Renaissance des Warzenschweins: A-10 mit neuer Taktik gegen den Iran
Die A-10 Warthog genießt Kultstatus unter Fans von Kampfflugzeugen. Nicht nur, weil sie als Erdkampfflugzeug einzigartig in der Flotte der US Air Force ist, sondern für ihre ikonische Bewaffnung. Das Flugzeug ist um die 30-mm-Gatlingkanone GAU-8 herumgebaut.
Die hohe Feuerrate sorgt für einen „BRRRRRRT“-Sound mit mindestens genauso hohem Wiedererkennungswert. Wegen des hohen Munitionsverbrauchs dabei wird die GAU-8 üblicherweise in Feuerstößen (Burst) abgefeuert, die 2 bis 3 Sekunden dauern. Bei den jüngsten Einsätzen gegen den Iran haben A-10s aber jetzt deutlich länger gefeuert, in einem Fall waren es fast 9 Sekunden.
Die Einsätze fanden im Irak in der Provinz al-Anbar statt. Dort wurden Stellungen von Milizen angegriffen, die vom Iran unterstützt werden und für Angriffe auf US-Militärbasen im Irak verantwortlich gemacht werden. Ein weiteres Video aus der Region zeigt eine A-10, die einen Burst abfeuert, der fast 6 Sekunden dauert.
65 Schuss pro Sekunde
Die GAU-8 hat eine Feuerrate von 3.900 Schuss pro Minute, also 65 Schuss pro Sekunde. Das Magazin ist üblicherweise mit 1.174 Schuss geladen (maximal 1.350 möglich). Ein 9 Sekunden dauernder Burst entspricht in etwa 585 Schuss – gut dem halben Magazin. Die A-10 könnte also nur 2 Angriffe (Strafe/Strafing Runs) mit einem so langen Burst fliegen, gegenüber den 6 bis 9 Strafes, die mit der regulären Taktik möglich wären.
Üblich sind so lange Bursts jedenfalls nicht, wie sich twz von früheren A-10-Piloten bestätigen hat lassen. Laut ihnen sind 2 bis 3 Sekunden normal. Derart lange Bursts, wie sie jetzt beobachtet wurden, seien nicht Teil der Ausbildung bzw. des Trainings.
Abgesehen vom hohen Munitionsverbrauch kommt hinzu, dass lange Bursts die Streuung erhöhen, weil die Läufe heiß werden. Unter optimalen Bedingungen gilt die GAU-8 als sehr präzise: Auf eine Entfernung von 1.200 Meter schlagen 80 Prozent der Geschosse in einem Kreis mit einem Durchmesser von 12 Metern ein. Steigt die Streuung, vergrößert sich der Durchmesser des Kreises.
Ein weiterer Grund, warum lange Bursts bei der A-10 nicht üblich sind, ist die Lebensdauer der Läufe. Je heißer die werden, desto schneller sinkt die verbleibende Nutzungsdauer und die Läufe müssen früher getauscht werden. Das sorgt für höhere Kosten und Ausfälle, weil die A-10 während der Wartung nicht einsatzbereit ist. Werden 3 Angriffe mit je einem 3-Sekunden-Burst geflogen, haben die Läufe dazwischen Zeit abzukühlen und werden dadurch insgesamt weniger heiß, als wenn in einem Strafe ein 9-Sekunden-Burst abgegeben wird.
GAU-8 bei der Wartung
© US Air Force
Verteilte Ziele oder psychologische Kriegsführung
Warum die A-10 jetzt diese Regeln, die fast 50 Jahre gegolten haben, über den Haufen wirft, ist nicht bekannt. Auch die ehemaligen A-10-Piloten können nur spekulieren, was hinter der neuen Taktik steckt. Einer vermutet, dass dabei womöglich 2 Faktoren zusammenspielen: Erstens, viele Ziele die auf einer großen Fläche verteilt sind. Zweitens, möglicher Beschuss durch Flugabwehr.
Sind beispielsweise vereinzelte Infanteristen auf einem größeren Gebiet verteilt, macht der Einsatz von Bomben oder Luft-Boden-Raketen wenig Sinn, da nicht eine Gruppe Soldaten auf einmal ausgeschaltet werden kann. Und findet der Einsatz in einem Gebiet statt, in dem mit Luftabwehr zu rechnen ist, etwa durch schultergestützte Raketenwerfer (Manpads), sollte sich die tief und langsam fliegende A-10 dort nur so kurz wie möglich aufhalten. Also gibt es einen Angriff mit einem langen Burst, statt mehrerer Angriffe mit kurzen Feuerstößen.
Ein anderer ehemaliger A-10-Pilot meint, es könnte psychologische Kriegsführung sein. Ein 6 bis 9 Sekunden andauernder Burst und die Hunderten kleinen Explosionen der Projektile am Boden sind eine erschreckende Geräuschkulisse, die länger anhalten, als wenn eine einzelne Bombe oder Rakete explodiert.
