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Basis 67: Chinas nukleare Sprengköpfe sind „konzentriertes Risiko”

China hat in den vergangenen Jahren nicht nur seine Armee, Marine und Luftstreitkräfte mit hoher Geschwindigkeit aufgestockt. Auch das nukleare Arsenal ist kräftig angewachsen. Seit 2023 hat China laut dem Stockholm International Peace Research Institute jährlich 100 neue Atomsprengköpfe produziert, wodurch die Gesamtzahl jetzt bei über 600 Stück liegt.

Dieser rasante Anstieg stellt die chinesischen Streitkräfte vor logistische Herausforderungen. Denn nukleare Sprengköpfe müssen speziell gelagert und transportiert werden. Die Air University der US Air Force hat einen 33-seitigen Bericht dazu veröffentlicht. Im Zentrum davon steht Basis 67.

Atomares Zentrallager

Die Basis 67 hat ihren Ursprung im Jahr 1958. Sie wurde damals als Einheit 0674 gegründet. 1969 wurde sie in die Provinz Shaanxi verlegt, seit 1980 gehört sie zur Zweiten Artillerie (Erpao) der chinesischen Armee (PLA). Zwischendurch hieß sie Basis 22. 2017 wurde sie schließlich zu Basis 67, im Zuge des Übergangs von der Erpao zur PLARF (People's Liberation Army Rocket Force).

Die PLARF wurde zu einer eigenen Teilstreitkraft des chinesischen Militärs, neben der Armee, Marine und den Luftstreitkräften. Sie ist zuständig für die taktischen und strategischen Raketen des Landes und kontrolliert das chinesische Arsenal von landbasierten ballistischen Raketen, Hyperschallraketen und Marschflugkörpern – sowohl konventionell als auch nuklear.

Im Rahmen dieser Neustruktur wurde die Basis 67 zum Zentrallager für die atomaren Gefechtsköpfe. Laut der Air University sind mindestens 3 Einheiten in Brigadestärke unter dem Kommando von Basis 67 (eine Brigade bei der PLA hat üblicherweise um die 5.000 Mann). 2 Einheiten sind für die Lagerung der Sprengköpfe zuständig, während eine auf das Einschreiten bei nuklearen Notfällen spezialisiert ist.

Kleinere Einheiten in Regimentgröße sind für verschiedene Aufgaben zuständig, wie Ausbildung, Kommunikation, Sicherheit, Logistik, Luftabwehr, Qualitätskontrolle der Sprengköpfe und Transport. Die auf der Basis 67 stationierten Truppen werden inoffiziell „Die Wächter des Staatsschatzes“ genannt, wegen ihrer Aufgabe, das Arsenal der Atomsprengköpfe zu beschützen.

Nur eine Gebirgsstraße

Das eigentliche Zentrallager für die Atomsprengköpfe der Basis 67 heißt „Hongchuan” (Deutsch: Roter Fluss). Es befindet sich etwa 55 km entfernt vom Hauptquartier der Basis 67, das in der Stadt Baoji ist (etwa 1.000 km südwestlich von Peking).

Die Straße nach Hongchuan

Es gibt nur eine einzige Straße, die zu Hongchuan führt. Wegen der Lage im Gebirge ist diese eng und enthält etliche Serpentinen. Die Abgelegenheit des Standorts führt dazu, dass es bei den ober- und unterirdischen Lagerstätten von Hongchuan keinen Handyempfang gibt (Stand 2019). Internetzugang erhält man nur im Computerraum des Lagers.

Die Abgeschiedenheit von Hongchuan wird in chinesischen Staatsmedien positiv dargestellt. Es sei eine besonders ehrenvolle Aufgabe, dort zu dienen, und die dort stationierten Soldaten würden sich durch besondere mentale Stärke und hohes Pflichtgefühl auszeichnen. Die wenigen Frauen, die seit 2014 bei Hongchuan dienen dürfen, werden von Staatsmedien als die „Mulans von Hongchuan“ gefeiert.

Luftverteidigung

2012 hat Basis 67 eine eigene Einheit für die Luftverteidigung bekommen. 2017 wurde sie auf Regimentstärke ausgebaut. Laut der Air University gibt es nur wenig Informationen zur Ausrüstung der Einheit. Sie dürften mit HQ-11 oder HQ-16 ausgestattet sein. HQ-16 ist ein Lkw-basiertes Luftabwehrsystem. Die Raketen haben, je nach Ausführung, eine Reichweite von 40 bis 160 km.

