr, der eine dezentrale Nutzung ermöglichen soll. Der Erfolg von Divine wird am Ende aber davon abhängen, ob mehr Content-Creatoren angelockt werden. Die Möglichkeiten zur Monetarisierung werden wohl den Ausschlag bringen.