Man könnte damit versuchen, den Milizen klarzumachen, dass weitere Angriffe für sie nicht gut ausgehen werden. Auch versteckte Kämpfer, die in getarnten Positionen im Gebiet sind, könnte damit Angst eingejagt werden. Dass mit der A-10 „Warnschüsse“ abgegeben werden, ist jedenfalls keine übliche Taktik.
Alles muss raus vor der Pension
Es gibt noch eine dritte Option: Verbrauchen, was da ist, weil es eh wurscht ist. Die Air Force wollte schon dieses Jahr beginnen, die A-10 in Pension zu schicken. Alle über 160 verbleibenden, aktiven Maschinen sollten außer Dienst gestellt werden.
Der US-Kongress hat dies aber verboten und verordnet, dass die Air Force mindestens 103 Stück in der Flotte behalten muss – bis zum Ende des Fiskaljahrs 2026 (30. September 2026). Das heißt aber, gut 50 Stück kann die Air Force bald in Rente schicken und danach womöglich den Rest.
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A-10
© US Air Force
Der Einsatz gegen den Iran könnte also das letzte Hurra der A-10 sein. Und gibt es die A-10 nicht mehr, braucht man auch keine Ersatzläufe für die GAU-8, da diese Kanone bei den US-Streitkräften exklusiv bei der A-10 zum Einsatz kommt. Also wurden A-10-Piloten womöglich angehalten, eher die GAU-8 gegen Ziele mit geringer Priorität zu verwenden, als andere Waffen. Denn die Luft-Boden-Raketen und Bomben, die die A-10 tragen kann, können auch andere Flugzeuge nutzen – die GAU-8 wird aber zusammen mit der A-10 verschwinden.
Ähnliches gilt für die Munition. Die GAU-8 hat mit 30 x 173 mm dasselbe Kaliber wie die weit verbreitete 30-mm-Kanone Mk44 Bushmaster II, die etwa von Schützenpanzern genutzt wird. Die panzerbrechende Munition PGU-14/B mit einem Kern aus abgereichertem Uran und Aluminiumhülse, ist aber für die GAU-8 optimiert und wird üblicherweise nicht für die Mk44 genutzt. Also raus damit, solange man noch A-10s hat, um die Munition zu verschießen.
Eine 30-mm-Patrone der GAU-8
© US Air Force
Die Air Force nutzt zwar auch eine Variante der Mk44, aber mit anderer Munition. Die AC-130J, und ihre Vorgänger, wie die AC-130W, haben die Maschinenkanone unter der Bezeichnung GAU-23/A an Bord. Für die wird die Munition PGU-46/B verwendet, hochexplosiv, mit Brandsatz. Sie ist gegen Infanterie und leicht gepanzerte Fahrzeuge und Stellungen geeignet.
Weitere A-10s im Nahen Osten
Bisher wurde die A-10 nicht direkt im Iran eingesetzt, sondern in verbündeten Ländern und teilweise in der Straße von Hormus. Neben ihrer klassischen Aufgabe zum Angriff auf Bodenziele wird sie dort zur Bekämpfung von iranischen Schnellbooten und Kamikaze-Booten genutzt und zur Jagd auf Kamikaze-Drohnen. Dazu wurde sie unlängst mit den lasergelenkten Raketen APKWS II ausgestattet.
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Eine A-10, die gegen den Iran eingesetzt wird. Unter dem linken Flügel ist ein APKWS-II-Starter mit 7 Raketen zu sehen.
© US Air Force
Jetzt gibt es allerdings Hinweise, wonach die A-10 bald über den Iran fliegt, berichtet twz. Anhand von öffentlichen Daten könnten 28 Stück der Nationalgarde zu US-Stützpunkten im Nahen Osten überstellt werden. Anhand dieser Menge besteht die Vermutung, dass die A-10 als Nahbereichsunterstützung für US-Kommandoeinheiten eingesetzt werden könnte, ähnlich wie bei den Kriegen in Afghanistan und im Irak. Das wiederum könnte ein Hinweis sein, dass die USA planen, Bodentruppen in den Iran oder auf einige seiner Inseln zu schicken.
Bis dahin müssen die USA aber die restliche Luftabwehr des Irans ausschalten oder zumindest stark reduzieren. Die A-10 wäre nämlich ein leichtes Ziel für sie. Dass das bisher noch nicht passiert ist, zeigen 2 Vorfälle. Bei einem wurde ein F-35 Stealth-Fighter der Air Force mit einer Luftabwehrrakete getroffen, bei einem anderen wurde eine F/A-18E/F der US Navy nur knapp verfehlt.
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Zuvor wurden F/A-18-Kampfjets gefilmt, die Strafes mit ihren M61A1-Bordkanonen in den Küstenregionen des Irans gemacht haben. Und wenn eine F/A-18 dabei (beinahe) getroffen werden kann, dann kann eine langsamere, tieffliegende A-10 erst recht von der Luftabwehr erwischt werden.