Ebenfalls dürfte LD-2000 im Einsatz sein. Dieses System nutzt eine 7-läufige Gatling-Kanone im Kaliber 30 mm mit einer maximalen Reichweite von 3 km. Die Feuerrate beträgt bis zu 5.800 Schuss pro Minute.

LD-2000

LD-2000 hat ein eigenes Radar und Zielerfassungssystem und kann so vollautomatisch anfliegende Ziele bekämpfen. Es ist die letzte Linie der Verteidigung, um im Nahbereich anfliegende Drohnen, Marschflugkörper und Raketen zu zerstören. Üblicherweise kommt das System als Type 730 auf Schiffen zum Einsatz.

Die Air University merkt in ihrem Bericht an, dass das Luftabwehr-Regiment das Motto „Überall hingehen, überall gewinnen“ hat – was etwas seltsam ist, wenn es eigentlich die Basis 67 verteidigen soll. Das Regiment hat aber auch eine mobile Einheit und in der Vergangenheit an Militärübungen in Umgebungen teilgenommen, die ganz anders als die Berge rund um Hongchuan sind.

Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie auch für die Verteidigung von anderen Orten zuständig ist, etwa für wichtige Transitpunkte an denen Sprengköpfe umgeladen werden und womöglich für die Luftverteidigung während des Transports selbst. Sollte das wirklich so sein, wäre relativ wenig Personal vorhanden, um alle diese Aufgaben zu bewältigen.

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Verteidigung am Boden

Für die Verteidigung gegen Bodenangriffe gibt es keine zentrale Einheit. Hier scheinen die verschiedenen Einheiten jeweils eigene Gruppen in Bataillonstärke zu haben. Außerdem gibt es kleinere, taktische Teams. Das Hauptquartier von Basis 67 wird etwa von einer Spezialeinheit namens „Messerschneide“ bewacht, während eine andere Einheit eine 38-Mann-starke Spezialtruppe namens „Scharfes Messer“ hat. Auch das Luftabwehr-Regiment hat eigene Soldaten für den Bodenschutz.

Wie Hongchuan genau bewacht wird, ist nur vage bekannt. Es scheint eine Aufteilung zwischen Sicherheitskräften zu geben, die für den Außenbereich zuständig sind und Personal, das speziell für die Sicherheit in den Lagern in direkter Umgebung der Nukleargefechtsköpfe geschult ist.

Transport

Die Gefechtsköpfe können Hongchuan nur per Lkw verlassen. Die Lkw sind speziell modifiziert und haben u.a. einen Infrarotschutz, um die Thermalsignatur zu reduzieren. Das soll die Entdeckung und Verfolgung durch Satelliten, Spionageflugzeuge und Drohnen mit Infrarotkameras reduzieren.

Die Lkw zum Transport der Sprengköpfe sind mit einem Infrarotschutz ausgestattet

Die Konvois, die die nuklearen Gefechtsköpfe transportieren, können über 40 Fahrzeuge beinhalten. Die Fahrer und das Personal bekommen eine spezielle Ausbildung, um die Sprengköpfe auch durch Kriegsgebiet und bei zerstörter Infrastruktur transportieren zu können. Der Konvoi ist ausgestattet, um provisorische Brücken zu errichten, Fahrzeuge schnell zu reparieren und im Notfall in weniger als 10 Minuten den Sprengkopf auf ein Reservefahrzeug umzuladen.

Fahrer und Personal bekommen schon Tage bis Wochen vor einem anstehenden Transport ein Kommunikationsverbot. Weder Freunde noch Familie dürfen kontaktiert werden, damit keine Informationen über den Transport der atomaren Sprengköpfe durchsickern. Während der Fahrt werden alle 2 Stunden die Temperatur und andere Parameter der Gefechtsköpfe und der Laderäume der Lkw überprüft. Auf der Route zum Ziel sind Rastpositionen vorgesehen, die mit Tarnnetzen geschützt sind.

Je nach Zielort der Gefechtsköpfe besteht die Möglichkeit, dass die Reise per Zug weitergeht. Etwa 80 km von Hongchuan entfernt, im Bereich der Stadt Xipo, gibt es einen Bahn-Hub. Die Zugfahrt mit den nuklearen Sprengköpfen kann mehrere Tage dauern. Alle ein bis 2 Stunden werden Temperatur und Luftfeuchtigkeit in den Waggons überprüft. Der Zug selbst wird bei jedem Halt überprüft, um zu verhindern, dass er auf der Strecke wegen eines Defekts liegenbleibt.

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Beim Bahn-Hub gibt es zudem eine eigene Transportschnellstraße für Lkw. Diese führt 22,4 km weit zu einem Terminal in Wenjiangsi. Die Air University geht davon aus, dass es mehrere solche Transportschnellstraßen gibt. Ob die atomaren Sprengköpfe auch per Luft transportiert werden, ist nicht bekannt. Theoretisch wäre es zumindest möglich. Denn nördlich von Hongchuan, etwa 4,5 Stunden Fahrzeit entfernt, gibt es 2 geeignete Flughäfen der chinesischen Luftstreitkräfte.

Nächster Halt: Basis 61 bis 66

Die Ziele der Transporte von Hongchuan weg sind 6 andere Basen: 61 bis 66. Diese sind im ganzen Land verteilt. Die nächste ist etwa in 6 bis 7 Stunden Fahrzeit erreichbar, die weiteste in über 24 Stunden.

Auch einige dieser Basen sind abgelegen. Basis 64 erstreckt sich etwa über Hunderte Kilometer im Gebirge. Einer der mindestens 11 Außenposten befindet sich auf 3.600 Metern Seehöhe und ist nur von 6 Soldaten bemannt, die 32 Quadratkilometer patrouillieren sollen. Eine Gruppe von Soldaten bei Basis 64 ist für Patrouillen und den Kampf zu Pferde ausgebildet, weil sich das Terrain nur schlecht für Fahrzeuge eignet.

Möglicher Weitertransport

Die Aufgabe dieser Basen ist die Zwischenlagerung, Prüfung und Kontrolle der nuklearen Gefechtsköpfe, bevor sie weitertransportiert werden. Wie lange sie gelagert werden, ist nicht bekannt. Üblicherweise bekommen diese Basen erst die Gefechtsköpfe von Basis 67, wenn die Bestückung der Raketen stattfindet oder wegen eines Hochrisikoszenarios unmittelbar bevorsteht – also im Krieg oder kurz vor Kriegsausbruch.

Wie der Weitertransport der Gefechtsköpfe funktioniert und wo sie dann auf die Raketen montiert werden, ist nicht bekannt. 2 chinesische Quellen beschreiben, dass in einigen Basen in der Ausbildung simuliert wird, wie die Gefechtsköpfe auf Raketen installiert werden. Das gilt nur für Raketen, die von Startern auf Lkw-Basis abgefeuert werden. Die Atomsprengköpfe für Interkontinentalraketen, die in Silos untergebracht sind, werden direkt im jeweiligen Silo installiert.

Konzentriertes Risiko und Wachstumsschmerzen

Anhand dieser Analyse kommt die Air University zum Schluss: Chinas Taktik, nahezu alle seine nuklearen Sprengköpfe an einem Ort aufzubewahren, ist ein starker Fall von konzentriertem Risiko. Zwar ist Basis 67 gut gegen Angriffe geschützt, aber dieser Schutz kann gleichzeitig zum Problem werden. Wird die enge Straße von Hongchuan blockiert oder zerstört, kann das die Auslieferung der Gefechtsköpfe empfindlich verzögern.

Zudem sind durch dieses zentralisierte System lange Transporte per Straße oder Zug nötig, was in einem Kriegsszenario wertvolle Zeit kostet und dem Feind mehr Möglichkeiten für Angriffe bietet. Weiters gebe es Berichte über veraltete Computersysteme, die auf eine ebenso veraltete Infrastruktur von Basis 67 hindeuten. Hinzu kommt, dass die PLARF Probleme haben dürfte, Fachpersonal für Hongchuan zu finden. Der abgelegene Ort und der damit verbundene Mangel an Komfort sind abschreckend für viele Menschen. Da hilft auch nicht, dass die Staatsmedien die Truppen dort hochleben lassen.

Ein weiteres Problem sind laut der Air University die Wachstumsschmerzen. Anhand der öffentlichen Quellen ist ersichtlich, dass nicht nur die nuklearen Sprengköpfe selbst, sondern auch die Brigaden, die die damit bestückten Raketen starten würden, stark vermehrt wurden. So hatte etwa Basis 62 früher das Kommando über 3 solche Brigaden, jetzt sind es 5. Bei Basis 66 wurden aus 3 sogar 6. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass das Personal des Unterstützungssystems aufgestockt wurde.

Das heißt: Dieselbe Menge Personal wie vor ein paar Jahren muss jetzt die doppelte Menge Arbeit machen. Die Air University fragt deshalb laut, ob dieses System, das für eine simplere Nuklearstrategie ausgelegt war, auf Dauer in dieser Form weiter betrieben werden kann – oder in einer Krisensituation zusammenbrechen würde.

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Gregor Gruber

Testet am liebsten Videospiele und Hardware, beschäftigt sich leidenschaftlich mit Rüstungstechnologie.

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