Zur Abwehr der Sowjetunion geschaffen
Die A-10 wurde 1976 in Dienst gestellt. Offiziell heißt sie Thunderbolt II, bekannter ist aber ihr Spitzname Warthog - Warzenschwein. Diesen hat sie von den Piloten bekommen, weil sie als hässlich, gleichzeitig aber schlagkräftig und robust gilt.
Dass sie bis jetzt aktiv ist, liegt daran, dass die US-Streitkräfte kein vergleichbares Erdkampfflugzeug haben. Sie wurde ursprünglich für das Szenario entworfen, dass die Sowjetunion mit großen Panzerverbänden versucht, Europa zu erobern.
Mit ihren Strafes mit der GAU-8 sollte sie ganze Fahrzeugkolonnen gleichzeitig unter Beschuss nehmen. Durch die hohe Feuerrate kann bei richtiger Flugrichtung ein einzelner Angriff reichen, um mehrere Panzer zu treffen.
Die Mischung machts
Der Air Force war klar, dass die Wucht der 30-mm-Projektile vermutlich nicht ausreichend wird, um den 1974 eingeführten sowjetischen Kampfpanzer T-72 zu zerstören. Daher wird eine Munitionmischung geladen. Nach 4 Schuss PGU-14/P folgt immer ein Schuss PGU-13/B, ein hochexplosives Brandgeschoß. Selbst, wenn die panzerbrechenden Geschosse nicht ins Panzerinnere vordringen, könnten die Hochexplosivgeschoße die Ketten sprengen, oder das Zielvisier, Antennen oder ähnliche Komponenten zerstören.
Panzer mit gesprengten Ketten können nicht mehr fahren und sind „Sitting Ducks“ – also leichte Ziele, für einen erneuten Beschuss der A-10 mit Luft-Boden-Raketen oder Streubomben, oder später folgende Angriffe der Artillerie oder von Bombern. So sollten die sowjetischen Panzerkolonnen ausgebremst werden.
A-10 ist robust, aber nicht gegen Raketen
Die A-10 gilt als außerordentlich robust, weil Teile des Rumpfs mit Titan geschützt sind. In Zeiten des Kalten Kriegs rechnete die Air Force damit, dass die A-10 hauptsächlich mit Abwehrfeuer von Maschinengewehren und Flakpanzern konfrontiert wird. Dazu gehört etwa der weitverbreitete sowjetische Shilka.
Gegen Raketen hat die A-10 aber nur schlechte Chancen. Sie ist weit schwerfälliger und langsamer als übliche Kampfjets. Sie ist deshalb wenig agil, wenn sie anfliegenden Raketen ausweichen muss.
Ihre normale Reisegeschwindigkeit liegt bei 560 km/h, die Maximalgeschwindigkeit nur bei 706 km/h. Ihre 2 Triebwerke sind zudem außenliegend und damit exponiert. Die Splitter einer Luftabwehrrakete, die von vorn oder von hinten trifft, könnten beide Triebwerke gleichzeitig ausschalten.
Das Umfliegen der feindlichen Luftabwehrstellungen ist nur bedingt möglich. Denn die Kampfreichweite der A-10 liegt bei 467 km, wenn das übliche Verweilen im Kampfgebiet (Lingering) von 30 Minuten herangezogen wird. Da bleibt nicht viel Spielraum für Ausweich- und Umgehungsmanöver.
Effektiv nur bei Lufthoheit
Die mangelnde Agilität macht die A-10 auch zu einem leichten Ziel im Luftkampf gegen russische Jets, falls es dazu kommen sollte. Sie kann zwar zur Selbstverteidigung mit Sidewinder-Raketen bestückt werden, bei einem Dogfight gegen eine Mig-29 oder Su-35 hätte sie aber dennoch schlechte Karten.
Wirklich effektiv eingesetzt kann die A-10 also auf einem Schlachtfeld nur, wenn Lufthoheit besteht und der Feind keine Luftabwehrraketen hat. Ihren ersten Kampfeinsatz hatte die A-10 1991 im Golfkrieg, 4 Stück wurden durch Boden-Luft-Raketen abgeschossen. Bei späteren Konflikten wurden die A-10 zurückhaltender eingesetzt, wenn mit Beschuss durch Raketen zu rechnen war.
Diese A-10 wurde durch Flakfeuer über Bagdad schwer beschädigt, konnte aber zum Flughafen zurückkehren und dort sicher landen.
© US Air Force
Die Aufgaben der A-10 sollen künftig die F-15EX übernehmen. Die ist zwar nicht speziell für den Erdkampf ausgelegt, hat aber eine hohe Traglast, die in diesem Fall für eine große Stückzahl an Luft-Boden-Raketen und gelenkten Bomben genutzt werden kann.